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Southside-Festival Tag 2: Nackt, Verknallt und High

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Nachts auf dem Weg zum Zelt steigt man barfuß über Kippen und abgenagte Hühnerkeulen. Im Hintergrund spielen Moderat „Bad Kingdom“. Völlig benommen hat man gerade die White Stage verlassen, wo 3D-Bilder aus einer Projektion im Sekundentakt auf einen zurasten.

Hände, Lichtblitze, geometrische Formen, dazu zwerchfellzerreißende Elektrobeats von Modeselektor, gepaart mit dem zarten Gesang von Sascha Ring aka Apparat. Vorher ein kurzer Abstecher zu Tocotronic, die gerade „Let There Be Rock“ spielten, was dem Publikum gelegen kam, denn die wollten Pogo und Bier. Zu „Samstag ist Selbstmord“ tanzte sich ein Mädchen auf den Schultern ihres Freundes in Rage und schwang dabei Wunderkerzen. Im Hintergrund standen Männer mittleren Alters, sie schauten abgeklärt, sind mit Tocotronic schon einen langen Weg gegangen.

Zeitgleich mit den Hamburgern spielten Arcade Fire, die den ganzen Verkleidungs-Glitzer-Wahnsinn aufgriffen und auf der Bühne ihren eigenen gigantischen Farbrausch veranstalteten. Bei „Rebellion (Lies)“ lief William Butler mit einer Trommel in der Hand durch das Publikum, sprang über eine Absperrung und gelangte schließlich dicht gefolgt von einem atemlosen Security-Mann wieder auf die Bühne. Wie gerne würde man Arcade Fire mal als Partyband buchen, damit sie dort mit ihren Steeldrums bewaffnet für Karibikfeeling sorgen.

Ein paar Stunden zuvor ging die Sonne mit The Kooks unter. Nostalgie flammte auf: Zu „Ooh La“, „Naive“ und „She Moved In Her Own Way“ hatte man schon vor acht Jahren getanzt, als die meisten hier noch Zahnspangendosen um den Hals trugen. Ein Blumenkranzmädchen hatte ihren Freund im Schlepptau, er trug ein AC/DC-Shirt und stand erstarrt, während sich andere pathetisch ans Herz fassten, als Luke Pritchard „Seaside“ anstimmte. Die Songs vom kommenden Album sind grandios-tanzbar, haben einen starken 80er-Einfluss und klingen ein bisschen, als hätte Michael Jackson kurz draufgehustet.

Am Nachmittag fanden sich Reignwolf auf der Red Stage ein und alle die ihn verpasst haben, dürfen sich jetzt ein bisschen ärgern. Noch gilt die kanadische Band um Jordan Cook als Geheimtipp, tourte aber bereits mit den Pixies und Black Sabbath. Man ahnte, dass da etwas Großes im Kommen ist, wenn man Jordan Cook auf der Bühne herumwirbeln sah, seine Schreie im Ohr. Das was er da mit seiner Gitarre gemacht hat, ließen einem Assoziationen ins Gehirn schießen, für deren Beschreibung eine FSK-18-Beschränkung nötig wäre.

Zu „Electric Love“ setzte er sich dann ans Schlagzeug und spielte mit einer Hand Gitarre, mit der anderen schwang er den Drumstick. Als er schließlich ins Publikum herabstieg, befürchtete man kurz, dass es ihn gierig auseinanderreißen werde, so wie es mit Grenouille im Roman „Das Parfüm“ geschah. Der erotisch-rohe Bluesrock von Reignwolf fegte dem Publikum buchstäblich die Klamotten vom Leib und so stand es am Schluss da: nackt, verknallt und high.

Der Festivalsamstag begann für übermüdete Strohhutträger am frühen Nachmittag mit Drenge. Vor der Blue Stage stand noch wenig Publikum, die Brüder Rory und Eoin wirken auf der großen Bühne zuerst etwas verloren. Blasse Jungs aus England, aber mit einem gewaltigen Sound, der noch nicht weichgespült, konform gemacht wurde für den Massengeschmack. Stoner-Garagenrock mit Störgeräuschen, der die Menge ordentlich wach schrammelte. Als das letzte Lied erklang, stand der Drummer einfach auf und ging, sein Bruder warf seine Gitarre hin und verschwand ebenfalls wortlos.


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