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Southside-Festival 2014 Tag 1: Staub statt Seifenblasen

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Tag eins: brütende Hitze, das staubige Gelände ist bereits übersäht mit Müll, auf den Wegen überall Melonenschalen. Dixiklo-Duft verfolgt die Massen zu den Bühnen, in die Zelte und man fragt sich, wie dieser Geruch am Sonntag zu ertragen sein wird.

Überall bereits Ekstase-artige Zustände: halbnackte Menschen tummeln sich auf einer Hüpfburg, werfen sich mit Bällen ab, ein Typ zerdrückt unter euphorischem Jubel eine volle Bierdose auf seiner Stirn. Das Animalische, Proletenhafte legen die meisten am Nachmittag vor der Red Stage kurz ab, eingelullt von den schwelgerischen Stücken von Balthazar. Dort schwenken Menschen feierlich ihre Hände, mit denen sie noch ihre Tetra Paks umklammert halten, ein Chucksmädchen legt zärtlich ihren Arm um ihre Freundin, die ein Gänseblümchenkleid trägt, wie viele hier. Balthazar starten mit „The Boatman“, danach präsentieren sie ihren neuen Song „Leipzig“, zudem „Fifteen Floors“ und „Do Not Claim Them Anymore“. Lieder, die das Publikum offenbar erwartet hat. Balthazar schließen ihren Auftritt mit viel Pathos. Auf Maarten Devolderes lasziv-leiernden Sprechgesang steigt der Rest der Band ein und singt a cappella.

Später auf der Blue Stage spielen Metronomy umgeben von rosa Pappwolken und gehüllt in weiße Anzüge, in denen sie aussehen wie eine Hochzeitsband. Im Publikum herrscht ein Dresscode, der eher an Abi-Abschlussfahrt in Lloret de Mar erinnert. Bananen sind ein großes Thema. Aus der Masse steigt eine riesige Plastikbanane empor, ein Typ trägt ein plüschiges Bananenkostüm, ein anderer ein „Banana Joe“-Shirt. Es ist Metronomys erstes europäisches Festival, sagt Sänger Joseph Mount. Zwischen ihm und seinen Bandkollegen rotiert ein Tamburin. Die ersten Menschen tanzen schüchtern, aber noch nicht ausgelassen, an diesem warmen Nachmittag an dem die Sonne selbstbewusst herunterknallt. Mit ihrem futuristischen Spacesound holen Metronomy das Publikum angenehm aus der Wirklichkeit ab – obwohl es die sowieso längst verlassen hat.

Bei Franz Ferdinand geraten Menschen und Dinge außer Kontrolle. Bei „No You Girls“ fliegt ein volles Tetra Pak durch die Luft, vor der Bühne tanzen 16-Jährige und Mittvierziger sympathisch-bescheuert. Ein Jüngling, links ein Turnschuh, rechts nur einen Socken, schwingt rhythmisch seine Krücken zu „Right Action“. Später erscheinen auf derselben Bühne Dan Auerbach und Patrick Carney mit Sonnenbrillen (trotz Wolken) und Lederjacken (trotz Abendwärme). Bei manchen Bands fliegen Seifenblasen in den Himmel, bei The Black Keys türmt sich Staub auf, aufgewirbelt von den Tanzwütigen. Manchmal liegen Dreck und Glück nah beieinander. Die Black Keys spielen langweiligen Kram vom neuen Album, aber auch Perlen aus der Vergangenheit wie „Next Girl“, „Tighten Up“ und „She‘s Long Gone“. Dann geht die Sonne unter.

“Where the blue moons shines/Where the tears melt ice/In a sea of guilt/ Lonely chimes, sing of pain/By the fallen stars. There’s a storm, only love remain – schallt es durch das Zelt der Red Stage kurz vor Mitternacht.  Parallel zu „I Never Learn“ wabern dichte Nebelschwaden über die Bühne von der Bühnendecke ragen schwarze Vorhänge herab, zwischen den Schwaden tanzt Lykke Li hervor, bekleidet mit einem silber-funkelnden Blazer, nasses Haar. Anfangs wirkt sie wie eine Waldhexe mit traurigen Liedern, fragt ins Publikum „Who is heartbroken?“ und singt „I never gonna love again“. Irgendwann ist die Bühne in rotes Licht getaucht, Lykke Li trägt nun einen bodenlangen Glitzerfummel und drischt auf ein Schlagzeugbecken ein. Der Sound wirkt bedrohlich, die Szene erinnert an ein satanisches Ritual – wie auch immer man sich ein solches vorzustellen vermag. Dann die Überraschung: Sie singt tatsächlich „I Follow Rivers“. Zum Schluss noch hämmernde Beats und die Aufforderung „Dance“. Sie selbst macht ihren typisch entrückten Lykke-Li-Tanz.

Nicht allein wegen der opulenten Aufmachung war dies eines der eindrucksvollsten Konzerte des ersten Festivaltages. Wer keine Lust auf Fettes Brot oder Belle & Sebastian hat, torkelt vielleicht jetzt schon müde in sein Zelt. Doch da ist es kalt, Scheinwerferlicht knallt rein und die Nachbarn finden Ballermann-Hits lustig. An Schlaf ist nicht zu denken.


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