Meinung

Als Tocotronic kurz davor waren, einen Fernseher rauszuwerfen

Zürich, 90er: Der Fernseher steht auf dem Fenstersims, bereit zum Sturz. Jan Müller verrät, warum Tocotronic dann doch nicht zur Rockstar-Zerstörung griffen.

„Nichts auf dieser Welt ist schlimmer / Als ein leeres Hotelzimmer in der Nacht / Wenn die Einsamkeit erwacht“. Das sind die ersten Zeilen aus dem Song „Rette mich“ von Nena. Ich fand diese Verse lange Zeit großartig. Und wie das mit großartigen Zeilen so ist: Man antizipiert sie für sich und glaubt eventuell sogar, dass diese Zeilen das eigene Empfinden widerspiegeln.

Nun bin ich vor Kurzem in mich gegangen und habe festgestellt, dass ich die Sache ganz und gar anders sehe als Nena. Und in diesem Fall hat das nichts damit zu tun, dass Gabriele Susanne Kerner, Sängerin der Band Nena, spätestens seit dem Jahr 2021 für mich aus politischen Gründen nicht mehr akzeptabel ist. Denn geschrieben hat den Song „Rette mich“ nicht Gabriele Susanne Kerner, sondern Carlo Karges, der viel zu früh verstorbene Gitarrist der Band Nena. Er ist über jeden Zweifel erhaben.

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Aber dennoch bin ich der Meinung, dass diese Zeilen für mich keine Gültigkeit haben. Ich kann mir auf dieser Welt, wenn die Einsamkeit in der Nacht erwacht, viele Dinge vorstellen, die schlimmer sind als ein leeres Hotelzimmer. Zum Beispiel eine Gefängniszelle, ein feuchtes Moor voller Moskitos oder aber auch ein Hotelzimmer, das nicht leer ist, sondern mit Dekor-Kitsch vollgestopft wurde. Mit dieser Art von Hotelzimmern wird man ja leider – insbesondere in sogenannten „Boutique-Hotels“ – seit der Jahrtausendwende häufig konfrontiert. Wundern sollte man sich darüber nicht; die französische Vokabel „Boutique“ bedeutet wörtlich übersetzt „Kramladen“.

Nirgendwo schlafe ich so gut wie in einem wohltemperierten Hotelbett

Wenn wir solche Spitzfindigkeiten beiseitelassen, so stellen wir fest, dass die Nena-Zeilen nur eine Variation von zwei Zeilen aus dem AC/DC-Song „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)“ sind: „Hotel, motel / Make you wanna cry“. Aber dennoch: Mich selbst traf dieses Gefühl bisher nicht. Viel zu sehr liebe ich Hotels und Hotelzimmer. Nirgendwo schlafe ich so gut wie in einem wohltemperierten Hotelbett. In jedem Hotel-Badezimmer erblickt man den immer gleichen Hinweis: „Wissen Sie, wie viele Tonnen Hotel-Handtücher weltweit täglich gewaschen werden? Wie viel Wasser, Waschmittel und Energie dabei verbraucht wird?“ Ich weiß nicht, wie viele Handtücher weltweit gewaschen werden. Doch ich weiß, dass es den Hotels mehr um ihre Kosten als um den Schutz der Umwelt geht. Aber ich weiß auch, wie hart die Hotels ihre Preise kalkulieren müssen. Mich machen diese scheinheiligen Aufsteller-Kärtchen daher nicht wütend.

Apropos Wut: Ich habe nie verstanden, dass Hotelzimmer immer wieder das Ventil für den Frust und die Aggression von Rockbands waren. Das Verwüsten und Zerstören von Hotelzimmern ist nichts weiter als übler Kitsch. Welche Befriedigung soll sich denn daraus speisen? Der Täter ist in der Regel leicht zu ermitteln und muss den Schaden dann selbst ausgleichen. Außerdem müssen vermutlich irgendwelche, nicht sonderlich gut bezahlten Angestellten alles wieder in Ordnung bringen. Heutzutage versuche ich, das Zimmer mindestens so ordentlich zu verlassen, wie ich es betreten habe. Ich wische das Bad und bringe bei Bedarf die Kanalbelegung des Fernsehers auf den aktuellen Stand. Ich habe sogar schon einmal eine lockere Kleiderstange wieder angeschraubt. Den Schraubenzieher dafür habe ich mir von unserem Tontechniker ausgeliehen. Er war noch wach.

Wir neigten mit meiner Band Tocotronic dazu, Hotelzimmer umzudekorieren

Früher allerdings war ich weniger penibel. Wir neigten mit meiner Band Tocotronic dazu, Hotelzimmer umzudekorieren. Abstrakte Bilder wurden umgedreht, Pflanzen wurden durch die Flure getragen und Zimmernummern an den Türen wurden vertauscht. Und ich muss gestehen: Wir waren sogar schon einmal kurz davor, einen Fernseher aus dem Fenster zu werfen. Das ereignete sich in den 90er-Jahren in Zürich. Der Portier hatte einem guten Freund von uns den Zutritt zu unseren Zimmern verwehrt. Das TV-Gerät stand bereits auf dem Fenstersims, bereit dafür, mit einem lauten Knall aus dem vierten Stock auf den Asphalt zu schlagen.

Allerdings gilt in unserer Band das Konsens-Prinzip. Ein Bandmitglied war in jener Nacht gegen diese Aktion, zwei Bandmitglieder waren dafür. Nach einer anderthalbstündigen Diskussion resümierten wir, dass solch eine Aktion grundsätzlich falsch sei, obwohl wir in diesem Haus alles andere als gastfreundlich behandelt worden waren. Wir ließen das Gerät auf dem Fenstersims stehen.

Das Maximum, was mir heutzutage in einem Hotel passieren kann, ist, dass ich mich stark ärgere. Zum Beispiel über unsinnig angebrachte Steckdosen, einen Volt-schwachen Fön oder ein fehlendes zweites Kopfkissen (kein Mensch kann mit nur einem Kopfkissen schlafen). Wenn ich dann wegen des fehlenden Kopfkissens wach liege, so stelle ich mein Telefon an und streame leise den Ursprung aller Hotelsongs: „Heartbreak Hotel“ von Elvis Presley: „Well, now if your baby leaves you and you need a place to dwell / Just take a walk down Lonely Street to Heartbreak Hotel / You’ll be so lonely baby, you’ll be so lonely /You’ll be so lonely, you could die“. Vielleicht hatte Carlo Karges doch nicht so ganz unrecht!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 2/2026.