Eine Liebeserklärung an „Toni Erdmann“, unseren Film des Jahres 2016

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Da steht er an der Bar, dieser gute Geist mit den falschen Zähnen und der billigen Perücke, umgeben vom Unternehmensberater-Jetset – und grinst sein triumphierendes, schiefes Grinsen. Toni Erdmann heißt dieser Teufelskerl mit rundem Bauch und einer ausgeprägten Liebe für alberne Scherze. Er redet in fragwürdigem Englisch Unsinn, gibt sich wahlweise als Botschafter oder Businesscoach aus. So einen Typ wüsste man selbst gern an seiner Seite: beim Meeting, beim Familienessen, der langweiligen Geburtstagsparty.

Toni Erdmann ist in Ades Film eine Erfindung, das Alter Ego des pensionierten Musiklehrers und Alt-68ers Winfried Conradi (Peter Simonischek), der seine Kapitalismuskritik gern in Furzkissen­humor kleidet. Und obwohl nur erfunden, greift er wie keine andere Figur so gravierend und auf so poetische Weise in die Filmgeschehnisse ein wie dieser Toni mit seinem hervorstehenden Gebiss.

Maren Ade nutzt für ihre kluge Zeitdiagnose ein gegensätzliches Vater-Tochter-Duo. Denn ausgerechnet dieser unverdrossene Altlinke Winfried hat ein ernsthaftes Karrierekind als Tochter: Ines (Sandra Hüller) ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin in Bukarest – bis ihr Vater dort unangemeldet aufschlägt. Widerwillig schleppt sie ihn mit auf Empfänge und Businessdinner, doch der Entfremdung der beiden lässt sich erst mit einer radikalen Verwandlung beikommen: In seiner Perückenrolle Toni Erdmann drängt Winfried ins Leben seiner Tochter zurück. Sein Plan: mit falschen Zähnen und blankem Unsinn will er sie von Steifheit und Effizienz befreien. Humor als Waffe gegen eine lustlose Welt. Wer darüber lachen kann, der lebt auf jeden Fall selbst noch ein bisschen.

Alltagsstudie und Überzeichnung

Mit den irren Wendungen, die der Film von da an nimmt, befreit Ade so auch den Zuschauer, der Toni bald bereitwillig, ja euphorisch in immer neue groteske Situationen folgt: ein Abend in der Koksdisco, eine an Wut und Komik kaum zu übertreffende Whitney-Houston-Gesangsnummer und schließlich eine Nacktparty mit einem behaarten Riesenfabel­wesen als Überraschungsgast.

Selten hat man die Inszenierung zwischenmenschlicher Konflikte auf der Leinwand in einer so wilden und komischen Posse gesehen, der trotzdem in keiner der 164 Filmminuten der untrügliche Blick für die Verkorkstheit des Alltags abhandenkommt. In „Toni Erdmann“ verschwimmen die Grenzen zwischen dokumentarisch genauer Alltagsstudie und klamaukiger Überzeichnung, zwischen dem Superpeinlichen und dem Supertraurigen. Es ist fast so, als wären Humor und Verzweiflung (die ja noch nie weit auseinander lagen) hier ein ganzes Stück näher aufeinander zu gerutscht. So nah, dass man sich als Zuschauer vor lauter Beklemmung selten so unwohl gefühlt hat und trotzdem Tränen lachen musste.

Nacktszene mit Fabelwesen: „Toni Erdmann“ läuft auf eine unangenehme Betriebsfeier hinaus.
Nacktszene mit Fabelwesen: „Toni Erdmann“ läuft auf eine unangenehme Betriebsfeier hinaus.

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