#Susamam: Türkische Musiker kritisieren soziale und politische Situation in ihrem Land mit 15-minütigem Track

Seit dem 06. September macht eine Gruppe türkischer Musiker von sich reden, die dank eines 15-minütigen hochpolitischen Videos über Nacht zum viralen Phänomen in ihrem Heimatland wurde. Rapper Sarp Palaur aka Şanışer und seine Kollegen äußern sich darin unter anderem zu Themen wie Gewalt an Frauen, Faschismus, Tierschutz, Vetternwirtschaft sowie Bildungs- und Umweltthemen und üben damit scharfe Kritik an der Türkei und ihren Vertretern.

Der Song trägt den Titel „Susamam“, was übersetzt „Ich kann nicht schweigen“ bedeutet und schaffte es auf YouTube in Rekordzeit auf Platz 1 der Trending-Videos. Auch das Kürzel #Susamam erreichte in nur 48 Stunden die Spitze der populärsten Hashtags auf Twitter. Sogar einige Accounts regionaler Regierungseinrichtungen haben den Track inzwischen geteilt. Die Einnahmen aller T-Shirts, die nun ebenfalls anlässlich des politischen Viral-Hits gedruckt wurden, sollen an Dorfschulen gespendet werden.

Inhaltlich kann der Track als Ode an die Türkei und ihre augenscheinlichen sozialen, politischen und kulturellen Probleme verstanden werden, zu denen die teilnehmenden Rapper nicht länger schweigen wollen. Insgesamt 20 Musiker kamen für das Projekt zusammen, von denen sich jeder ein Thema vornahm, das ihm besonders am Herzen liegt und das jedes für sich ein eigenes Hashtag erhielt.

Diese türkischen Musiker steuerten einen Part zu „Susamam“ bei:

  • Şanışer
  • Fuat
  • Ados
  • Hayki
  • Server Uraz
  • Beta
  • Tahribad-ı İsyan
  • Sokrat St
  • Ozbi
  • Deniz Tekin
  • Sehabe
  • Yeis Sensura
  • Aspova
  • Defkhan
  • Aga B
  • Mirac
  • Mert Şenel
  • Kamufle

Şanışer übernahm die Organisation des Projekts. In einem Interview mit BBC Turkey erklärte er, dass man zunächst alle Themen unter den verschiedenen Musikern aufgeteilt habe, die dann jeweils ihren Text geschrieben und das dazugehörige Video gedreht hätten. Şanışer habe schließlich die finale Version des Clips zusammengestellt.

Das Video beginnt zunächst mit dem Voice-Over einer Frau, die verkündet:

„Du hast im Laufe der Zeit vergessen, warum du existierst,
Dir ist nicht bewusst, welche Probleme du verursacht hast.
Du möchtest lachen und Spaß haben, ohne dich mit der Lösung von Problemen zu beschäftigen.
Das Leben an sich ist hart genug, deshalb soll Musik dich ausschließlich unterhalten.
Musik soll dich von der Realität ablenken.
Aber wir glauben, dass Musik bestimmte Dinge ändern kann.“

Zu den am meisten geteilten Clips zählt der Part Deniz Tekins, die außerdem die einzige weibliche Stimme des Projekts ist.

Tekins setzt sich in ihrem Teil mit häuslicher Gewalt auseinander, indem sie singt:

„Ich weiß es nicht, weil ich mich niemals selbst verteidigen musste.
Weiß es nicht, weil ich mich niemals um ein Kind sorgen musste,
weil ich niemals gegen meinen Willen verheiratet wurde,
weil ich niemals zu Hause geschlagen wurde,
weil ich niemals in einem Zimmer in meinem Haus gefangen gehalten wurde,
weil ich niemals deine Worte herauspressen musste,
weil ich niemals mein Zuhause verloren habe,
weil ich niemals wegen deines Hasses brennen musste,
weil ich niemals brennend sterben musste,
weil ich niemals Geschwister hatte,
weil ich mich niemals vor einem älteren Bruder fürchten musste,
weil ich niemals die Schule verlassen musste,
weil ich niemals getötet wurde.“

Auf den Part der Sängerin folgen zahlreiche Namen von Frauen, die in der Türkei durch die Hände eines (ihnen vertrauten) Mannes gestorben sind.

Eigenen Angaben zufolge sei es das Ziel der Musiker gewesen, allgemein bekannte, jedoch oft totgeschwiegene Probleme an die Oberfläche zu befördern und einen offenen Diskurs darüber zu starten. Dabei hätten sie sich bewusst gegen die Verwendung einer „krasseren“ Sprache oder verstörender Bilder entschieden, um den Song so für ein möglichst breites Publikum zugänglich zu machen.

Passenderweise, wenn auch anscheinend zufällig, veröffentlichte ein weiterer prominenter türkischer Rapper am selben Tag einen Song, der für Diskussionen sorgte. Ezhels „Olay“ beschäftigt sich unter anderem mit dem 2016 gescheiterten Putschversuch und den „Gezi Park“-Protesten.


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