Highlight: 6 Rap-Alben, die 2018 bleibenden Eindruck hinterließen

TLOP & Yeezy Season 3

Wir waren im Kino und haben Kanye Wests Größenwahn protokolliert

Jetzt ist es raus: THE LIFE OF PABLO, das neue Album von Kanye West. In New York stellte er am Donnerstagabend im Madison Square Garden zusammen mit seiner „Yeezy“-Kollektion vor. Die Show wurde live im Internet und in mehr als 700 Kinos weltweit übertragen. Annett Scheffel und Ivo Ligeti haben sich das absurde Spektakel angeschaut. Ein Minutenprotokoll.

22:15 Uhr

Annett: Okay, das Ganze hat noch gar nicht angefangen und ich habe schon mindestens dreimal gedacht, wie absurd das ist. Wir sitzen hier Donnerstagsabends in einem Kino und starren auf einen Live-Stream aus einer Mehrzweckhalle in New York. Das Absurdeste: Ich bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt.

22:18 Uhr

Ivo: Gleich geht es los. Man sieht ein riesiges Laken auf der Bühne, darunter eine verdächtige Wölbung. Etwa eine gigantische Replik von Kims Schwangerschaftsbauch?

Annett: Ein bisschen wie bei Christos Verhüllung des Reichstags.

22:26 Uhr

Ivo: Dass keiner weiß, was gleich wirklich passieren wird, ist im Prinzip ein Freifahrtschein für Kanye West. Ich an seiner Stelle würde „Coldest Winter“ singen und wieder verschwinden, hätte was.

22:29 Uhr

Annett: Was er wohl anhat? Kapuzenpulli?

Ivo: Also geht’s doch um Mode? Ich glaube er trägt nichts außer Kim.

Annett: Oder Kim trägt ihn. Sie ist ja sonst die Nackte.

22:34 Uhr

Ivo: Ah, da kommt der Kardashian-Clan in die Arena gewatschelt! Ganz in weiß. Caitlyn sieht übrigens wieder mal besser aus als Kris, das nur nebenbei.

22:35 Uhr

Ivo: Und jetzt Kanye! Kommt reinspaziert, als würde er sich sein Zeugnis abholen.

22:37 Uhr

Annett: Jetzt hat er einen Laptop vorgeholt. Also wirklich: Er drückt einfach ‚Play‘ – für eine Listening-Session im Madison Square Garden und vor den paar Millionen, die weltweit vor dem Live-Stream hocken. This guy’s crazy!

Ivo: Wir hätten Vieles erwartet, aber diese Variante ist an Absurdität nicht zu überbieten. Wenn ich das nächste Mal Freunden etwas Musik von meinem Laptop zeigen will, miete ich auch den Madison Square Garden. Lädt er das Album jetzt auf Zippyshare hoch und geht wieder? Oder noch besser: Sein leitender Angestellter Pusha T übernimmt das für ihn?

22:42 Uhr

Annett: Okay, es geht endlich los. Erster Track: „Ultra Light Beams“. Erste Zeile: „We don’t want no devils in the house“. Dazu Gospelgesang. Halleluja! Und Kanye steht da und grinst und nickt mit dem Kopf zu seinen eigenen Beats. Wie ein kleiner nervöser Junge. Das ist jetzt schon putzig.

22:45 Uhr

Ivo: Ah! Das erste Lied ist rum, das Laken weg. Und es ist … eine Modenschau! Yeezy Season 3. Das erste Model, das wir sehen, trägt einen roten Pulli und kratzt sich. Jucken die Dinger ein bisschen?

Annett: Sehen ganz nett aus die Klamotten: Futuristisches in Erdfarben, sehr weite Jacken und geometrische Formen.

Ivo: Die Schuhe sind ziemlich gut geworden!

Annett: Sehen so aus, als ob jemand sich darin die Hände schon richtig schmutzig gemacht hat. Kanye, he’s a hard working boy!

22:46 Uhr

Ivo: Genau hingehört! Ist das Future, der da rappt? Auf Kanye Wests neuem Album? My life is complete! Andererseits: Nicht zu früh freuen, mit genügend Autotune klingt jeder wie Future.

„Autotune ist die beste Erfindung seit dem Klopapier.“

22:49 Uhr

Ivo: Schönste Zeile bislang: „She just bleached her asshole.“

Annett: Und man hört: Kanye kann echt nicht die Finger von Autotune lassen…

Ivo: Ich für meinen Teil halte Autotune nach wie vor für die beste Erfindung seit dem Klopapier.

22:50 Uhr

Ivo: „Freestyle 4“ – der erste Überbeat! Und der Name „Pablo“ fällt zum ersten Mal. Welcher ist es denn jetzt eigentlich? Picasso oder Escobar?

Annett: Oder Neruda? Warte, jetzt rappt er über Cops. Soll also richtiger, richtiger Hip Hop werden. Also eher Escobar?

