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Aerosmith: Das Comeback einer totgesagten Rock-Legende

Die legendären Hardrocker hier in unserem Zentralorgan des Popnerdtums? Wir lassen es heute mal krachen.

Totgesagte leben länger – die Hardrocker von Aerosmith sogar schon seit 55 Jahren, obwohl sie mehrfach angezählt waren: Ende der 70er-Jahre ertranken sie fast im Drogensumpf, in den 90ern setzten sie ihre Credibility mit Power-Balladen von externen Songwriter:innen aufs Spiel, 2012 landeten sie einen Megaflop mit ihrem letzten Album. 2023 mussten sie ihre Abschiedstour wegen einer Stimmbandverletzung ihres Sängers Steven Tyler canceln. Doch immer wieder haben sie es zurück an die Spitze geschafft. Mit Unterstützung von Yungblud standen sie vor kurzem zum ersten Mal auf Platz 1 der UK-Albumcharts.

Rise, Fall und wieder Rise: Die Aerosmith-Saga

Die Sage von Aerosmith pendelt zwischen den Polen einer ausgewachsenen, leuchtenden US-Flagge. Die USA lieben das Erzählschema vom Rise and Fall, gefolgt von der zweiten Chance. Keine Band verkörpert dieses Auf und Ab und Auf so exemplarisch wie diese fünf Typen aus Boston, die 1970 mit Schlaghosen, im Falle ihres Sängers Steven „Demon of Screamin’“ Tyler noch breiterem Grinsen, und einem Sound zwischen Blues-basiertem Hard- und theatralischem Glam-Rock angetreten waren, „America’s Greatest Rock and Roll Band“ zu werden. Tyler, eine bunt schillernde, androgyne Mischung aus Schlangenbeschwörer, Zirkusfloh und Rampensau, verschluckte die Mikrofone. Seinen Gegenpol bildete Gitarrist Joe Perry, cool bis zur Eisgrenze, keine Miene zu viel verzogen. Zusammen traten sie, vergiftet von Ruhm und Rausch, als Toxic Twins das frühe Erbe der Glimmer Twins aus Mick Jagger und Keith Richards an. Wie ihre britischen Vorbilder vereint sie eine lebenslange Hassliebe. Nach einigen personellen Tumulten von Juli 1979 bis April 1984 besteht die Band bis heute aus dem klassischen Personal von 1971: Tyler (als Sohn eines deutsch- und italienischstämmigen Vaters bürgerlich: Tallarico), Perry, der zweite Gitarrist Brad Whitford, Bassist Tom Hamilton und Drummer Joey Kramer. Als Aerosmith gerieren sie sich als der American Dream, den der Wecker nie platzen lässt.

Anfänge in Boston: Drogen, Träume und ein Bandname

Ihre Geschichte beginnt 1970 in New Hampshire. Tyler, Drummer und Backgroundsänger von Chain Reaction sowie glühender Fan von Perrys Jam Band, der auch Hamilton und Kramer angehören, empfiehlt die Fusion der beiden Gruppen – unter der Prämisse, dass er als Sänger vorrücken dürfe. Zusammen beziehen sie ein Domizil in der Bostoner Commonwealth Avenue Nr. 1325, wo sie die Tage mit bekifften Bandproben und Wiederholungen der TV-Comedyserie „The Three Stooges“ verbringen; die Komikertruppe hatte davor schon Iggy Pops Band Pate für deren Namen gestanden. Die Idee zu „Aerosmith“ speist sich aus Harry Nilssons 1968er-Album AERIAL BALLET und der Schullektüre „Arrowsmith“, Sinclair Lewis‘ parodistischem Roman aus dem Jahr 1925. Kramer kritzelte noch zu Highschool-Zeiten seine Übungshefte mit dem Portmanteau Aerosmith voll. Ähnlich wie zwölf Jahre darauf sich drei Berliner zu Die Ärzte zusammenschließen sollten, um mit dem Anfangs-Umlaut ein Alleinstellungsmerkmal im Plattenladen zu haben, ist Kramer von dem beginnenden Doppelvokal fasziniert und überzeugt seine Bandkollegen, die anderen Namenskandidaten The Hookers, Spike Jones und Fox Chase zu verwerfen.

