Stephen Duffy im Interview

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Stephen Duffy hat eine ziemlich wechselhafte Karriere hinter sich: Ende der 70er Jahre gründete er die Band Duran Duran – und verließ sie wieder, bevor der große Erfolg kam. In den 80ern hatte er mit Tin Tin den Hit „Kiss Me“ – und machte in der Folge lieber Singer/Songwriter-Folkpop mit seiner Formation The Lilac Time. Nach etlichen Band- und Soloplatten und Jahren als Kritikerliebling engagierte ihn 2005 Robbie Williams als Nachfolger von Songwriting-Partner und Produzent Guy Chambers, um gemeinsam das Album INTENSIVE CARE zu machen. Jetzt hat Stephen Duffy zum ersten Mal seit drei Jahren eine Platte mit The Lilac Time aufgenommen: RUNOUT GROOVE.

Viele Songs auf dem neuen Album sind in der Rückschau erzählt, begleitet von einem melancholischen musikalischen Gefühl des Zurückblickens. Welches Lebensgefühl wird auf RUNOUT GROOVE reflektiert? Stephen Duffy:

In dem derzeitigen postindustriellen Klima habe ich die Notwendigkeit empfunden, meine Überzeugungen wiederzuerlangen – die ganz einem Kind der Sechziger entsprechen. In dieser X-Factor-Kultur, der Kultur von Thatchers Idiotenkindern, war es höchste Zeit zu sagen: Ich habe genug von dem Hohn, den die Vertreter des Establishments über uns ausgießen. Godard hat seine Kamera stehen lassen, um sich der Revolution anzuschließen, weißt du noch? Der freie Markt hat uns lediglich eine endlose Wüste anspruchsloser Scheiße beschert – es ist Zeit, sich weiterzubewegen.

Was bedeutet es, „in einer anderen Zeit“ zu leben, wie du in einem der neuen Songs singst? Stephen Duffy:

In einer Zeit zu leben, die nicht nur Kultur im wahrsten Sinn des Wortes unterstützt, sondern auch eine Gegenkultur – nicht in dieser Zeit der Sklaverei im Dienste des großen Nichts – Menschen, die drei Jobs haben, um sich eine winzige Wohnung leisten zu können in einer Stadt, die sie nicht genießen können, weil sie keine Zeit dazu haben – in Klamotten, die von indischen Kindern hergestellt werden.

Solche politischen Überlegungen haben auch auf RUNOUT GROOVE ihren Niederschlag gefunden. Ist das zur Zeit schlicht unvermeidlich? Stephen Duffy:

Es gibt heute keine Politik, es gibt nur ein Management, und deren Geschäft ist es, Waffen und Krieg zu verkaufen. Und natürlich tun wir nichts dagegen. Frag bloß nicht nach dem Krieg. In Großbritannien haben wir gegen den Vietnamkrieg demonstriert – jetzt stecken wir in einem moralisch noch korrupteren Krieg und keinen kümmert das. Die Leute reden lieber über Promi-Cellulite und versuchen so zu tun, als könnte die Apokalypse nicht zu Lebzeiten kommen.

Die unvermeidliche Robbie-Frage: Was ist dein Resümee der Zusammenarbeit mit Robbie Williams? Stephen Duffy:

Ich denke, sie war sehr erfolgreich. Das Album wird vor der Geschichte bestehen. Es war ein anständiges erwachsenes Album – eines, das man komplett durchhören kann. Keine Gimmicks und nicht übermäßig kommerziell – obwohl es enorme Mengen verkauft hat. Wir haben es genau rechtzeitig gemacht – gerade vor dem Ende der Ära des Albums. In Zukunft wird es nur noch ein Bündel Tracks geben.

Die Geschichte deiner Karriere wird meistens als die Geschichte des ‚Man who almost was…’ erzählt – ‚The man who almost was Duran Duran’, ‚The man who almost was a pop star’, ‚The man who almost was the new Guy Chambers’… Kannst du darüber noch lachen?

‚Man who almost was…’‚The man who almost was Duran Duran’‚The man who almost was a pop star’‚The man who almost was the new Guy Chambers’

Stephen Duffy:

Leute, die so denken, haben Scheiße im Hirn, also warum sollte mich das kümmern. Nichts davon bedeutet mir irgendetwas. Ich kann darüber weder lachen noch weinen. Jeder, der eine Vorstellung hat, wer ich bin, weiß, dass keine dieser Optionen von geringstem Interesse für mich wären.

Nach vielen Lilac Time- und Duffy-Platten, die klar Solo- oder Bandplatten waren, ist RUNOUT GROOVE jetzt das zweite Album, auf dem „Stephen Duffy & the Lilac Time“ steht – ist das die Formation, mit der du alt werden willst? Stephen Duffy:

Ja – it’s who I am – it’s what we are.

Mehr über Stephen Duffy im neuen MUSIKEXPRESS – ab 15.11. im Zeitschriftenhandel.

Michael Wopperer – 15.11.2007

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