Ivo: Zweite sehr schöne Zeile: „Name one genius that ain’t crazy!“

22:54 Uhr

Ivo: Rihanna singt. Kanye rappt. „I still think I’ll have sex with Taylor Swift, I made that bitch famous.“ Ich mag’s ja, wenn er seine Eier durch die Songs spazieren trägt.

Annett: Eine zentrale Funktion seiner Raps also: Provokation. Aufgeregt wirkt er jetzt übrigens nicht mehr. Feiert eine kleine Party mit seinen Rap-Freunden in einer Rauchwolke und rappt Playback auf seine eigenen Zeilen.

22:55 Uhr

Ivo: Zeit für ein kurzes Zwischenfazit. Was die Musik angeht: Alles. Kompletter. Wahnsinn. Was den ganzen Rest angeht: Ist das Kunst oder kann das weg?

22:58 Uhr

Annett: Diese Performance mit den Models wird immer interessanter: Starre, stolze, ernste Gesichter schauen uns da an. Ein bisschen wie eine riesiges lebendiges Gesellschaftsgemälde, auf dem man jetzt nach und nach Einzelheiten entdeckt.

Ivo: „Installation mit Menschen“ trifft’s ganz gut. Eines Tages werden unsere Kinder den heutigen Abend im Kunstunterricht analysieren müssen.

23:03 Uhr

Ivo: Jetzt ein Song, in dem jede Zeile auf „Kanye“ endet. A capella. Das ist sehr Kanye.

23:06 Uhr

Ivo: „FML“ ist der Wahnsinn.

Annett: Jetzt singt er mit Auto-Tune-Stimme über Liebe. Sind jedenfalls besser die Zeilen als seine Tweets.

Modeschau bei Kanye West

23:12 Uhr

Ivo: „Wolves“ ist dran, Track Nr. 10, und damit gleich Schluss. Wenn er schon mal hier ist: Hat Kanye West vielleicht auch die neuen Alben von Frank Ocean und Missy Elliott in seiner iTunes-Mediathek und könnte sie abspielen, wenn er mit seinem Kram fertig ist?

„Das Kanye-Gesicht: Eine Mischung aus Pokerface, Langeweile und gemeingefährlicher Irrer.“

23:14 Uhr

Ivo: „Let’s have a baby without fuckin’“, rappt Kanye. Hm. Ist Saint West also das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis?

Annett: Religiöse Symbolik und diese schmerzlich verzerrte, heisere. Sehr, sehr gut.

Ivo: „What if Mary was in the club when she met Joseph?“ Da stellt einer die richtigen Fragen.

23:17 Uhr

Ivo: Ende. Und er sah, dass es gut war.

Annett: Jetzt macht er wieder dieses tolle Kanye-Gesicht: Eine Mischung aus Pokerface, Langeweile und gemeingefährlicher Irrer.

23:18 Uhr

Ivo: Hat er die Kardashians/Jenners gerade als „my sisters“ bezeichnet? Boy, that escalated quickly… Wann kommt eigentlich Taylor Swift auf die Bühne und nimmt ihm das Mikro weg?

23:25 Uhr

Ivo: AUX-Kabel-Geräusche. Anscheinend darf jetzt jeder mal seinen iPod reinstecken. Im Prinzip die moderne Variante des Medleys: Einer macht ein Stück an, nach der ersten Strophe zieht ein anderer das Kabel raus und wechselt den iPod.

23:34 Uhr

Annett: Jetzt ist es endlich so weit: Er hält eine Rede. Eine Kanye-Rede. Ein „gospel album” sei es geworden. “It couldn’t have happened without God holding me down.“ Mmmh, naja Moment. Ach was soll’s, es ist dein Abend, Kanye! Mach, was du willst. „I feel so happy and so blessed to be able to follow my dreams without people shitting on me.”

23:36 Uhr

Ivo: Ich bin ja mit der Erwartung ins Kino gegangen, dass diese Veranstaltung irgendwie absurd wird. Aber dieses Computerspiel? Über seine Mutter auf der Reise zur Himmelspforte. Als Kanye den Trailer das erste Mal abspielt, muss ich lachen, beim zweiten Mal bin ich den Tränen nahe. Natürlich ist es Trash, aber doch so rührend, oder nicht?

Annett: Ich bin gerade zu verwirrt um zu antworten. Ist das total bescheuert oder wunderschön? Was ist das denn für ein Typ?

Ivo: Ich glaube, ein sehr sentimentaler. Ich würde ihn jetzt ganz gerne in den Arm nehmen.

23:41 Uhr

Annett: Er will doch nicht Präsident werden, sondern Creative Director von Hermès. Karl, you better watch out. “I just want to bring as much beauty as possible to the world. I’m only 38 years old.” Ich glaube, langsam schnappt er richtig über. Obwohl, irgendwie schön, dass er das ja verdammt ernst meint.

23:50 Uhr

Ivo: So, Yelvis has left the building. Fazit: Ich werde mindestens einen Monat brauchen, um eine fundierte Meinung zu diesem Album zu entwickeln, aber der erste Eindruck ist phänomenal.

Annett: Ein Wahnsinniger mit Vision. Wunderbar!

Kevin Mazur Getty Images

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