Tricky: Hamburg, Große Freiheit


TRICKY LIVE 99 – ALLES ANDERS, ALLES NEU UND VOR allem: ganz schön hell, zumindest soweit erleuchtet, daß die Seifenblasen zu sehen sind, die aus der ersten Reihe auf die Bühne geblasen werden. Seifenblasen – eine gute Metapher für die selbstgewählte neue Welt des Tricky: oberflächlich, schillernd, kurzlebig, ein Klischee. Der einst sich verweigernde Künstler denkt jetzt an Größe und Vermittlung und praktiziert Funktionalität. Das ‚ dunkle Brodeln wurde an die nächste Generation i weitergegeben, die Garantie für Voodoo ist verloschen. Das beginnt beim Set-Up: der selbsterklärte „Nicht-Sänger“ nicht etwa als dunkle Bedrohung im Hintergrund, sondern vorne im weißen Schlafrock und mit einer offensichtlich trainierten Stimme, die in ihrem Röhren Billy Idol und andere Gespenster der 80er aufleben läßt. Neben ihm seine neue Weiblichkeit, ein zu Zeilen aus Blondies „Heart of Glass“ lasziv den Mikro-Ständer umschlängelndes, kiffendes Pin-Up namens Keoke, weit entfernt von der morbiden Aura einer Martina. Die Klammer um das animalisch-erotische Duo ist eng und buchstabierte sich R.O.C.K. Dazu: ein studioser Keyboarder, der mit digitalen Panflöten und anderem auf dem Index befindlichen Ambient-Kitsch allen Vorurteilen gegen seine Zunft Nahrung gibt, sowie ein auch äußerlich klar bestimmbarer Hardrock-Gitarrist, bereit und willens, jederzeit schweinös abzuriffen. Die eindeutig als HipHop zu lesenden Stücke der neuen Platte im headbang-tauglichen Aufund-ab, die alte Schönheit in pompösem Kitsch. Eine Praxis, die sich durchaus auch als gutes, bedürfnisbefriedigendes Entertainment erfahren läßt-wenn man kurz vergessen kann, daß hier jener Beat&Sample-Künstler auf der Bühne steht, der es als Einziger geschafft hat, Intensität und Subtilität in großem Stil zu vereinigen. Trickys Weg, sein System zu öffnen, besteht jedoch aus Eindeutigkeiten. Niemand soll mehr verschreckt werden – und zumindest quantitativ hat er damit Erfolg: diesmal war es nicht die MTV-Jüngerschaft, die vorzeitig den Saal verließ, sondern die weitaus kleinere Gruppe derjenigen, die den geliebten irritierenden Zwischenton nicht mehr fanden.