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The Cure live in München

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Sie sind alt geworden. Und seltsam. Die Einsätze funktionieren nicht mehr wie früher, die Bewegungen wirken langsam und beschwerlich. Das früher dichte Haar ist zunehmend schütter geworden und die Schwerpunkte der Körper verlagern sich von Jahr zu Jahr weiter nach unten.Die Rede ist selbstverständlich nicht von The Cure, sondern von deren Fans, die auch an diesem Montag Abend zahlreich den Weg in die Münchner Olympiahalle gefunden haben, um der Band bei einer seltsamen Tournee beizuwohnen, deren eigentlicher Grund (Promotion des neuen Albums) kurzfristig wegfiel (die Veröffentlichung wurde kurz vor Beginn der Tour um ein halbes Jahr verschoben). Aber wer braucht schon einen Grund, wenn sich die Grande Dame des „New Wave goes Gothrock goes Seltsam goes Pop goes Rock“ nach einer gefühlten Ewigkeit einmal wieder bequemt, auf Tournee zu gehen. Zurück zum Publikum: Während Robert Smith in Nordamerika durch moralisch fragwürdige Kollaborationen (Korn, Blink 182) zuletzt die Fanbasis erfolgreich verjüngen konnte und die Band in Asien, Australien und Lateinamerika umjubelt in ausverkauften Hallen spielte, bleiben bei Konzerten in Europa die älteren Semester zunehmend unter sich. Mehr noch als das hohe Durchschnitts- alter des Publikums bewirkte aber wohl der viel zu frühe Beginn des Konzertes, dass dessen Auftakt sehr reserviert aufgenommen wurde. Wer es trotzdem noch halbwegs rechtzeitig von den Getränkeständen vor die Bühne schaffte, der erlebte mit „Plainsong“, „Prayers For Rain“ und „A Strange Day“ eigentlich einen Auftakt nach Maß, der bei den Anhängern der düsteren Klänge (wozu der ein oder andere Fan der Gruppe wohl gezählt werden kann) eigentlich keinen Wunsch offen lässt, aber vom Publikum mit eher spärlichem Applaus bedacht wurde. Möglicherweise lag dies auch am Umstand, dass das Nicht- vorhandensein eines Keyboarders gerade bei diesen drei Liedern durch den exzessiven Einsatz eines Backingtapes zu kompensieren versucht wurde. Das Tuckern eines Laptops ersetzt eben nicht einen leibhaftigen Keyboarder und gibt der Performance insgesamt einen seltsamen Beigeschmack. Auch der Band scheint dieser Umstand nicht entgangen zu sein, weshalb die sphärischen, keyboardlastigen Lieder auch bei diesem Konzert, vom Auftakt abgesehen, stark vernachlässigt wurden. Es bleibt abzuwarten, wie die Band auf Dauer mit dem Umstand, dass sie gut ein Drittel ihres Repertoires nur mit dem massiven Einsatz von Klangkonserven überhaupt aufführen kann, umgehen will.Fürs erste scheint man sich für eine weitgehende Umstellung der Setlists entschieden zu haben: Angereichert um zwei Lieder vom letzten und eines („Please Project“) vom kommenden Album präsentierte die Band im Anschluss ein Sammelsurium von Singles („Lovesong“, „Pictures Of You“, „Lullaby“, „Inbetween Days“, „Just Like Heaven“) und poppigen Albumtracks („Push“, „The Blood“). Angetrieben vom druckvoll spielenden Jason Cooper (dessen Schlagzeug endlich nicht mehr klingt wie ein nasser Karton, was man gar nicht genug loben kann) präsentierte sich die Band dabei in bester Laune und riss das Publikum zunehmend aus der anfänglichen Lethargie. Die versierte Gitarrenarbeit des 2005 zurückgekehrten Urgesteins Porl Thompson ersetzt bei diesen schnelleren Liedern nicht nur gekonnt das Keyboard, sondern entpuppt sich als wahrer Jungbrunnen für den Sound der Band. Besonders auffällig war dies bei den neueren Liedern „alt.end“ und „The End Of The World“ vom letzten Album, die im Vergleich zu den Klassikern des Bandkatalogs unerwarteterweise durchaus ebenbürtig klingen. Untermalt von einer gelungenen, für Band-Verhältnisse beinahe spektakulären Bild- und Lichtshow widmete sich die zweite Hälfte des regulären Sets überwiegend der rockigen Seite des Bandkatalogs, wobei das neue, bisher unveröffentlichte „A Boy I Never Knew“ eine melancholische Ausnahme und zugleich einen Höhepunkt des Konzerts darstellte. Ein gewohnt beklemmendes „One Hundred Years“ (begleitet von einer düsteren Bilderschau) und das epische „Disintegration“ bildeten dann schon den Abschluss des Hauptsets.Der wohl sowohl in Erwartung spektakulärer Zugaben als auch in Begeisterung über das sich stetig steigernde Konzerterlebnis frenetische (in Relation zum eingangs erwähnten Altersschnitt) Jubel des Publikums lockte die Band umgehend für den ersten Zugabenblock wieder auf die Bühne. Angeführt vom nur selten gespielten „Lovecats“ traf auch diese Zusammenstellung der wohl poppigsten Lieder des Bandkatalogs exakt den Nerv des Publikums, wobei sich die neue Seltsamkeit „Freak Show“ gelungen in die Reihe der Bandklassiker einfügte und selbst das meist aus Prinzip verachtete „Friday I’m In Love“ für strahlende Gesichter sorgte. Gesteigert wurde dieses Erlebnis im Anschluss noch vom zweiten Zugabenblock, der sich mit gleich sieben Liedern ausführlichst der Frühphase der Band widmete und dabei auch vor Raritäten wie „Fire In Cairo“ und „Jumping Someone Else’s Train“ (das 2007 zum ersten Mal seit 1981 überhaupt einmal wieder live gespielt wurde) nicht zurückschreckte. Zu diesem Zeitpunkt glich die Halle längst einer riesigen Disko. Wohin man auch schaute, tanzten und hüpften die Besucher und versuchten dabei (zumeist mäßig erfolgreich) textsicher zu wirken. Unerschrocken und euphorisch forderte das Publikum noch eine dritte Zugabe und siehe da (nimm das, Wien!), tatsächlich kehrte die Band ein letztes Mal auf die Bühne zurück um mit „Play For Today“ und „A Forest“ noch einmal zwei Klassiker zu Gehör zu bringen, bevor das Publikum in die Münchner Nacht verabschiedet wurde.


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