Toggle menu

me.urban

Suche

Wie Gramatik mithilfe der Blockchain die Musikindustrie revolutionieren will

von
Teile mich! share tweet share E-Mail

„Fuck your shoebox money; We buying whips with crypto-currency right now“, heißt es gleich zu Beginn des zweiten Songs auf Gramatiks Album von 2016 EPIGRAM. Passend dazu heißt der Track noch „Satoshi Nakamoto“ und ist damit nach dem Pseudonym benannt, hinter dem sich der Erfinder der Crypto-Währung Bitcoin verbirgt.

Für den DJ und Produzenten Denis Jašarević aka Gramatik sind Begriffe wie Blockchain und Bitcoin also nicht fremd – im Gegenteil: „Blockchain technology is pretty much the only thing that gives me hope for the future.“

Jetzt hat das Blockchain- und Entertainment-Unternehmen SingularDTV eine Zusammenarbeit mit Gramatik angekündigt und ihn zum ersten „Crypto-Artist“ ernannt. Während seiner Europa-Tournee im Oktober 2017 werde man den GRMTK-Token launchen und eine Dokumentation darüber drehen.

Musik ohne Mittelsmänner

Es ist ein Versuch, sich von der Musikindustrie loszueisen und ein unabhängiges und dezentrales Netzwerk aufzubauen, über das Künstler selbstbestimmt und ohne Mittelsmänner ihre Musik vertreiben können.

Nun ist die Idee, Künstlern mehr Freiheiten im Vertrieb losgelöst etablierter Strukturen zu geben, nicht neu: Schon heute entscheiden sich viele kleinere Bands für den Verkauf von Songs via Bandcamp oder ähnlichen Plattformen – doch das geht SingularDTV nicht weit genug.

Der Schlüssel zu totaler Unabhängigkeit soll Blockchain sein – eine Technologie, die manche wohl schon im Zusammenhang mit Bitcoin gehört haben.

Musikindustrie dezentralisieren

Wie Bitcoin kein zentrales Bankenorgan kennt, das die Währung reguliert, soll es laut SingularDTV auch in Zukunft mit Musik und Filmen funktionieren – völlig dezentralisiert. Bei Crypto-Währungen wie Bitcoin werden Transaktionen zwischen den Mitgliedern des Netzwerkes nicht von einer Bank durchgeführt und dokumentiert, sondern von sämtlichen Mitgliedern des Netzwerkes. Die so gesammelten Daten über Transaktionen und Kontostände werden in „Blocks“ gespeichert, mittels einer starken Kryptographie gesichert und miteinander verkettet (die Chain) – sehr stark vereinfacht ausgedrückt.

Das will SingularDTV nun auch für Künstler möglich machen, nur geht es in diesem Fall um den Austausch von zum Beispiel Musik, Filmen oder Kunst. Die Vorteile, die man sich davon verspricht: Der Künstler, in diesem Fall Gramatik, habe volle ökonomische Transparenz, vollständige Kontrolle und Besitz des geistigen Eigentums und eine nähere Beziehung zu den Fans – ohne dass Plattenfirmen und Distributionsplattformen dazwischenfunken können.

Oder wie Gramatik selbst die Vorteile des Projektes in einer Pressemitteilung von SingularDTV erklärt: „Ich habe auf eine Plattform wie SingularDTV gewartet, die die Blockchain-Technologie dazu nutzt, um Gatekeeper und Mittelsmänner auszuschalten. Ich will meine Musik einfach nur veröffentlichten wann ich will und zu meinen eigenen Bedingungen. Ich will die ganze Bürokratie loswerden.“

Blockchain könnte in 10 Jahren Netflix obsolet machen     

Und in dieser Vision gibt man sich selbstbewusst: Fragt man SingularDTV-CEO Zach LeBeau, dann könnte Blockchain-Technologie Branchenriesen wie Netflix innerhalb weniger Jahre zu Fall bringen. So spricht er in einem Blogeintrag vom Oktober vergangenen Jahres bereits von einem Paradigmenwechsel. „Das ist der Grund, warum SingularDTV die Möglichkeit hat, innerhalb der nächsten fünf Jahre ein Netflix-Konkurrent zu werden und in den nächsten zehn bis 15 Jahren obsolet zu machen.“

Ein optimistisches Ziel, wenn man bedenkt, dass auch neun Jahre nach Aufkommen der Bitcoins und damit dem ersten öffentlichkeitswirksamen In-Erscheinung-Treten der Blockchain-Technologie immer noch die wenigsten wissen, was es wirklich mit Blockchain auf sich hat. Am ehesten assoziiert man mit der Crypto-Währung Computer-Farmen in China, die unermüdlich damit beschäftigt sind, komplizierte Rechenaufgaben zu lösen und so Bitcoins zu „minen“, und nicht ein alltaugliches, dezentralisiertes Netzwerk, das auch dem Otto-Normal-User zugänglich ist.

Das größte Problem: Blockchain muss man lernen

Wem bei all den Erklärungen und kryptischen Begriffen zum Thema Blockchain nun bereits der Kopf raucht, ist auch schon bei dem wohl größten Problem der zugegeben vielversprechenden Vision von SingularDTV angekommen: Um Blockchain zu nutzen, muss man es erst lernen.

Denn liest man über Blockchain, Crypto-Currencys, Tokens und dessen Vorteile, merkt man schnell: Entweder ist die Erklärung nur oberflächlich und dann klingen das Versprechen und die Vorteile der Dezentralisierung auch nur vage und wenig konkret. Oder man geht ins Detail und es wird wahnsinnig schnell sehr technisch und kompliziert.

Will man zum Beispiel Teil der kommenden Gramatik-Blockchain werden, dann muss man sich bei SingularDTV einen individuellen, geheimen Seed erstellen, der wiederum die eigene Wallet-Datei generiert, die wiederum durch ein Passwort geschützt werden muss. All das erklärt SingularDTV in einem siebenminütigen Video, in dem eine Stimme eindringlich darauf hinweist, dass man auf keinen Fall diese Daten verlieren dürfe – sonst könne sie niemand wiederherstellen. Und auf einmal klingt eine dezentralisiertere Musikindustrie zwar toll, wirkt aber im Vergleich zum Gang zu Spotify und Co. aber auch wahnsinnig umständlich und kompliziert.

Er wirkt, als würden SingularDTV und Gramatik etwas naiv den Kampf mit über Jahrzehnte gewachsenes Strukturen aufnehmen. In einer Welt, in der es die Menschen gewohnt sind, per 1-Klick-Bestellung zu shoppen und Musik per Flatrate auf dem Smartphone landet, scheinen die Ziele zwar nobel, aber für den einfachen Nutzer längst nicht so erreichbar, wie es sich die Crypto-Nerds vorstellen. Die Vorteile von Blockchain sind nicht von den Hand zu weisen, ob diese Zukunft aber so nah ist, wie man sich das bei SingularDTV vorstellt, steht aber auf einem anderen Blatt.

Mehr zu SingularDTV findet man auf deren Webseite. Und alle, die mehr über Blockchain erfahren wollen, sei noch dieses (englische) Erklärstück ans Herz gelegt.


Mehr urbane Updates? Folge uns auf Facebook.
Teile mich! share tweet share E-Mail