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Kritik

Warum man „Mare Of Easttown“ schauen sollte

von

Mare Sheehan (Kate Winslet) ist bossy, gebrochen, nervös, hartnäckig und trickst, wenn es nötig ist. Die Polizistin der Kleinstadt Easttown im US-Bundesstaat Pennsylvania hat zudem ein Problem, das in vielen Kleinstädten präsent ist. Dort ist man mit vielen Mitmenschen entweder gut befreundet oder gar blutsverwandt. Mit jeder weiteren Folge von „Mare of Easttown“ merkt man aber auch, dass es viele Schmerzen und diverse Traumata im Leben von Mare gibt. Sie ist also aus nachvollziehbaren Gründen so, wie sie ist.

Mare kämpft mit vielen Problemen

Auch Mares Wohnsituation ist, nun ja, schwierig. Sie teilt das Haus mit ihrer sehr coolen, pubertierenden Tochter Siobhan (Angourie Rice) und ihrem Enkelkind, das sie großgezogen hat, weil der Vater – ihr Sohn – Suizid begangen hat. Die Mutter ihres Enkels kämpfte jahrelang mit ihrer Drogensucht. Jetzt hat sie ihr Leben gerade aber wieder im Griff und will das Sorgerecht erstreiten.

Und dann wäre da noch Mares sympathisch-bäriger Ex-Ehemann (David Denman), der frisch verliebt mit neuer Partnerin im Nachbarhaus wohnt. Da lebt er ihr nun in Sichtweise die vermeintlich perfekte Familienidylle vor, die Mare und er nie hinbekommen haben. Auch Mares Mutter Helen wohnt bei Mare im Hause, grandios gespielt von Jean Smart. Winslet sagte der „New York Times“, sie haben sich sofort verliebt in Mare, „diese wilde, fehlerhafte, schwierige, gebrochene, unaufgeräumte Frau. Ich liebe ihre Narben, ihre Fehler, ihre Macken und die Tatsache, dass sie keinen Aus-Schalter hat. Wenn sie einmal losrennt, ist sie nicht zu stoppen.“

So ist es auch bei diesem Fall, der Easttown schockiert: Die junge Teenagerin und Mutter Erin (Cailee Spaeny) wird ermordet im Wald gefunden und schon bald weiß man, dass es viele Verdächtige gibt. Einige haben sogar klare Motive und unklare Alibis. Auch ein nicht gelöster Fall um ein verschwundenes Mädchen hängt noch immer in der Luft. Dieses Versagen nagt an Mare, der bald ein junger Kollege namens Colin Zabel (Evan Peters) an die Seite gestellt wird, weil sie zunehmend überfordert wirkt.

Die Auflösung des Falls mäandert in den sieben Folgen zwar manchmal etwas planlos umher. Auch die Probleme zwischen Inzest, Verrat, Opiumkrise und Trauer sind fast ein wenig too much. Und wenn wir schon nörgeln: Die Auflösungen der Fälle hätten außergewöhnlicher sein dürfen. Aber trotzdem ist „Mare Of Easttown“ eine der bisher besten Serien dieses Jahres.

Eine schrecklich (nicht so nette) Familie

Das liegt vor allem an Mare und ihrer dysfunktionalen Familie. Auch wenn sich Siobhan, Mare und Helen meistens streiten, wenn sie sich mal gerade nicht anschweigen, will man mindestens noch eine zweite Staffel lang mit dieser Familie abhängen. Die Engländerin Winslet spielt die Baumwoll-Hemd-tragende „Philly Mom“ dabei so überzeugend, das selbst die Gattin des US-Präsidenten, Jill Biden, ihr Props für diese Darstellung gab – und Biden muss es wissen, denn sie stammt ebenfalls aus diesem rustikalen Bundesstaat.

Dabei macht es Mare einem nicht leicht, sie zu mögen. Die Serie sorgt vielmehr dafür, dass man anfangs von ihr überfordert ist und sie einem erst nach und nach ans Herz wächst. Nur, um einem dann wieder mit einer unmoralischen Impulshandlung vor den Kopf zu stoßen. Aber gerade dieses Wagnis geht am Ende auf. Denn Autor Brad Ingelsby und Regisseur Craig Zobel sind damit dichter am echten Leben, als es viele andere Krimiserien sind. Dazu gehört dann eben auch, dass mancher Verdacht im Sand verläuft und mancher Unsympath aus dem Dorf leider doch keinen Dreck am Stecken hat.


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