Verdamp weit weg


"Majestät brauchen Sonne! - so das scherzhafte Motto der Expedition. Also entstand das neue BAP-Album auf Mallorca, mehr als 2.000 Kilometer entfernt von der Kölner Südstadt.

Auf jeder Seite der Bucht weht fröhlich eine bunte Flagge im mallorcinischen Frühlingswind. Die rechte ist weißrot und trägt das Emblem des 1. FC Köln. Geißbock „Hennes“ und das Vereinswappen bilden einen willkommenen Farbfleck in der noch weitgehend touristenfreien Postkartenidylle. Gehisst hat die Fahne BAP-Chef Wolfgang Niedecken (50) höchstselbst. Irgendwie muss sich der Mann ein bisschen Heimat schaffen. Sechs Wochen lang hockt er nun schon hier in einer alten Villa, mehr als zweitausend Kilometer entfernt von Familie, Dom und Zettel-Ewalds „EffZeh“, und spielt mit seiner Truppe das inzwischen 13. Studioalbum mit dem Titel „Äff un zo“ ein.

Wir befinden uns In Cala San Vincenc, einem kleinen Badeort in der Nähe von Pollenca an der Nordküste von Mallorca, letzt, Anfang März, schlendern nur vereinzelt Touristen über die gepflegten Dorfstraßen. Die Einheimischen bereiten sich gerade erst auf den jährlichen Besucheransturm vor. Und nichts deutet darauf hin, dass hier seit einigen Wochen „Irjenden Rock’n‘ Roll-Band“, so der Titel eines neuen BAP-Songs, campiert und in der ältesten Villa des Ortes an neuen Songs arbeitet. Lediglich der riesige Tieflader sieht nach Showbiz aus, Fahrer Mino hat das monströse Gefährt jedoch dezent unter Palmen geparkt. Tatsächlich ist das C’an Franch das erste Haus, das in dieser Bucht gebaut wurde – entsprechend traumhaft seine Lage: Majestätisch thront der etwas heruntergekommene Gründerzeitbau über dem Strand und bietet den perfekten Panoramablick aufs Meer. Schon Picasso hat sich hier vom besonderen Licht der felsigen Landschaft inspirieren lassen. Derzeit steht die alte Villa leer, demnächst soll sie für touristische Zwecke umgebaut und renoviert werden. Wolfgang Niedecken hat den Ort während seines letztjährigen Urlaubs entdeckt. Damals kam er auf die Idee, das nächste BAP-Album unter südlicher Sonne aufzunehmen: „Wir wollten eine relaxte Atmosphäre, eine angenehme Umgebung und keine Ablenkung. Mit dieser Session habe ich mir einen alten Traum erfüllt!“ Einzige Bedingung für den Aufnahmeort: Er sollte mit dem Equipment-Truck erreichbar sein.

Das Innere der Villa sieht aus wie eine Mischung aus Rock’n’Roll-Bühne und Althippie-WG. Dicke Perserteppiche dienen zur Schalldämpfung, ebenso dicke Kabelstränge sind durch die einzelnen Räume verlegt. Ein langer Korridor ist vollgestopft mit Verstärkern und Trennwänden, in einer dunklen Nische funkelt Jürgen Zöllers Drumkit. Zentral das riesige Mischpult mit seiner Peripherie. Hier und da Computerbildschirme, überall Instrumente. Neben einem alten Plüschsofa die eindrucksvolle Sammlung von akustischen Gitarren mit allem, was das Musikerherz begehrt, von der vollbauchigen Jumbo bis zur zwölfsaitigen Dreadnought. In einer anderen Ecke des Raumes eine Ansammlung von elektrischen Gitarren, die jedem Vintage Shop zur Ehre gereichen würde: diverse Telecasters, Stratocasters, Les Pauls und Rickenbackers in verschiedenen Ausführungen. Das meiste daraus aus der privaten Sammlung von Wolfgang Niedecken. Der erklärt: „Ich bin froh, wenn die Dinger mal gespielt werden. Zu Hause stehen sie ja meistens nur rum. Deswegen hab‘ ich sie alle mitgeschleppt.“ Wobei allerdings nicht jede Gitarre tatsächlich benutzt wird. Grinsend deutet Wolfgang auf ein sichtlich älteres Modell mit seltsamem roten Kunstleder-Überzug: „Das Teil ist der Hammer. Wir haben sie in einem Kölner Laden entdeckt, da stand sie für wahnsinnige 180 Mark, inklusive dazugehörigem Verstärker. Ich musste die einfach haben. Bislang hat sie’s aber noch nicht auf die Platte geschafft.“ Später aber doch noch, zu hören ist die preiswerte Trash-Klampfe auf „Noh Zahle Mohle“.

