Kommentar

Warum es eine Katastrophe ist, dass „Toni Erdmann“ keinen Bambi gewonnen hat

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Was da wieder los war, als am Donnerstag in Berlin die Bambis verliehen wurden. Robbie Williams spielte mit Barbara Schönebergers Brüsten, durfte zur Belohnung gleich zwei Mal auftreten und bekam einen Award in der Kategorie international. Florian Silbereisen wurde als „Moderator für eine neue Generation“ ausgezeichnet. Felix Jaehn erhielt einen Bambi für „Entertainment“, Bülent Ceylan gewann in der Kategorie „Comedy“.

Es wurde gestern in Berlin also nicht zwingend Qualität vergoldet. Eher Bekanntheitsgrad und natürlich Anwesenheit. Mit dieser Erkenntnis geht es auch völlig in Ordnung, dass Maren Ades Film „Toni Erdmann“ nicht den Preis für „Film National“ gewonnen hat. Der ging an David Wnendts Hitler-Mockumentary „Er ist wieder da“, ebenfalls nominiert war „Der geilste Tag“ mit und von Matthias Schweighöfer.

Der Bambi wird von einer Jury vergeben und die hat eben einen eigenen Geschmack. Dass die drei besten deutschen Filme des Jahres überhaupt nominiert waren, ist angesichts von „Der geilste Tag“ von vornherein ausgeschlossen. Aber Schweighöfer und Florian David Fitz haben natürlich für tolle Aufnahmen bei der Preisverleihung gesorgt – ein Faktor, der beim Bambi seit Jahren wichtiger ist als der Einfluss und die Qualität der ausgezeichneten Kunst.

Maren Ade hat den deutschen Film weltweit wieder ins Rampenlicht gestellt

Das Ärgerliche an der Nichtauszeichnung von „Toni Erdmann“ ist allerdings die verpasste Chance, ein Signal zu setzen. Und zwar eines pro Internationalisierung des deutschen Films. „Er ist wieder da“ ist die Verfilmung eines deutschen Bestsellers, der die deutsche Vergangenheit in die deutsche Gegenwart verortet. Und dass als Film nicht besonders geschickt, der Romanvorlage von Timur Vermes wird der Film schlichtweg nicht gerecht – auch wenn das Mockumentary-Experiment mutig war.

Maren Ade hat etwas geleistet, was auf einer Veranstaltung wie der Bambi-Verleihung, die sich durch Gäste und Auszeichnungen international geben möchte, eigentlich deutlich auszeichnungswürdiger ist: Sie hat den deutschen Film weltweit wieder ins Rampenlicht gestellt.

Als erster deutscher Beitrag seit langer Zeit fand sich „Toni Erdmann“ im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes wieder. Von dort aus landeten die Darsteller Sandra Hüller und Peter Simonischek in den Schlagzeilen und auf den Titelblättern französischer Zeitungen und amerikanischer Branchenportale. Der Film an sich auf der Most-Wanted-Liste von Indie-Fans auf der ganzen Welt. Dazu gab es den Kritikerpreis in Cannes und fünf Nominierungen für den europäischen Filmpreis, der im Dezember vergeben wird. Regie und Drehbuch könnten ausgezeichnet werden, dazu die beiden Hauptdarsteller. Und als Sieger in der Kategorie bester Film ist „Toni Erdmann“ genauso Mitfavorit wie beim Rennen um den Oscar für den „Besten Fremdsprachigen Filme“, der im Februar vergeben wird.

Dass „Toni Erdmann“, der deutsche Film, der wie kaum ein anderer seit der Jahrtausendwende für Aufsehen und Lobeshymnen im Ausland und natürlich im Inland gesorgt hat, nicht einmal den Bambi gewinnt, ist ein fatales Signal für deutsche Filmemacher, die außerhalb der Schubladen Kassenerfolg und öffentlich-rechtlicher Zweitverwertung denken.

Maren Ade hat ein brillantes Meisterwerk außerhalb aller Klischees gedreht, die sich der deutsche Film teilweise völlig zu Recht vorwerfen lassen muss. Anstatt dafür auf eine der größten Bühnen gehoben zu werden, wurde der bekannteste Titel ausgezeichnet und mit Reaction-Shots von Matthias Schweighöfer eingerahmt.


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