Neuzugang und Tylers Jugendfreund Ray Tabano wird als Rhythmusgitarrist schnell von Whitford ersetzt. Tabano kümmert sich fortan als Manager um die Belange der Band. 1971 lanciert er den Fanclub „Aero Force One“, betitelt in Anspielung auf den US-Präsidenten befördernde Luftfahrzeuge „Air Force One“. Tabano bleibt im Tross der Band, bis ihn 1979 David Krebs und Steve Leber hinauswerfen, die 1972 das Management übernommen haben. Die Newsletter und Merch-Artikel verschickt Tabano aus dem neuen Hauptquartier der Band, einer alten Lagerhalle, die man mit einem Wortspiel aus der englischen Entsprechung „warehouse“ und dem Umstand, dass der meist zugedröhnten Gruppe nicht immer klar ist, wo ihr der Kopf steht, „Wherehouse“ benennt. Die klangliche Nähe zu „whorehouse“, also einem vulgär bezeichneten Bordell, hat für die regelmäßig Groupies beherbergende Band einen Extrareiz.

Nicht unwahrscheinlich ist es, allerdings noch nicht rechtsgemäß erwiesen, dass es damals wie bei so vielen ihrer Zunftskollegen (der etymologische Ursprung des Terminus „Rock’n’Roll“ geht auf eine Analogie für Geschlechtsverkehr zurück) zu Grenzüberschreitungen kommt; im Falle von Tyler zu einer besonders haarsträubenden: 1973 beginnt er im Alter von 25 Jahren eine Beziehung mit der damals 16-jährigen, vom Leben gebeutelten Julia Holcomb. Mit dem Einverständnis von deren Mutter bekommt er die Vormundschaft für das Mädchen zugesprochen, damit sie bei ihm in Boston leben darf. Über drei Jahre verbindet sie eine von Drogen dominierte Beziehung, die in einen für Holcomb und Tyler traumatisierenden Schwangerschaftsabbruch mündet. Jahrzehnte danach erhebt Holcomb, inzwischen unter dem Namen Misley, in einer Klage schwere Vorwürfe: Tyler habe sie manipuliert, sexuell ausgenutzt und zur Abtreibung gedrängt. Tyler weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet die Beziehung als einvernehmlich. Das letzte Wort ist hier gewiss noch nicht gesprochen.

Durchbruch mit Columbia und der Produzent Jack Douglas

Mitte 1972 überzeugen Tyler und seine Truppe Columbia-Chef Clive Davis im legendären New Yorker Club „Max’s Kansas City“ von ihren Live-Fähigkeiten und bekommen einen Major-Deal. Dessen erste Frucht, das 1973er-Debütalbum AEROSMITH, hebt allerdings noch nicht in die auf dem Cover dargestellten luftigen Höhen ab und versackt auf Platz 166 in den US-Charts. Der Opener „Make It“ kann sein Versprechen nicht erfüllen, der spätere Classic-Rock-Klassiker „Mama Kin“ – laut Tyler das Herzstück im Schaffen der Band – ist durch seine blutleere Produktion als solcher nicht zu erkennen. In den Band-Memoiren von 1997 „Walk This Way“ blickt Perry auf die ausgebliebenen Reaktionen zurück: „Es gab überhaupt nichts: keine Presse, kein Radio, keine Airplay, keine Kritiken, keine Interviews, keine Party. Das Album wurde ignoriert und es gab viel Ärger.“ Ganz so stimmt das allerdings nicht. Denn zunächst zwar noch in überschaubarem Ausmaß, sorgt die einzige ausgekoppelte Single „Dream On“ für Aufsehen – im Sinne von Aufhören und, ja, hält die Band so vom Aufhören ab.

Die Akkordfolge der epischen Rockballade geisterte Tyler schon seit dem Alter von drei Jahren im Kopf herum, nachdem er, unter dem Familienpiano liegend, seinem Vater – einem am Konservatorium der renommierten Juilliard School ausgebildeten Musiker – beim Klimpern zugehört hatte. Mit 14 Jahren verpasste er seinem Song einen tiefschürfenden Text, wie ihn wohl nur mit Tagträumen und erster Sinnsuche beschäftigte 14-Jährige erschaffen können: „Dream on, dream until your dreams come true“. Lange sollte es nicht mehr dauern.

