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„The Cloverfield Paradox“-Kritik: Zeitverschwendung, die das Konzept „Kino“ gefährdet

In der Nacht zu Montag ist etwas passiert, wovor sich viele Kino-Liebhaber seit langem fürchten: Netflix hat einen Film, der eigentlich zeitnah auf der großen Leinwand gezeigt werden sollte, gekauft und ohne Umschweife in die Mediathek gestellt. Es handelt sich um „The Cloverfield Paradox“, der lange Zeit unter dem Namen „God Particle“ gehandelt wurde und eigentlich im April weltweit in die Kinos kommen sollte. Es ist der erste für das Kino konzipierte Film dieser Größenordnung, dem das Schicksal Netflix-Direktveröffentlichung zuteil wird. Auch deshalb, weil der Verleih Paramount wohl nicht an einen großen finanziellen Erfolg glaubt und der Direktverkauf an den liquiden Streaming-Dienst auf kurze Sicht lukrativer scheint. Als nächstes wird es „Auslöschung“ treffen, den neuen Science-Fiction-Thriller des „Ex Machina“-Regisseurs Alex Garland. Der Film wird nur in den USA in den Kinos starten, in Europa wird er exklusiv im Stream laufen.

Ein Film, der dem Marketing nicht gerecht wird

Langfristig ist dieses System nicht gut für kleine und mittlere Filme. Die Vielfalt im Kino wird schrumpfen, wenn riskante Projekte lieber direkt an Streaming-Dienste verkauft werden und nur Blockbuster der Marke Disney-Fortsetzungen als sichere Hits anlaufen. Man hat also allen Grund, den „The Cloverfield Paradox“-Coup von Netflix mit Sorge zu betrachten. Die Art und Weise, wie dieser durchgeführt wurde, ist allerdings beeindruckend. Der Titel des Films wurde während des Super Bowl in den USA in einem TV-Spot angekündigt, der Film, dessen reine Existenz in der Vergangenheit bereits bezweifelt wurde, stand direkt nach dem Finale der NFL-Season in den Mediatheken rund um den Globus bereit. Falls Netflix wirklich einen Sargnagel in das Model „Kino“ geschlagen haben sollte, dann zumindest mit einem bisher noch nie da gewesenen Marketing-Stunt, der sich den entsprechenden Impact auch verdient hat.

Doch ein Problem wird der Konzern mit dem Zukauf von „The Cloverfield Paradox“ weiterhin nicht los, und zwar die Diskussion über die Qualität seiner exklusiven Titel.

Bereits im Dezember machte sich Netflix in den Augen vieler Nutzer und Branchenvertreter zur Lachnummer. „Bright“, das Prestigeprojekt mit Will Smith, für das Netflix inklusive Werbung mehr als 150 Millionen US-Dollar ausgab, zeugt von nichts anderem als schlechtem Geschmack und gilt als größter Fehlgriff des Streaming-Riesen. Und bereits wenige Stunden nachdem sich die ersten Kunden neugierig auf „The Cloverfield Paradox“ stürzten, steht auch hier fest: Im Bereich Vermarktung hat Netflix zwar Eindruck schinden können, der Film selbst ist allerdings an Belanglosigkeit kaum zu überbieten.

Der dritte Teil der losen Trilogie, die 2008 mit „Cloverfield“ begann und 2016 überraschend mit „10 Cloverfield Lane“ weitergeführt wurde, zeigt Daniel Brühl und weitere Forscher an Bord einer Raumstation. Eine alternative Energiequelle sollen sie entdecken, der Erde geht nämlich der Strom aus, woraufhin bereits der Dritte Weltkrieg in der Luft liegt. Bei einem Experiment, mit dem die Energiequelle gestestet wird, befördert sich die Crew der Raumstation allerdings in eine andere Dimension, in der es Hoffnung auf die Rettung der Menschheit und bizarre Wiedergänger ihrer eigenen Welt zugleich gibt.

Artwork zu „The Cloverfield Paradox“.
Artwork zu „The Cloverfield Paradox“.

Der Zuschauer findet im ersten Drittel von Julius Onahs Film ebenfalls Hoffnung. Auf einen smarten Science-Fiction-Thriller, auf Antworten bezüglich der immer noch sehr mysteriösen Vorgänger aus dem Cloverfield-Universum. Doch „Paradox“ zerbricht irgendwann, auf den genauen Moment lässt sich dabei schwer zeigen. Nach dem Sprung in die andere Dimension wird der Film schlichtweg zu kompliziert, einen starken Protagonisten sucht man in den Wirren von Wissenschafts-Fieberträumen und Anspielungen auf die Vorgänger vergebens.

Viel mehr fällt auf, bei welchen Vorbildern sich der Film bedient: Der emotionale Anker ist aus dem Indie „Another Earth“ entnommen, der Gore kommt aus „Alien“, die Pointe aus dem 2017er „Life“ mit Jake Gyllenhaal. Der Humor sorgt zudem dafür, dass sich der Thriller wie eine „Black Mirror“-Parodie anfühlt. Der Film ist zwar ein Netflix-Exklusivtitel, wirklich Exklusives hat er allerdings nicht anzubieten.

Obacht, ab hier folgen Spoiler

„Cloverfield“ war 2008 ein Film, der sich abgeschlossen und eigenständig angefühlt hat. „10 Cloverfield Lane“ wurde dann 2016 dadurch sympathisch, dass das Drehbuch für den Film mit John Goodman bereits fertig war, bevor J.J. Abrams als Produzent überhaupt auf den Regisseur zukam. Abrams entdeckte einen tollen Thriller in einem Bunker und bot an, die Marke Cloverfield überzustülpen. Fünf Minuten Alien-Action wurden an das Ende der eigentlich Story angehangen, der Film wurde ein Welterfolg und vom Nischendasein gerettet. Bei „The Cloverfield Paradox“ scheint es sich anders zu verhalten. Es wirkt, als hätte man auf Biegen und Brechen ein Drehbuch gesucht, dass sich irgendwie in das ungewöhnliche Franchise hineinpressen lässt.

Und so wirken die Trips in andere Dimensionen und die Figuren fremd in einem erst noch jungen Franchise, das Ende, indem dann ein aus dem allerersten Teil bekanntes Monster zu sehen ist, wie aus einem anderen Film. Einige Zuschauer wird dieser Moment zwar beeindrucken und zufrieden stellen – Stichwort: Wiedererkennungswert –, die zuvor verstrichenen 90 Minuten macht der Auftritt des Monsters, ergo die Verknüpfung zu Cloverfield, aber völlig obsolet.

Im Kino wäre man enttäuscht, wenn man für diesen ursprünglich als Blockbuster konzipierten Science-Fictioner 10 Euro bezahlt hätte. Nun ist das Projekt eben nur ein günstiger Snack im Monatsabo, den man wenige Stunden nach dem Anschauen völlig zu recht wieder vergisst. Keine Ahnung, ob das nun gut oder schlecht ist.

„The Cloverfield Paradox“ ist seit dem 5. Februar auf Netflix zu sehen.

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