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Durcherklärt

Wie funktioniert eigentlich Brockhampton?

Kanye ist schuld

Alles begann mit fünf Wörtern. „Anybody wanna make a band?“, schrieb Clifford Simpson aus Corpus Christi, Texas, im Jahr 2010 in das Kanye-West-Fanforum KanyeToThe.com. Der damals 14-Jährige war ein einsamer Wolf, unsicher in seiner Identität als homosexueller Schwarzer – bis er sich als Bandleader Kevin Abstract neu erfand. Sowohl Bekannte aus seiner Schule als auch Interessierte von Connecticut bis Nordirland reagierten auf seinen Post, und so gründete Simpson mit rund drei Dutzend Teens die Gruppe AliveSinceForever, die sich schließlich, um einige Personen dezimiert, in Brockhampton umbenennen sollte. Heute besteht die Band aus 14 Rappern, Sängern, Produzenten, einem Grafikdesigner, einem Fotografen, einem Webdesigner und dem Manager der Gruppe. In der „Brockhampton Factory“, ihrem Domizil in Los Angeles, leben sie alle zusammen. Nehmt das, Technikpessimisten: Wie das Popkollektiv Superorganism, das sich ebenfalls im Netz kennenlernte, strafen auch Brockhampton alle Lügen, die im virtuellen Austausch den Untergang des Zusammenhalts sehen.

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Eine amerikanische Erfolgsgeschichte

Seit Brockhampton 2016 ihr erstes Mixtape ALL-AMERICAN TRASH veröffentlicht haben, ist ihr Output zu einem für Nichteingeweihte nur schwer überschaubaren Wust angewachsen: Zwischen 2017 und 2018 brachten sie eine Albumtrilogie (SATURATION I-III) heraus, kündigten Ende des vergangenen Jahres erst ihre Auflösung an – und dann ein neue Platte. Ihre vierte LP wurde vielfach umbenannt und verschoben, bevor sie im September unter dem Namen IRIDESCENCE erschien. Brockhampton sind irrwitzig fleißig – und irrwitzig erfolgreich: IRIDESCENCE, ihr erstes Album, seit sie einen Vertrag über 15 Millionen Dollar mit dem Majorlabel RCA unterschrieben haben, erreichte aus dem Stand Platz 1 der Billboard Charts. In der Dokumentation „The Longest Summer in America“ sieht man die Band in roughen Schwarz-Weiß- Bildern mit Stars wie Jamie Foxx und Skrillex, schaut ihnen bei Aufnahmen in den Londoner Abbey-Road-Studios über die Schulter und begleitet sie zu ihrem ersten Auftritt beim Coachella-Festival. Brockhampton haben es innerhalb weniger Monate von Jungs aus teils prekären Verhältnissen zu Topsellern gebracht. Damit entwerfen sie nicht nur eine Neuauflage des „American Dream“, den nun nicht mehr nur Weiße träumen dürfen – sondern setzen auch dem Nihilismus des Cloud- und der Gigantomanie des Gangsta-Rap eine sympathische Erfolgsgeschichte entgegen.

Wie wilde Welpen

Kevin Mazur
Scott Dudelson Getty Images for Coachella
Jametlene Reskp unsplash


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