Man fragt sich, warum die Kölner nicht einfach eines der vielen Studios, die es auf Mallorca gibt, für die

Aufnahmen gebucht haben und statt dessen umständlich nicht nur das Bandequipment, sondern auch die komplette Studioausrüstung nach Cala San Vincenc gekarrt haben. Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend. Wolfgang Niedecken: „Hier gibt es praktisch kein Studio, das den Anforderungen einer echten Band genügen könnte. Die sind hier alle auf synthetische Pop-Produktionen ausgerichtet. Da kannst du mit einer siebenköpfigen Kapelle schon aus Platzgründen nicht arbeiten.“

An der Wand hängt die „Bappe“, ein auf Pappmache gemalter Plan, der den Stand der Dinge bei den jeweiligen Songs wiedergibt. Die hellbraune Tafel sieht inzwischen aus wie ein „Schiffe-Versenken‘-Spiel, überall Kreuze für „erledigt“ (oder „versenkt“), kaum noch freie Kästchen. Fast alle Instrumente und Stimmen sind mittlerweile aufgenommen. Lediglich einige Overdubs sind noch zu erledigen, hier ein Chor einzufügen und dort eine zusätzliche Gitarrenspur einzuspielen. Toningenieuse Brigitte Angerhausen sitzt hinter dem mächtigen Mischpult, drückt routiniert Knöpfe, gibt ruhige, aber bestimmte Kommandos, hört sich aufmerksam die Ausführungen der Musiker an und kommentiert gelegentlich mit staubtrockenem Humor. Die Atmosphäre ist entspannt, kaum mal ein lautes Wort zu hören, höchstens ein alberner Scherz zwischendurch. Ansonsten konzentriertes Arbeiten. Selbst technische Pannen wie zum Beispiel die Ameisenstraße, die eines Morgens zur Überraschung der Crew mitten durch und über das Mischpult führte, werden mit Fassung getragen. Kein Grund zur Aufregung, das kriegen wir schon hin.

Während Helmut Krumminga (39) im Aufnahmeraum auf einem Hocker sitzt und eine obskure Sitargitarre aus den 60er Jahren stimmt, macht sich Wolfgang am „Altar“ zu schaffen. Der gehört inzwischen zu BAP wie – das strapazierte Bild sei hier ausnahmsweise Reisebericht

gestattet – der sprichwörtliche Dom nach Köln. Das Ding ist eine An aufklappbarer Schrank, mithin tatsächlich so etwas wie ein Tabernakel, und beinhaltet mehr als zwanzig Jahre BAP-Geschichte. Untergebracht ist das gute Stück im eigens gebauten Flightcase, schließlich begleitet der „Altar“ die Band seit Jahren auf all ihren Wegen. Der BAP-Boss fummelt an einer der vielen kleinen Figuren herum, befestigt irgendetwas und erklärt mit leuchten Augen, welche Souvenirs von welchen Bandhistörchen künden. Neben allerlei Bandidolen von Keith Richards, dem allgegenwärtigen Bob Dylan über Ray Davies hin zu den Beatles – hat der Sänger hier in liebevoller Kleinstarbeit verschiedenste Andenken und einen Haufen schrillen Kitsch versammelt. Und natürlich das Vereinswappen des 1. FC Köln.