In den landesweiten Charts erreicht das Lied zwar nur Platz 59, im Lokalradio wird es aber zu einem der meistgespielten des Jahres. An dessen Ende steht die Wende in Form von Jack Douglas, der nach seiner Funktion als Tontechniker auf John Lennons IMAGINE-Album zum lebenslangen Intimus der Beatles-Legende wurde. Zufällig hatten die beiden sich davor schon indirekt gekannt: Von der Beatlemania gepackt, hatte Douglas sich 1965 mit einem Freund auf den Weg nach Liverpool gemacht, wo ihnen mangels eines Visums die Einreise verwehrt wurde. Lennon nahm von der britischen Presse Kenntnis, die über das verhinderte Abenteuer der „Two crazy Yanks“ berichtete. In einer aktuellen Folge von Billy Corgans Video-Podcast „The Magnificent Others“ spricht der heute 80-jährige Douglas darüber, dass er das Potenzial von Aerosmith sofort erkannte, nachdem er den Job für die Aufnahme von deren zweitem Album erhalten hatte: Es sei schnell ersichtlich gewesen, dass Tyler eine „wahrhafte Naturgewalt“ ist. „Ich wusste, dass er die Band an die Spitze befördern könnte. Er war der Sache so verschrieben, so loyal. Er liebte diese Typen, ganz besonders Joe, von dem er diese Art Liebe aber nie erwidert bekam, was oft zu Problemen führen sollte.“

Mit Douglas kommt der Erfolg: Nach dem 1974 erschienenen GET YOUR WINGS produziert er das Opus magnum der Band, TOYS IN THE ATTIC, mit dem Aerosmith dank der Hits „Walk This Way“ und „Sweet Emotion“ nur kurz vor den Top Ten der USA Halt machen müssen, bevor sie 1976 mit ROCKS auf Platz drei vorstoßen. Diese beiden Alben werden Meilensteine des Hardrock; ganze Generationen sollten sich auf die hedonistischen Rockhymnen berufen. Wo andere damals Bedeutung suchen, macht Aerosmith es sich zwischen den Visionären des Progressive Rock und der sich gegenüber in Stellung bringenden Abrissbirne des Punk gemütlich: Bei Aerosmith geht es weder um das Vor- noch das Rückwärts, ihr Anliegen ist die Intensivierung des Jetzt mit den üblichen Tools des Rock: Sex, Drugs, and Violence. Keine Tolkien-Themen, keine Sci-Fi-Sphären, lieber druff bumsen und abrocken. Mit dieser Ausrichtung laufen sie parallel zur anderen großen US-Rockshow aus der Nachbarschaft: Kiss. In den New Yorker Record-Plant-Studios gibt man sich die Klinke in die Hand. Im Dauerrausch schleudern Douglas und Aerosmith die Alben heraus. 1976 wird das wiederveröffentlichte „Dream On“ endlich ein Top-Ten-Erfolg.

Erster Abstieg: Drogen, Zerfall und Wiedervereinigung

Nach dem Höhepunkt mit ROCKS beginnt der erste lange Abstieg. DRAW THE LINE verkauft 1977 deutlich weniger Einheiten, die Plattenfirma macht Druck, der nächste Hit muss her. Doch ein solcher gelingt ihnen nur noch mit einem Cover: „Come Together“ aus dem bizarren Beatles-Musicalfilm „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ – ein Desaster an den Kinokassen und in den Rezensionen. Aerosmith lodern auf Sparflamme. Die Band trennt sich von Douglas, der mit seiner Scheidung beschäftigt ist. Der Zerfall hat begonnen. Tylers Mikrofonständer ist längst mehr Krücke als Accessoire, in Schals gewickelt wie ein Totem gegen den Zusammenbruch. Die Band erliegt internen Rivalitäten, Managementstreitigkeiten und kann die Unmengen an Drogen nicht mehr in kreative Energie übertragen.

