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Vor 30 Jahren

The Smiths: Wie die wichtigste Band der 80er zerbrach

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John Peel, der Radio-DJ der BBC, hatte die Band mehrfach eingeladen, ins Studio zu kommen, um eine seiner „Peel Sessions“ aufzunehmen. Peels Geschmack wurde damals in Indie-Kreisen geschätzt wie kaum ein anderer. Aber eben fast nur dort. Ein Auftritt bei „Top Of The Pops“ bedeutete den nächsten Schritt. „Bevor wir dort gespielt hatten, kannte man uns von der ‚John Peel Show‘. Mit der Performance hatte sich diese Kultur plötzlich an einen anderen Ort verpflanzt“, erklärte Marr. „John Peel stand für diese Kultur, wir waren ein Teil davon, und mit einem Mal begann eine neue Phase: Postpunk lief plötzlich auf ‚Top Of The Pops‘.“

„This Charming Man“ war der Beweis der Smiths, dass subversive Botschaften überall hingelangen, wenn man sie nur in einen poppigen Kontext verpacken konnte. Bei einer Band wie den Smiths, die ihre Ästhetik aus Drama (im cineastisch-literarischen Sinne), persönlichem Stilempfinden und den Eitelkeiten der einzelnen Bandmitglieder zusammensetzt, muss man die ein oder andere Geschichten um den Gründungsmythos nicht komplett ernst nehmen. Der Legende nach hatten Morrissey und Marr jedoch von Anfang an vor Augen, was sie später bei ihrem ersten großen nationalen TV-Auftritt umsetzten sollten.

Marr, Anfang der 80er-Jahre in Manchester per Du mit den cool cats der lokalen Szene, hätte nicht viel gegensätzlicher zu seinem Songwriting-Partner Morrissey sein können. John Maher, der sich bald Johnny Marr nennen würde, spielte schon zu Teenagerzeiten in verschiedenen Bands Gitarre (immer wieder auch mit dem späteren Smiths-Bassisten Andy Rourke). Marr liebte Phil Spector, die frühen Rolling Stones und das klassische Songwriting des Duos Leiber & Stoller. Tagsüber arbeitete er in einem Klamottenladen als Verkäufer, abends übte er mit seiner Gitarre.

Stephen Patrick Morrissey, fortan besser bekannt unter seinem Nachnamen, hatte Ende der 70er erfolglos in zwei Punkbands gesungen. Morrissey hatte sich zwar in der Zeit einen gewissen Namen als ungewöhnlich geistreicher Erzähler gemacht, der Oscar Wildes Worte und Shelagh Delaneys Bühnenstücke verehrte. Im Gegensatz zu Marr konnte Morrissey 1982 jedoch seine Freunde an einer Hand abzählen. „Ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit, bis ich sechs oder sieben war. Danach war es schrecklich. Mit acht war ich sehr einsam. Wir hatten sehr, sehr viel Familienzwist, was dein Leben nachhaltig beeinflusst. Meine Kindheit und jugendliche Existenz waren ganz und gar unflätig. Obwohl man es wohl kaum Existenz nennen sollte …“ Er habe sich durch diese Jahre durchgewunden, sagte Morrissey einmal in einem Interview. Er habe Zuflucht in Filmen und Büchern gesucht, „bis sich die Smiths gründeten und ich endlich wieder zu leben anfing“.
Dieses Leben enthielt für die auf Konsum ausgelegten 80er-Jahre ein paar ungewöhnliche Gedanken und Lifestyle-Vorlieben, die gar nicht in die Zeit passten. Morrissey bekannte sich als militanter Vegetarier sowie Thatcher-Hasser, und erklärte seinen Beziehungsstatus als zölibatär.

Im Mai 1982, so geht die Geschichte, sucht der gerade einmal 18 Jahre alte Johnny Marr, vermittelt durch einen gemeinsamen Freund, den 23 Jahre alten Morrissey in der 384 Kings Road in Stretford auf – und klopft unangemeldet an die Haustür. Morrissey lebt mit seiner geschiedenen Mutter zusammen. Das Leben, wie er selbst zugab, hatte ihn zu dem Zeitpunkt nicht mehr auf der Rechnung. Bis es klopft, er herunterschleicht und den Jungen mit der pechschwarzen Brian-Jones-Frisur in sein Haus lässt. „Ich hab es noch genau vor Augen. Es war ein sonniger Tag, so gegen ein Uhr nachmittags. Ich habe mich vorher nicht gemeldet oder so. Ich habe einfach geklopft und er hat die Tür geöffnet“, erinnert sich Johnny Marr.

The Smiths, 1984.
The Smiths, 1984.

The Smiths ist das Baby dieser zwei Männer. Gebückt über Morrisseys Plattensammlung entwerfen sie angeblich da ihre Vision der Band. Den Sound, die Ästhetik, den Appeal. Der Bandname sei der gewöhnlichste Name und es nun an der Zeit, dem Gewöhnlichen einmal ein Gesicht zu verleihen. Nach ein paar Besetzungsvarianten wird Marrs alter Kumpel Andy Rourke am Bass rekrutiert, Mike Joyce überzeugt beim Vorspielen und sitzt fortan am Schlagzeug. Die Tantiemen, was erst Jahre später in einem unschönen, aber für die Band dann doch konsequent dramatischen Prozess herauskommt, werden mit je 40 Prozent für Morrissey und Marr sowie je zehn Prozent für Rourke und Joyce aufgeteilt. Den Vertrag mit ihrem Plattenlabel Rough Trade unterschreiben die beiden Bandgründer, ohne mit den anderen vorher über die Aufteilung der Einnahmen gesprochen zu haben. Auf Augenhöhe befinden sich nur Morrissey und Marr.

Dieses Ungleichgewicht in der Band hat zum Beispiel zur Folge, dass Rourke Anfang 1986 kurzzeitig aus der Band geworfen wird für seinen Heroin-Konsum, via Post-it-Zettel, der hinterm Scheibenwischer seines Wagen klemmt: „Andy – du hast die Smiths verlassen. Auf Wiedersehen und viel Glück, Morrissey“. Der Sänger selbst weist später übrigens den Vorwurf von sich, die Notiz verfasst zu haben.Es ist nur eine von vielen Morrissey-Storys, die man nicht komplett ernst nehmen muss. In seinen Songtexten steckt aber so viel Drama, dass klar ist: eine Band wie The Smiths kam natürlich auch jenseits ihrer Kunst nicht ohne ein bisschen Theater aus.

Was das Level ihres Werks angeht, sind die Smiths zu dieser Zeit die vielleicht konstanteste Band seit den Beatles. Die Fülle an unterschiedlichen Kompositionen plus die lakonischen Texte, all das sucht Anfang der 80er seinesgleichen. Die Band erspielt sich, nicht nur dank öffentlichkeitswirksamer Auftritte wie bei „Top Of The Pops“, sehr schnell ein treues, hingebungsvolles Publikum. Und trotzdem bleiben die Smiths zunächst im kommerziellen Sinne hinter den Erwartungen ihrer Plattenfirma zurück. Was mit zunehmender Bekanntheit durchaus auch daran liegen mag, dass Morrissey mit keinem Bandmanager zufrieden zu sein scheint. Johnny Marr lässt die Herren regelmäßig feuern und übernimmt selbst. Und Morrissey wiederum sagt selbst einfachste Promo-Termine ab – unter anderem den Videodreh in Battersea.

Pete Cronin Redferns
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