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Kritik

Brockhampton: So gut ist ihr neues Album ROADRUNNER: NEW LIGHT, NEW MACHINE

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Wahrscheinlich wurde noch kein BROCKHAMPTON-Album so heiß erwartet wie ROADRUNNER: NEW LIGHT, NEW MACHINE. Nachdem die Band seit ihrer Gründung im Jahr 2017 innerhalb von zwei Jahren insgesamt fünf Alben veröffentlichte, ließen sie sich mit ihrem neuen Longplayer etwas mehr Zeit. Und das ist hört man ihm an. Über weite Strecken hinweg hat man das Gefühl, dass die Gruppe sich hier viel mehr Gedanken um Songstrukturen und eingängige Melodien gemacht hat und auch vermehrt bereit dazu war, Kompromisse zu schließen.

ROADRUNNER, NEW LIGHT, NEW MACHINE

Weniger ist mehr

So startet das Album nach der ominösen „Buzzcut“-Single, auf der Kevin Abstract neben einem glänzenden Danny Brown die vergangenen Jahre Revue passieren lässt, mit dem wohltuend überschaubaren „Chain On“. Auf einem 2-Takt-Loop, der einen unveröffentlichten Isaac-Hayes-Song samplet, lassen Joba, Kevin Abstract und JPEGMAFIA es zumindest auf musikalischer Ebene etwas ruhiger angehen. Lyrisch greifen sie auf sozialkritischer Ebene jedoch komplett durch und beleuchten die gesellschaftlichen Missstände und Ungleichheiten in der amerikanischen Bevölkerung – auch in Bezug auf die Polizeigewalt und den Mord an George Floyd.

Tiefgreifende Lyrics

Doch nicht nur „Chain On“ fällt wegen seiner simplen Produktion positiv auf. Die Beats auf ROADRUNNER: NEW LIGHT, NEW MACHINE sind im Vergleich zu früheren Projekten durchweg weniger kompliziert, wodurch der Fokus auf die Message der Songs viel offensichtlicher wird. So hört man zum Einstieg von „The Light“ einen sehr ernsten und persönlichen Joba, der über seine mentalen Probleme rappt, verschlimmert durch den Suizid seines Vaters. Schwierige Themen wie diese ziehen sich auch weiter durch das Projekt. Auf dem letzten Song vom Album und der Fortsetzung von „The Light“ spricht Joba noch einmal direkt zu seinem Vater und versucht ihn in seiner Vorstellung davon abzubringen, seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu bereiten.

Die Formation schafft perfekt den Spagat zwischen Pop & Rap

Auf ihrem sechsten Studio-Album war die Gruppe ebenfalls erfolgreich darin, einen ausgewogenen Mix aus Pop-& Rap-Songs zu kreieren. „Count on Me“ kommt mit einem eingängigen Pfeif-Trap-Beat daher, der mit Vocals von A$AP Rocky und einer Ohrwurm-verursachenden Hook ausgeschmückt ist. Auch das Musikvideo, in dem Lil Nas X und Dominic Fike als verliebtes Paar zu sehen sind, zeigt wieder einmal, wie gut BROCKHAMPTON in der Industrie vernetzt sind und vor allem auch wertgeschätzt werden. Pop- und R’n’B-Vibes sind auch auf „I’ll Take You on“ mit Charlie Wilson und „Old News“ zu vernehmen, wo Jabari Manwa und Feature-Gast Baird durch gesungene Verse und Hook hervorstechen, während Matt, Merlyn und Joba in ihren Versen über vergangene und gescheiterte Beziehungen klagen.

Songs wie „Windows“ spiegeln hingegen perfekt die HipHop-Wurzeln der 13-köpfigen Gruppe wider. Auf dem sechsminütigen Song sind neben einem Gastauftritt von SoGone SoFlexy alle Vocalists der Gruppe vertreten, was auch die diskutable Länge des Songs rechtfertigt. Amüsante Wortwitze, gepaart mit einem Funken Arroganz, verpackt auf einem jazzigen Beat und astreinen Rap-Einlagen, lassen das Ganze nicht wie sechs anstrengende Minuten wirken. „Don’t shoot up the party“ weist mit einer aufmüpfigen Synth-Melodie direkte Einflüsse von G-Funk-HipHop auf und wirft die Zuhörer*innen zurück in die Zeit des Videospiels „Grand Theft Auto: San Andreas“.

Mixing der Vocals ist Geschmackssache

Wo die Produktionen der Beats durch Subtilität glänzen, könnte man darüber diskutieren, dass das Mixing der Vocals an manchen Stellen zu experimentell klingt. Auch wer den „Mixing-Gott“ MixedByAli nicht infrage stellen möchte, darf der Meinung sein, dass einige Parts mit etwas weniger Audio-Effekten deutlich besser zur Geltung gekommen wären.

ROADRUNNER: NEW LIGHT, NEW MACHINE reflektiert das Chaos des vergangenen Jahres. Aus musikalischer Sicht ist der neue Longplayer der Formation weniger experimentell, sondern viel mehr expressionistischer Natur. Es fühlt sich an, als ob es allen Beteiligten darum ginge, eine Stimmung aufzugreifen und diese dann zu bearbeiten. Über weite Strecken hinweg offenbaren alle Rapper persönliche Seiten von sich, ohne dabei theatralisch zu wirken. Was den Rap angeht, ziehen vor allem Kevin Abstract und Joba die Fäden und liefern auf lyrischer Ebene beeindruckende Ergebnisse, die Rap-Enthusiast*innen auch in Jahren noch begeistern werden. Es bleibt abzuwarten, was BROCKHAMPTON für 2021 noch bereithält. Kevin Abstract erwähnte bereits, dass sich die Fans dieses Jahr auf ein weiteres Album einstellen können. Dieses solle auch das Finale werden.

Brockhamptons neues Album ROADRUNNER: NEW LIGHT, NEW MACHINE ist am 9. April 2021 erschienen.


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