The Sensational Alex Harvey Band


A. H. sorgte für Terz. Mit gesträubtem Schnauzer, in der ach so bekannten Uniform zeigte er sich in diesen Tagen begeisterten Fan-Massen. Mit zum "deutschen Gruß" gestrecktem Arm nahm er die Ovationen seiner Anhänger entgegen. Ob ihn die "unarische" Hysterie störte? Nix da! Er stand und wankte nicht. Wo? In verschiedenen Städten Groß-Britanniens. Wann? Es ist erst einige Wochen her, daß man ihn zuletzt sah.

A. H. sorgte aber auch für Sex. Inmitten seines Auftritts kamen drei, äh, (Mädchen waren es wohl nicht mehr) weibliche Spätlesen auf die Bühne gewackelt. Vorne trugen sie gnädig tarnende Abendkleider, hinten schockten sie mit schlaff-krausen Nacktheiten.

A. H. sorgte schließlich auch für Gelächter. Nicht nur wegen seiner nackichten Attraktionen, sondern weil er sich und seine Platten aus dem Programm von BBC 1 verbannte. Hatte er doch in drei Jahren schon elf Singles veröffentlicht — und nicht eine kam in die BBC 1 Charts und Spiellisten. Diese Mißachtung seiner selbst durfte nicht unbeachtet bleiben, und so erklärte A. H. der bösen Mama BBC, speziell ihrem DJ Derek Chinnery, den „totalen Krieg“!

Bevor es nun Mißverständnisse gibt: Mit A. H. ist nicht unser deutsches „Vergangenheitsbewältigungs-Gespenst Nr. 1“ gemeint, sondern sein Initialenbruder Alex Harvey. Und der ist ein echter „Teenybopperdauerlutscher“, denn er ist bereits seit zwanzig Jahren im Geschäft, und mittlerweile (als 43jähriger) ein erfolgreicher Rockstar.

Es begann mit „Tränengas“

Rockstar -— manche werden es über Nacht, andere durchirren jahrzehntelang die Dschungel des Amateur- und Profilebens, bis sie ihr Ziel erreichen. Alex lernte all diese Höhen und Tiefen kennen. In den 50er Jahren arbeitete er mit seiner Big Soul Band, machte Platten und hatten einen irren Erfolg. Aber dann kamen die „Moppköppe“ aus Liverpool, und das Beatles-Fieber erfaßte die Welt. Für Alex‘ Jazzsoul hatte kaum jemand mehr ein Ohr übrig. Was ihn allerdings nicht hinderte, seine Musik weiter zu spielen. Sein Sound machte ihm halt Spaß, und er fühlte sich nach eigener Aussage frei. Aber die Zeiten kriegten auch Alex und seine Kumpane klein. Freiheit hin, Spaß her, die Kasse blieb meistens leer. Als es nicht einmal mehr für Hamburger und Bier reichte, zog man die einzig logische Konsequenz: Die Big Band löste sich auf, und ein jeder suchte nach seiner eigenen fetten Weide. Alex landete dabei zunächst als Gitarrist im Londoner „Hair“-Musical. Fünf Jahre ertrug er dieses Spektakel, dann trampte Alex mit dem ihm eigenen Instinkt für Erfolgschancen in seine Heimat Glasgow. Dort traf er eine Band mit dem verheißungsvollen Titel „Tear Gas“ und überzeugte deren Mitglieder nach einigem Hin und Her von seinen Fähigkeiten. Der „Tränengas“-Boß Zal Cleminson (heute Gitarrist bei derSensational Alex Harvey Band) glaubte dem alternden Rockimpressario jedes Wort und entschied sich spontan für eine Zusammenarbeit mit Alex. Die anderen folgten seinem Beispiel. Die Geburtswehen der Alex Harvey Band waren überstanden, der Ernst des Business begann.

