Kritik

„Spider-Man: No Way Home“: Multiverses, Metaebenen-Humor & Marvel-Trailer

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Achtung, ungerader Vergleich: Mit Marvel-Filmen verhält es sich wie mit der Diskussion um eine Impfpflicht. Da gibt es die, die sich gerne halbjährig boostern lassen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben und eben die, die sich von jeglichem neuen Marvel-Produkt fernhalten, da es für sie ein Produkt des bösen, raffgierigen Großkonzerns verkörpert, dem man nicht trauen kann. Wenn man sich versucht dazwischen zu positionieren, wird man zwangsläufig einer der beiden Seiten zugeordnet. Also quasi entweder als Marvel-Schlaf-Schaf oder als Marvel-Skeptiker.

Dritter Spidey-Teil der „Infinity Saga“

Nun hat es Marvel wieder getan und liefert mit „Spider Man: No Way Home“ den neuesten Teil seines bereits tierisch aufgeblähten „Cinematic Universe“ ab. Der Film über den Spinnen-Mann ist wie sein Vorgänger Teil der immer weiter rollenden „Infinity Saga“, die chronologisch nun in in der vierten Phase angelangt ist und uns die nächsten Jahre regelmäßig mit weiteren verschiedenen Heldenfilmen versorgen soll.

Mit einem Werbeetat im dreistelligen Millionenbereich, einer weltweiten Fanbase und der Gewissheit, dass sich bereits ein halbes Dutzend weiterer Filme in Produktion befinden, tritt das neueste Produkt des Franchise mit der Sicherheit an, quasi nicht floppen zu können und dennoch Reizpunkte für weitere Kinobesuche der Nachfolger-Filme setzen zu müssen.

Tatsächlich gelingt das teilweise auch, ganz besonders für eingefleischte Marvel-Fans, da „Spider-Man: No Way Home“ vor Referenzen und Anspielungen auf sich und seine Vorgänger nur so strotzt. Andererseits verkommt der Film aus der Sicht neutraler Kinobesucher*innen streckenweise zu einem gigantischen Marvel-Trailer, der sein eigenes Universum hervorzuheben versucht und die eigentlich spannende Meta-Komponente teilweise leichtfertig für billige Gags verspielt. „Spider Man: No Way Home“ ist nunmal, trotz aller Bemühungen hervorzustechen, was es ist: ein weiteres Puzzlestück in einem strategisch organisierten Produktionsplan.

Offizielles Filmposter zu „Spider-Man: No Way Home“.

Peter Parker pfuscht mithilfe Dr. Stranges in Raum und Zeit herum

So knüpft der Film inhaltlich zunächst an den Vorgänger „Spider Man: Far From Home“ an. Superheld Spider-Man ist wie gehabt einerseits ein Schurken-vermöbelnder „Avenger“ in High-Tech-Anzug mit übermenschlichen Fähigkeiten, andererseits auch der unscheinbare College-Typ von nebenan, Peter Parker. Durch seine Heldentaten und Avengers-Abenteuer ist Spidey, der aktuell von Tom Holland verkörpert wird, mittlerweile weltbekannt. Dummerweise ist seine Identität aufgedeckt, sodass Peter Parker überall auch als Spider-Man erkannt wird. Durch die Hetzkampagnen des „Daily Bugle“, in denen Parker des Mordes an Mysterio beschuldigt wird, sowie dem Vorwurf, Spidey sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit, entbrennt eine Kontroverse um Peter Parker, der der zunehmenden Aufmerksamkeit nicht gewachsen zu sein scheint. Als Peter sich dann mit seinem besten Kumpel und seiner Freundin, gespielt von Zendaya, am elitären Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit Bestnoten bewirbt und offensichtlich wegen seiner Berühmtheit abgewiesen wird, plagen ihn die Schuldgefühle, dass er seinen Freund*innen durch seine Berühmtheit das Leben schwer machen könnte. Wie gut, dass er zufällig seinen Avengers-Mitstreiter Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) kennt, einen überaus arroganten, aber nahezu allmächtigen Zauberer-Helden. Der lässt sich kurzerhand überreden für Peter in Raum und Zeit herumzupfuschen und will durch einen Zauberspruch dafür sorgen, dass alle Welt vergisst, dass Peter Parker Spider-Man ist.

Während Strange also in seinem Keller herumzaubert, fällt Peter ein, dass es vielleicht die ein oder andere Person geben sollte, die sich doch an ihn erinnert, sodass er in jugendlichem Leichtsinn in den Zauberspruch hineinplappert – und ihn dadurch verfälscht. Es kommt zum großen Unglück und durch eine Verschiebung von Raum und Zeit tun sich Löcher in sämtliche Spider-Man-Parallel-Universen auf. Also auch denen, vor der Zeit des Tom-Holland-Spider-Mans. So tauchen der Reihe nach verschiedene skurrile und beliebte Schurken aus vergangenen Filmen auf, die dem aktuellen Spidey im Hier und Jetzt nie begegnet sind, und haben allesamt nur eins im Sinn: Rache an Peter Parker, ihrem Widersacher in ihrer jeweiligen Welt.

Altbekannte Gesichter aus verschiedenen Spider-Man-Universen

Da wären zunächst zum Beispiel Doc Oc (Alfred Molina), der verrückte Wissenschaftler mit den Roboter-Tentakeln sowie Norman Osborn alias Green Goblin (Willem Dafoe), noch so ein Vertreter, auf einem Granaten werfenden Hoverboard. Beide entstammen der ersten Spider-Man-Trilogie aus den 2000ern mit Tobey Maguire. Aus den 2010er-Jahre-Filmen mit Andrew Garfield entspringt dem Multiversum schließlich noch unter anderem der von Jamie Foxx verkörperte, mit Blitzen umherwerfende Electro. Wütend über Peters Dummheit, weist Dr. Strange Peter Parker samt Freund*innen an, einen nach dem anderen einzufangen, um sie in ihre ursprüngliche Welt zurückzuversetzen.

