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Begegnung

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Anja Plaschg macht eigentlich keine Musik. Musik erzeugt Gefühle. FROM GAS TO SOLID/YOU ARE MY FRIEND aber ist ein Gefühl, das den Körper des Hörers als Instrument nutzt. Es greift nach seinem Innersten und versucht, ihm zur Flucht zu helfen. Die Augen beginnen zu tränen, die Haare zu stehen, man schreit, um noch ein bisschen mehr aus sich herauszukommen.

Aber es schmerzt, denn man versteht: Das größte Unglück ist die eigene Begrenzung. Jeder ist für sich, in sich eingeschlossen, allein auf der Welt, in ihr, aber niemals mit ihr, und will doch nichts mehr, als verstanden zu werden, und zwar nicht als die Person, die er für alle anderen aus sich machen muss, sondern als das Ungreifbare, was er ist, das unordentliche, wirkliche Selbst, das sich nie ganz erzählen lässt, weil alles, was es dazu hat, die begrenzten Worte sind. Wie Seife will man aus den Poren seiner Haut hinaus, um im Schaum eines anderen aufgehoben zu sein.

Auf ewig nicht allein.
In Ruhe.
Frieden.
Liebe.

All diese Worte auf der Straße gedacht, klingen unfassbar weltfremd. Verzärtelt. Geziert. Schlimme Dinge wie etwa „Joggen“ wirken hier vernünftiger. Das Foyer des Scandic Hotels in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin sieht aus wie „Joggen“ klingt. Es ist weiß, groß und leer. Anja Plaschg ist sein Gegenentwurf. Sie trägt Schwarz und grüßt leise. „Wir bleiben nicht in diesem Foyer“, sage ich. „Wir gehen.“ „Gern“, sagt sie. Und dann stehen wir auf dem Bürgersteig. Touristen drängen an uns vorbei. Und ich sage, „Du, ich habe Angst vor dieser Begegnung.“

Anja Plaschg war 16 bei ihren ersten Konzerten in Wien, wo sie am Piano sitzend Panik bekam, weil Menschen hinter ihr standen. Echte Angst, das ist ein Bruch mit dem, was normalerweise auf Bühnen passieren darf. Die Öffentlichkeit ist fasziniert, so sehr, dass sie argwöhnt, alles sei doch nur inszeniert. Sie, die junge Künstlerin, die wie eine Wahnsinnige Piano spielt und sich den Schmerz vom Solarplexus singt – eine Erfindung.



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