Ende Juli 1979 schleudert Perrys Frau Elissa backstage in Cleveland ein Glas Milch auf Hamiltons Gattin Terry; Tyler konfrontiert Perry, der daraufhin aussteigt – oder, wenn man Tyler Glauben schenkt, gefeuert wird. Nach dem gefloppten NIGHT IN THE RUTS (vertauscht man das Initial des ersten Worts mit dem des letzten, kassiert man einen Tritt in die Weichteile) und einem Kollaps Tylers auf der Bühne in Portland, Maine, tut das Label, was Labels in ausweglosen Situationen so tun, und bringt eine eigenartige GREATEST HITS auf den Markt, die nur acht Eigenkompositionen enthält, über die Jahre hinweg aber doch verblüffende zwölf Millionen Exemplare in den USA absetzt. Eilig wird Douglas für ROCK IN A HARD PLACE zurückgeholt, der in der Zwischenzeit das Solodebüt des Joe Perry Projects betreut hatte. Aber auch Douglas kann nichts retten – im Gegenteil. Während der Aufnahmen quittiert auch Whitford den Dienst.

Die Wiedervereinigung 1984 kommt fast beiläufig: eine Mischung aus Resignation und Berechnung. Langhaariger Partyrock ist dank Aerosmith-(A)Epigonen wie Van Halen, Bon Jovi und Mötley Crüe wieder en vogue, und die „Back In The Saddle“-Reuniontour der Originale ist ebenfalls ein Erfolg. Doch die Band ist immer noch so von Drogen zerfressen, dass sie nicht imstande ist, die Chance songschreiberisch zu nutzen. Für die Leadsingle des Comebackalbums DONE WITH MIRRORS greifen sie auf eine Solonummer Perrys zurück: „Let The Music Do The Talking“. Allerdings wollen nur wenige dem zuhören, was die Musik so zu sagen hat. Aerosmith sind Mitte der 80er trotz der zahlreichen Spandex-Schreihälse auf MTV wie aus der Zeit gefallen; wollen sie wieder mit der Zeit gehen, müssen sie sich neu erfinden lassen.

Run-D.M.C., Rick Rubin und die zweite Chance

Rick Rubin soll sie in die Gegenwart zerren. Als Co-Produzent des 1986er-Albums von Run-D.M.C., RAISING HELL, schlägt er vor, dass das HipHop-Trio sein Live-Experiment mit Freestyle-Raps über die ersten Beats von „Walk This Way“ ausweitet und ein Remake aufnimmt. Die Rap-Pioniere hatten davor weder den kompletten Song noch je von Aerosmith gehört und verwerfen die Lyrics als „Hinterwäldler-Nonsens“. Nur ihr DJ Jam Master Jay ist offen für die Idee. Schließlich bringt Rubin Tyler und Perry ins Studio, um deren Parts neu einzuspielen – das Ergebnis schreibt Musikgeschichte und installiert HipHop endgültig auch in den Kinderzimmern weißer Teens. Das schnell auf Heavy Rotation laufende Video zeigt symbolisch eine Rockband und Run-D.M.C. im Lautstärken-Duell in benachbarten Studios, bevor Tyler buchstäblich die Wand durchbricht, die sie trennt. Rock und Rap finden zusammen; Aerosmith sind schlagartig wieder cool – und Crossover und dessen weitgehend missratener Sohn NuMetal als Idee geboren.

Balladen-Boom, Blockbuster und kommerzieller Zenit

Nun gilt es nachzulegen. Profi-Songwriter:innen, allen voran Desmond Child, der schon maßgeblich an Kiss‘ „I Was Made For Lovin‘ You“ und Bon Jovis „Livin‘ On A Prayer“ mitgeschrieben hatte, verpassen PERMANENT VACATION einen dicken Pop-Anstrich und setzen vermehrt auf große Emotionen – mit Erfolg: Mit dem pathetischen „Angel“ stehen Aerosmith hoch wie nie zuvor in den Single-Charts der USA, auf Platz drei. MTV kann gar nicht genug kriegen von den klamaukigen Hochglanz-Videos zum Gender-Bending „Dude (Looks Like A Lady)“ und dem schlüpfrigen „Rag Doll“. Mittlerweile sind die Bandmitglieder um die 40, machen aber – insbesondere der auf einmal gestählte Perry – eine gute Figur neben den jungen Kollegen von Poison, Twisted Sister, Def Leppard und Guns N‘ Roses, die auf ihrer Debüt-EP „Live ?!*@ Like A Suicide“ mit einem „Mama Kin“-Cover ihren Helden huldigen.

