The Shape Of Punk To Come Back


Sie waren die beiden wichtigsten Post-Hardcore-Bands der Jahrtausendwende. Jetzt gaben die Schweden Refused und At The Drive-In aus El Paso fast gleichzeitig ihre Wiedervereinigung bekannt.

Als die Polizei den stickigen Keller betritt und das Ende der Party anordnet, sieht Dennis Lyxzén eine letzte Chance, seine Band zu retten. Eine gemeinsame Geste des Protests könnte die erschöpften Mitglieder von Refused vielleicht wieder zur Einheit zusammenschweißen. Die Cops kämpfen sich ihren Weg durch die Menge, Lyxzén dreht sich um zur Band und sagt: „Lasst uns weiterspielen!“ Sie kommen bis zur ersten Strophe von „Rather Be Alive“, bevor die Exekutive den Stecker zieht. Das Publikum rastet aus, die Musiker jedoch sind fast erleichtert. Drummer David Sandström erinnert sich: „Es war, als wären die Cops gekommen, um uns zu retten. Die Fans sahen das natürlich anders: Hier kommt der Feind, und ruiniert die Show – aber ich hätte sie küssen können.“ Wenig später sitzt die Band im Tourbus und weiß: Refused are fucking dead.

Die Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, war schon vor dem Auftritt in Virginia gefallen. Dabei hatten Refused den Höhepunkt ihrer Karriere gerade erst erreicht: Mit ihrem dritten Album gelang den Schweden ein bahnbrechendes Werk, das die Grenzen von Hardcore locker übersprang und die musikalische Palette des Genres um Elektro-, Folk- und Jazz-Einflüsse erweiterte: Post-Hardcore. Selbstbewusst betitelten Refused die Platte The Shape Of Punk To Come.

Mit der künstlerischen Weiterentwicklung der Band setzte jedoch auch ein Entfremdungsprozess ein. Als Refused im Frühling 1998 auf Tour gehen, spielen sie in denselben Punk-Clubs wie in den sieben Jahren zuvor, doch der Funke will diesmal nicht überspringen. „Du gibst alles und siehst gleichgültige Gesichter im Publikum“, erzählt Lyxzén: „Du schaust dich auf der Bühne um und siehst vier Typen, die lieber woanders wären.“ Sechs Monate quälen sich Refused durch die Tournee, bis sie schließlich das Handtuch werfen.

Etwa zur selben Zeit arbeiten im texanischen El Paso At The Drive-In an ihrem zweiten Album. Auf In/Casino/Out findet die Band ihren eigenen Sound zwischen Fugazi, den Dead Kennedys und MC5. Mit energiegeladenen Auftritten hatte sich das Quintett bereits einen Namen gemacht. Vor allem Frontmann Cedric Bixler-Zavala und Gitarrist Omar Rodríguez-López ziehen mit ihren Pudelfrisuren und spastischen Tanzbewegungen die Blicke auf sich.

Den Durchbruch schaffen At The Drive-In 2000 mit Relationship Of Command, das unter der Regie von NuMetal-Guru Ross Robinson eingespielt wird. Aus der Kombination von Jim Wards Pop-Affinität mit Omars und Cedrics Vorliebe für Prog Rock entsteht das explosivste Rockalbum seit dem Debüt von Rage Against The Machine. Die kreative Spannung führt aber auch dazu, dass sich die Band in zwei Lager teilt und ein Jahr später zerbirst: Cedric und Omar gründen die Frickel-Formation The Mars Volta (die am 23. März ihr sechstes Studioalbum veröffentlichen werden), Ward und Tony Hajjar das Emo-Projekt Sparta.

Und nun, über zehn Jahre später und fast gleichzeitig, geben Refused und At The Drive-In, die beiden bedeutendsten Punk- und Hardcore-Bands der Jahrtausendwende, ihre Wiedervereinigung bekannt. „Wir wurden The Shape Of Punk To Come damals nicht gerecht“, schreiben Refused auf ihrer Website: „Wir wollen es diesmal richtig machen.“ At The Drive-In kommentieren ihre Rückkehr nur mit einer adaptierten Textzeile aus dem Song „One-Armed Scissor“: „This station is … now … operational“.

Die Diskussion um Sinn und Unsinn solcher Reunions ist ziemlich müßig in Zeiten, in denen nahezu jede aufgelöste Band früher oder später wiederkommt. Im Fall dieser zwei vor Herzblut triefenden Hardcore-Bands mag man sich nicht gerne vorstellen, dass Geld der treibende Motivator sein soll. So oder so sind Reunions selten einzig ein Grund zur (Vor-)Freude, gerade wenn es um Künstler geht, die sich auf dem Zenit ihres Schaffens trennten. Dass diese beiden Bands in einem Metier zugange waren, in dem die rohe Kraft der Jugend eine enorm wichtige Rolle spielt, macht das Unternehmen nicht einfacher. 1998 schrieben Refused in ihrem Abschiedsbrief: „We got everything to win and nothing but our boredom to lose.“ Nun steht nicht weniger als das eigene Vermächtnis auf dem Spiel.

Auftritte von At The Drive-In wurden bislang nur für das Coachella-Festival im April in Kalifornien bestätigt. Dort treten auch Refused auf; allerdings gibt es sie auch auf dem „Monster Bash“ in Berlin, am 27. April, zu sehen und zu hören.