Apropos FC: Im Gemeinschaftsraum des Hotel Niu, nur wenige Schritte vom C’an Franch entfernt, steht ein Fernseher. Und Niedecken wäre nicht Niedecken, hätte er nicht aus dem fernen Deutschland einen Decoder plus entsprechendes Empfangsteil mitgebracht, um die Spiele seiner Mannschaft zu verfolgen. Heute Abend ist es wieder mal soweit – im Müngersdorfer Stadion empfangt der „EffZeh“ die Hertha aus Berlin. Fachkundig verfolgen Wolfgang und Bandkollege lens Streifling (35) die Bemühungen der Bundesligaprofis. Die meisten kennt FC-Fan Niedecken persönlich („Den da hab‘ ich neulich im Baumarkt getroffen, wo er ein Geschenk für seinen Vater suchte“). Zu Beginn der zweiten Halbzeit fällt das 1:0. Die Herthaner versuchen alles, müssen jedoch zur Freude der Kölner geschlagen den Platz verlassen. Fußballmaniac Wolfgang switcht zufrieden rüber aufs Sportstudio. Derweil arbeiten drüben in der Villa Sheryl Hackett (41, Gesang, Percussion), Keyboarder Micha Nass (341, Helmut und Brigitte am Chor für „Dir allein“, den letzten Track des neuen Albums.

Und hier, bei der Studioarbeit, wird deutlich, wie sehr sich die Gewichte innerhalb der Band und damit auch die Arbeitsweise von BAP seit dem Weggang von Klaus „Major“ Heuser und Axel „Effendi“ Büchel verlagert haben. Wo früher der permanente Kampf der Egos von Niedecken und Heuser die Szenerie geprägt hat und viele Entscheidungen letztlich aus politischen und Proporzgründen gefällt wurden, dominiert heute gelassene Kollegialität. Man respektiert sich untereinander, kennt Stärken und Schwächen der einzelnen Musiker, übt Kritik, wo sie angebracht scheint, diskutiert offen und nimmt sich die Zeit, auch mal Ungewöhnliches auszuprobieren. So treibt „das Ohr“, Bassist Werner Kopal (45), den alle als Vokalchef akzeptieren, Jens, den instrumentalen Tausendsassa der Band, behutsam zu stimmlichen Höchstleistungen, auch wenn es nur darum geht, eine einzelne Zeile des Leadgesangs in „Eddies Radio Show“ zu doppeln. Oder die Sache mit dem „Softporno-Soundtrack“: Bei „Noh Zahle Mohle“ – „unserer Sgt. Pepper-Nummer“, wie Niedecken ob der ausgebufften Instrumentalfarben stolz verkündet – spielt Helmut Krumminga einen Part mit der Slidegitarre ein. Eine Weile diskutiert man hin und her, verwirft die Aufnahme ein ums andere Mal, gibt dem Mann an der Gitarre Tipps – und ist nach einer guten Stunde Herumprobierens mit dem Ergebnis zufrieden: Der gar zu gefällige „Softporno“-Keyboardteppich des Songs ist endlich in den Hintergrund verbannt („wo er auch hingehört“, wie Wolfgang klarstellt). Jens Streifling gibt zwar zu, dass es auch in der neuen Besetzung gelegentliche Auseinandersetzungen und Reibereien gibt, „aber im Unterschied zu früher tragen wir die Dinge aus und vertragen uns hinterher auch wieder“. Drummer Jürgen Zöller, mit seinen inzwischen 53 Jahren der Bandälteste, fügt an: „Heute geht es bei BAP nicht mehr um Egos, sondern um das gemeinsame Ganze. Wenn das anders wäre, würde ich auch sofort aufhören, solchen Kinderkram brauch‘ ich in meinem Alter echt nicht mehr.“