PUMP setzt 1989 auf das bewährte Prinzip: David Fincher (später „Sieben“, „Fight Club“) dreht das Sozialdrama „Janie’s Got A Gun“, „Love In An Elevator“ avanciert trotz einer fast zweiminütigen Instrumentalpassage zum Top-5-Hit. Der 20-Millionenseller GET A GRIP gerät 1993 zum Höhe- und Endpunkt dieser Erfolgsserie: Die Clips zur Balladen-Trilogie aus „Cryin’“, „Amazing“ (mit der autobiografischen Zeile „That one last shot’s a permanent vacation“) und „Crazy“ machen Hauptdarstellerin Alicia Silverstone für eine Saison zum It-Girl. Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ mag mit seiner ungezügelten Wucht und weltumstürzenden Dringlichkeit das definitive Musikvideo der 90er sein – „Cryin’“ kommt an nächster Stelle: Einen Suizid vortäuschend, stürzt Silverstone sich vor den Augen ihres Freundes – gespielt von 90er-Herzensbrecher Stephen Dorff, den sie zuvor beim Fremdgehen erwischt hat – von einer Autobahnbrücke, nur um im Fallen eine Bungee-Vorrichtung über ihrem soeben gepiercten Bauchnabel zu offenbaren und ihrem schockierten Boyfriend per Mittelfinger den Laufpass zu geben. Female Empowerment – dazu in Levi’s-zeitgemäßen Blue Jeans und einem Hemd mit grungigem Flanellmuster. Das folgende „Crazy“-Video führt Tylers Tochter Liv ein, die 1998 an der Seite von Bruce Willis für den Weltuntergangs-Blockbuster „Armageddon“ vor der Kamera steht. Mit ihrem von Diane Warren komponierten Beitrag zum Soundtrack, der Ultraschnulze „I Don’t Want To Miss A Thing“, erzielen Aerosmith ihren einzigen Nr.-1-Hit.

Zweiter Abstieg, Las Vegas und das Abschieds-Debakel

Was darauf folgt, ist ein kommerziell nachvollziehbarer, aber künstlerisch unnötiger Appendix – der zweite lange Abstieg: das Hit-lose Album JUST PUSH PLAY, eine Blues-Coverplatte namens HONKIN‘ ON BOBO, für die Douglas zurückkehrt, und 2012 mit MUSIC FOR ANOTHER DIMENSION! ein bislang letztes, komplett Hit-loses Album. Unzählige, teils arg quatschi­ge Best-ofs (darunter eine Balladensammlung voller Banger und ein zweites Album mit dem Titel GREATEST HITS), Tylers Job als Juror bei der Castingshow „American Idol“, die unabwendbare Residenz in Las Vegas – das Abstellgleis ehemaliger Größen. Ihre 2022 angekündigte Abschiedstour „Peace Out“ hätte ein Triumph werden sollen. Noch einmal mit Gefühl, in Leder und mit Lametta. Doch dann das bittere Ende: Tyler verliert die Stimme. Stimmbandverletzungen zwingen die Band, die Konzertreihe nach nur drei Dates abzubrechen.

Ein Jahr später teilt der Freizeitpark Disney World mit, die Indoor-Achterbahn „Rock’n’Roller Coaster Starring Aerosmith“ nach 26 Jahren zu schließen – sie soll bald als Muppets-Attraktion neueröffnet werden, was nach den Cartoon-haften Rockern ganz stimmig wäre. Doch kaum meint man, die Band hätte den letzten Looping ihrer Karriere endgültig hinter sich, schnellen Aerosmith wieder nach oben und regieren erstmals die UK-Hitliste von Platz 1 aus – dank einer gemeinsamen EP mit Yungblud.

Ein weiteres Comeback with a little help from a friend, ein trotziges Aufbäumen zur Endrunde? Eine „Naturgewalt“, wie Jack Douglas Tyler genannt hat, besteht in ihrem Kern aus überlebensgroßem Überlebenswillen. Möglicherweise haben Aerosmith ihre „Nine Lives“ doch noch nicht aufgebraucht.

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