Travis – The Invisible Band


Dabei hatte dieser Junitag gar nicht ausgesehen, als könnte ein Wunder passieren – doch dann kam „Sing“ in seiner unaufdringlichen, poetischen Grandezza dahergeschwebt, eine Ahnung von Sommer, die den Herbst bereits mitdenkt, und von einem Moment auf den anderen war die Luft klarer, das Licht milder, das Leben schöner. Es kam „Side“ und zog einen in einen Strudel aus Akustikgitarren, himmlischem Harmoniegesang und einer wunderbaren Melodie. Es kam „Follow The Light“, dessen stupender Refrain einem Tränen des Glücks in die Augen treten ließ. Es kam „The Humpty Dumpty Love Song“, jene Hymne mit dem zarten orchestralen Schmelz und dem majestätischsten Fade-out seit „A Day In The Life“ von den Beatles. Es kam also „The Invisible Band“, das dritte Album von Travis und vor allem: nach „Good Feeling“ (1997) und „The Man Who“ (1999) ihr drittes makelloses in Folge. Preisfrage: Welcher britischen Band ist solches überhaupt schon gelungen? Blur oder Oasis? Lächerlich. The Smiths? Pah. The Clash oder Roxy Music? No way. Den fabulösen Vier aus Liverpool? Naja. Am ehesten wohl den Kinks in der zweiten Hälfte der Sechziger, besser noch den Stones zwischen ’68 und ’72, zwischen „Beggars Banquet“ und „Exile On Main St.“, sowie zuletzt Radiohead. Eine fürwahr illustre Gesellschaft, in der sich das genialische Quartett aus Glasgow bewegt, das ja ganz nebenbei auch noch mit ein paar offenbar nicht tot zu kriegenden Rock’n’Roll-„Weisheiten“ aufgeräumt hat: allen voran mit der, dass „gut“ auszusehen, exaltiert zu agieren und ständig die Schlagzeilenmaschinerie zu versorgen habe, wer auf dem Planeten Pop wahrgenommen werden wolle. Nein, nein -Fran Healey, Dougie Payne, Neil Primrose und Andy Dunlop lassen lieber ihre Songs für sich sprechen, verschwinden geradezu hinter ihnen, werden buchstäblich „invisible“: Songs, die so fein hingetupft wirken, als hätte Healey sie im Vorübergehen gepflückt, und die doch das Resultat monatelanger, harter Arbeit unter der Knute von Produzent Nigel Godrich sind. Der wies bei den Aufnahmen mal eben eines von Frannys Liedern als völlig ungeeignet zurück, strapazierte aber auch sonst als unbestechliches Korrektiv die Nerven aller, kritisierte und motivierte und insistierte und inspirierte. „Wir wollten das Album klingen lassen, als wäre es unser erstes und gleichzeitig unser letztes“, sagt Mr. Healy. Ziel erreicht, kann man da nur voller Bewunderung konstatieren. „The Invisible Band“ ist alles: euphorisch und abgeklärt, naiv und raffiniert, melancholisch und berstend vor Lebensfreude, scheinbar völlig unangestrengt und dabei bis ins letzte Detail ausgetüftelt, ist großer, wunderbar austarierter Pop für das Hier und Heute und ein Monolith, der Jahre und Jahrzehnte überdauern wird. Also sprach Fran: „Wir werden wohl nie Rockstars.“ Mag sein. Tatsache ist aber auch: Mit „The Invisible Band“ haben Travis endgültig ihren Platz im Pantheon der populären Musik eingenommen. Wir indes kleben ihre Namen in unser Tagebuch – mit Rosenblättern.