Wüstling, Killer, Trunkenbold

Was seither passierte, weiß eigentlich jeder, der die Entwicklung des SAH B-Mythos beobachtet hat. Die Jungs spielten sich mit ihrem kraftvollen, aber alles andere als schablonenhaften Hardrock recht schnell in die Herzen der Pop-begeisterten Briten. Der SAHB-Rock hat in Verbindung mit verschiedenen, kunterbunten Show-Einlagen bei Live-Gigs eine oft irre Wirkung auf das Publikum. Alex produziert sich während der Show in allen möglichen Rollen: als glitschhaariger Rocker in öliger Ledermontur, als Wüstling, Killer, Trunkenbold etc. Zel Cleminson unterstützt ihn dabei mit „janz jrienem Jesicht“, Clownsmasken und allerlei „pantomimenartiger“ Motion. Kurz: Bei ’ner SAHB-Bühnenshow geht’s rund! Aber man muß sich nicht unbedingt auf die Show konzentrieren. Optik und Akustik sind nicht derart miteinander verknüpft, wie z.B. bei der früheren Genesis. Die meisten SAHB-Fans schütteln ihren Kopf rhythmisch zur Musik oder flippen sonst irgendwie ausgelassen durch die Halle. Ist die SAHB also eine Volksausgabe der Genesis? Alex will es nicht wahrhaben und schüttelt entschieden den Kopf. Aber einen Songwriter vom Schlage Peter Gabriels hätte er gern in seiner Crew. So kommentierte er seine Version von Del Shannons Uralthit „Runaway“ mit den Worten: „Ich wünschte, wir könnten solche Sachen schreiben.“ Ehrlich ist er ja. Und er gibt auch selbst zu, daß bei der SAHB viele Melodiemängel durch Rhythmus und möglichst eigenartige, witzige Songtexte ersetzt werden. Wie gesagt, daß es an Melodie fehlt, ist seine Meinung. Und das ist ein Grund mehr für ihn, die Show mit allen möglichen Gags und den anfangs erwähnten Merkwürdigkeiten zu würzen.

„In den Lokus und dann spülen!“

Man ist ja nun für ’ne Menge Unfug zu haben, aber wenn Alex den Adolf mimt, kann das selbst die grundgütigste Steineiche zum Rotieren bringen. Selbst wenn sich die ganze Sache nur in England abspielt, ist sie unfair! Unfair gegenüber deutschen Rockfans (Ihr seid ja O.K., aber Väter, und was die anstellten?!) und gegenüber den Opfern des und gegenüber den Opfern des NS-Terrors. Der Meister aller Massenkiller als 5-Minuten-Gag in einer Rock-Tingel-Show? Das ist geschmacklos. Wie reagierte die Musik-Presse doch dunnemals, als Bryan Ferry die NS-Uniform zum Modeknüller machen wollte: „In den Lokus und dann spülen, aber kräftig!!“ Und was für Ferry recht war, ist für Harvey auch nur billig.

Das wird sich auf anderem Gebiet auch Alex gedacht haben. Nachdem er Bryans Hitler-Tick kopierte, holte er sich auch ein paar Sex-Tanten auf die Bühne. Aber was für welche!! Dagegen waren Ferry’s Girls knackfrisch, wenn auch überschminkt. Was für Alex auf der Bühne wackelte, war in allen Belangen schlaff, schlaff, schlaff…

Trotzdem: Der Rocklümmel bleibt sympathisch

Um etliche Zähne schärfer (und das gefällt) ist Alex‘ Frechheit. Wann hat es schon mal ein britischer Musiker riskiert, Mütterchen BBC in die Musiksuppe zu spucken? Sowas paßt schon eher zu einem Musiker, der seine persönliche Freiheit über alles schätzt und sich als einen „Handwerker im Rockbusiness“ bezeichnet.

Für diese BBC-Anekdote und seine erfrischend-schnörkelarme Musik kann man Alex getrost wieder aus dem Lokus holen. Probehalber zumindest. Der Rocklümmel bleibt einem sympathisch, auch wenn er für seine nostalgischen Fehlgriffe eigentlich ein Fellvoll verdient hätte.