Mit den beiden anderen Spider-Man-Versionen aus den älteren Filmen, also die, die jeweils von Tobey Maguire und Andrew Garfield gespielt werden, bekommt der aktuelle Spidey schließlich unverhofft Hilfe seiner alternativen Multiversums-Versionen. Dabei liegt die Komik, der sich die drei Versionen ausgesetzt sehen, auf der Hand. Diese Meta-Ebenen-Witze ziehen auch oftmals, da gerade selbstironisches Augenzwinkern für Fans ein großer Genuss sein dürfte. So relatable hat man Spider-Man bisher nicht gesehen. Auch die Fläche, die den anderen beiden Spideys zuteil wird, in der sie ihr Dasein als Spider-Man reflektieren können sowie auf alte Gegner treffen und sich für Marvel-Verhältnisse recht selbstkritisch inszenieren, ist clever ausgespielt und sorgt für gute Unterhaltung. Der Nostalgie-Bonus verfällt allerdings logischerweise, wenn man die alten Filme nicht kennt oder schlicht nicht schätzt. Die zahlreichen Anspielungen und Referenzen verkommen dann zu einem ständigen Zwinkersmiley, das bisweilen auch ermüdend und platt wirken kann. So hat Andrew Garfields Spider-Man beispielsweise noch nie etwas von den „Avengers“ gehört und Tobey Maguires Spider Man starke Rückenprobleme vom langjährigen Seilschwingen. Auch die brüderliche Neugierde über dessen Spinnennetze, die direkt aus der Hand des ersten Spideys kommen, im Gegensatz zu den neueren beiden Spinnentypen, die das nur mithilfe technischer Unterstützung zustande bringen, wirkt auf Fans eben witzig bis süß – während Außenstehende eher peinlich berührt sein dürften.

Visuell gewohnt eindrucksvoll

Dabei hat „Spider-Man: No Way Home“ auch richtige Höhepunkte. Die Kämpfe zwischen Dr. Strange und dem Titelheld beispielsweise, die visuell über alle Maße eindrucksvoll sind. Strange verändert dabei Raum und Zeit nach seinen Vorstellungen in feinster Inception-Manier. Da faltet sich die New Yorker Skyline zusammen und verschmilzt mit Silhouetten des Monument Valley, während Strange und Spidey auf einer Kaleidoskop-artigen U-Bahn durch Raum und Zeit fliegen, während sie sich um den physisch als Würfel dargestellten Vergessens-Zauber streiten. Das sieht nicht nur toll aus, es grenzt nahezu an geniale Bild-Ästhetik und die Liebe zum (animierten) Detail ist dabei wirklich hervorzuheben. Doch auch diesen Kredit schafft der Film teilweise wieder zu verspielen, wenn der Showdown zum Ende schließlich vor der Freiheitsstatue, dem patriotischsten aller US-Symbole, ausgetragen wird. Zu allem Überfluss hält das Wahrzeichen auch noch ein „Captain America“-Schild in die Höhe, statt einer Fackel. Bei solchen Gegebenheiten muss man kein Marvel-Hater sein, um unweigerlich ins Augenrollen zu verfallen.

„Spider-Man: No Way Home“ kommt also tatsächlich an seine Grenzen. Ein cleveres Meta-Ebenen-Konzept verspricht gute Unterhaltung und sorgt dafür, dass der Film zu den stärkeren Marvel-Produktionen zählt. Doch genau da liegt eben auch das Limit, denn bei aller Selbstironie wird deutlich, dass die neuen Spider-Man-Filme nicht imstande sind, an die Originalität ihrer Vorgänger, die nicht in Marvels „Cinematic Universe“ integriert waren, heranzureichen. Sie verpflichten sich unweigerlich der eigenen PR des Marvel-Cosmos und verstehen sich nicht als alleinstehendes filmisches Werk, sondern als Fortsetzung zu einem Vorgänger und Vorschau auf einen Nachfolger. Eben als ein großer, bombastischer Trailer auf das eigene Universum und die Filme, die da noch kommen werden.

Ob diese Einschätzung jetzt Marvel-Skepsis ist und daher nicht valide, lässt sich schwer sagen. Im Zweifelsfall ist Marvel der wahre Super-Schurke, der dazu neigt sein Publikum zu spalten. In auf ewige Treue verschworene Fans, die bei jedem Film grenzenlose Begeisterung simulieren oder Marvel-Hater, die sich keinen Film anschauen können, weil er ja von Marvel ist und damit automatisch nicht gut sein kann. Oder ein Super-Held, der seinen Anhänger*innen regelmäßig Kinospektakel auf die Leinwand liefert und mit Detailreichtum innerhalb des eigenen Cosmos ja auch den Nerv der Fans trifft. Wie schön wäre es, wenn es wirklich ein Multiversum gäbe, in dem ein alternatives Marvel sich besinnt und auf Qualität statt auf Quantität setzt und seine Filmreihen mit Alleinstellungsmerkmalen versehen würde. Dann hätte man zumindest den direkten Vergleich.

„Spider-Man: No Way Home“, seit dem 16. Dezember 2021 in den deutschen Kinos

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