Frieda, Freude, Eierkuchen also im BAP-Lager. Kein Wunder, denn die letzten drei Jahre verliefen für das in die Jahre gekommene Kölschrock-Flaggschiff über die Maßen erfolgreich. „Comics & Pin-Ups“, das Abschiedsalbum der alten Besetzung, schaffte es 1999 bis auf Platz 1 der Charts, die darauffolgende Jubiläumstour zum 20-Jährigen wurde zu einer der erfolgreichsten in der Bandgeschichte, und der anschließende Neustart gelang perfekt. „Tonfilm“, der in Südfrankreich quasi in Wohnzimmeratmosphäre live eingespielte Startschuss für die neue BAP-Band, schaffte Platz 2 in Deutschland und präsentierte einen runderneuerten Teamgeist sowie wiederentdeckte Spielfreude. Beide Alben verkauften zusammen eine gute halbe Million Exemplare, in Zeiten magerer One-Hit-Wonder allemal respektabel. Last but not least schlössen die Fans während der „Tonfilm“-Tour die neue BAP-Mannschaft ins Herz. Und dann ist da noch dieser Filmemacher: Niemand Geringerer als Wim Wenders („Paris, Texas“) drehte während der letzten BAP-Tournee für einen abendfüllenden Kinofilm, der im Winter auf die Leinwand kommen soll. Und in der Folge dieser Zusammenarbeit übernahm Wenders auch die Regie für den Videoclip zur neuen Single, „Äff un zo“. Gefilmt wurde an einer „toten“ Autobahnbrücke zwischen Köln und Euskirchen. Zwar hat die Brücke keinerlei Straßenanschluss, im Artwork von „Äff un zo wurde sie aber doch noch zum tragenden Element. Wenn die Rede auf Wim Wenders kommt, gibt sich Niedecken geradezu euphorisch: „Den haben uns die Engel geschickt. Er ist mittlerweile ein echter Freund. Wir haben schon viele persönliche Übereinstimmungen entdeckt, nicht nur im Musikgeschmack, auch bei vielen anderen Dingen.“

Sonntag, später Nachmittag. Im kleinen Restaurant C’al Patro räumen Don Jaimes Leute gerade die Reste des täglichen, immer von allen Band- und Crewmitgliedern gemeinsam eingenommenen Mittagsmahls vom Tisch. Einige sitzen noch bei einer Tasse Espresso auf der Terasse. Unten, auf der Treppe zum Strand, hockt Wolfgang mit seinem Bandkumpel aus alten „Leopardefell-Band“-Tagen, Carl Carlton. Der Maffay-Gitarrist lebt nicht weit von hier, steht kurz vor der Veröffentlichung seines Solodebüts und schaut mal eben vorbei. Ehefrau Natascha ist bei ihm, die Kinder spielen im Sand. Die Stimmung könnte urlaubsmäßiger nicht sein. Begeistert erzählt Carl von seiner neuen Band. Gegen sechs verschwindet er mit seiner Familie in ein Cafe, derweil Wolfgang zurück in die Villa schlendert. Er weiß: Die Arbeit ist getan, das Album ist so gut wie im Kasten. Nach und nach finden sich alle, auch die Abteilung „Logistik“ in Person von Axel „Fisch“ Risch und Ralf „Locke“ Micoljczak, in der Küche des C’an Franch ein. Nach sechs Wochen ist es der wohl letzte gemeinsame Abend in der Villa, lemand öffnet eine Flasche Rotwein, die erste seit langem. Ein wenig Melancholie ist zu spüren. Man hockt zusammen, keiner verdruckt sich, alle plaudern angeregt.

Einträchtig und ins Gespräch vertieft klettern Werner Kopal und Jens Streifling die Stufen zum Hotel Niu empor. Es ist kurz nach Mitternacht. Morgen gilt es, halbwegs frisch auszusehen, Fotograf Mathias Bothor hat sich angesagt. In der Villa beginnt dann das große Abbauen. Und übermorgen wird bei einer kleinen Party im Hotel Niu Abschied gefeiert. Dessen Besitzer Don Jaime, Kunst- und Musik-Mäzen des kleinen Ortes, und die Belegschaft vom C’al Patro werden ein kaltes Büffet bereitstellen. Wolfgang wird Don Jaime feierlich das Banjo zurückgeben, das dieser für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt hat. Und irgendwann nach der Party wird Sheryl die andere der beiden Flaggen einholen: Links in der Bucht, auf einem kleinen Felsen, flattern noch die Nationalfarben ihrer Heimat Barbados im Wind. Und dann: Abflug.

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