Woody – Der Glücksrabe


Seine Talente als Stones-Gitarrist in allen Ehren — aber singen? Wer's nicht glauben will, muß hören: Auf seiner kommenden Solo-LP präsentiert sich Ron Wood als sicher intonierender Soul-Sänger. Und wie kommt ein weißer, englischer Arbeitersohn zu einer pechschwarzen Vergangenheit? Des Rätsels Lösung ist Bobby Womack, der Woodys Album nicht nur produzierte, sondern auch die Stimmbänder des stummen Stone trainierte. Phil McNeil sprach mit dem unorthodoxen Gespann

Pro Tag haben wir 24 Stunden an seiner Stimme gearbeitet“, stöhnt Produzent Bobbv Womack, einer der respektiertesien Soul-Größen unserer Tage. (Sein eigenes Album WOMAGIC wurde gerade in ME/Sounds 2/87 zur“.Platte des Monats“ gekürt.) „Als ich schließlich mit Rannte fertig war, habe ich meinen Bruder Cecil angerufen und ihm über Telefon die Songs vorgespielt — ohne ihm zu verraten, wer der Sänger ist. Weißt du, was er gesagt hat? Jolle Tracks hast du da, aber wie soll das bloß klingen, wenn das dein Rolling Stone singt?'“

Dasselbe passierte dem Gesangs-Debüttanten. als er die fertigen Aufnahmen seiner Familie präsentierte. „Die Lieder sind toll, aber wann wirst du sie singen ?“

Es ist in der Tat schwer zu glauben, aber Ron Wood debütiert als „soul singing rock ’n roller“. Nach 20 Jahren Musikgeschäft mit Jeff Beck. Rod Stewart. Mick Jagger und Keith Richards tritt der heute 39jährige Gitarrist erstmals aus dem Schatten seiner Begleitmusikerdienste in das Licht der Scheinwerferkegel.

Ironischerweise liegt der einzige Grund für dieses Solo-Album darin, daß der Restbestand der Steine ebenfalls mit Solo-Ausflügen beschäftigt ist. Ronnie hätte eigentlich lieber eine Tour gemacht: „Ich dachte, Mensch, DIRTt‘ WORKS ist das vitalste Album, das wir seit langer, langer Zeit aufgenommen haben. Ich steh‘ immer noch auf die Energie dieser Scheibe — und es wäre nur natürlich gewesen, damit ordentlich zu waren. Und eines Tages werden wir das auch tun, denke ich. „

Also haben sich die Stones nun doch noch nicht aufgelöst?

„Ach Blödsinn! Ich glaube, wir haben nur gerade diese Phase, wo jeder seinen eigenen Spinnereien nachgehen muß. Mick streitet sich mit seinem Album und den diversen Produzenten herum, Charlie trommelt in seiner Jazz-Big-Band, Bill und Keith machen auch ein Album, also ist es auch für mich die ideale Zeit, eine Platte aufzunehmen …“

Die Crew, die an diesem Projekt arbeitet, besteht eigentlich nur aus drei Leuten. Bobby Womack, Ron Wood und Womacks Schützling Rusty Hamilton. der für die elektronischen Mätzchen verantwortlich zeichnet.

Ron: „Der Mann ist ein sensationell gut arbeitender Programmierer. Aber er beherrscht nicht nur Baß und Schlagzeug per Computer, er ist auch ein famoser Keyboarder. So konnten wir bei mir zu Hause rumdoktorn. nahmen die auf Disketten abgespeicherten Sequenzen mit ins Studio, wo ich dann ein paar Gitarren-Overdubs schön konventionell auf Band dazusteuerte. Und dann kam Bobby und quälte mich stundenlang als vocalcoach …“

Doch die Produktion ging schneller über die Bühne, als man hätte annehmen können. „Bobbv kam schon mit fünf maßgeschneiderten Songs über den Atlantik“, erzählt das bis über beide Ohren zufrieden grinsende Knautschgesicht Ronnies, „ich konnte in diese Songs übergangslos hineingleiten. Sie waren sogar schon in meiner richtigen Tonlage geschrieben.

Und so was spart Zeit. Schon drei Wochen Nachtschicht in den Londoner Westside Studios genügten, um die wesentlichen Teile des Albums fertigzustellen. Gemessen an den monatelangen Aufnahme-Prozeduren der Rolling Stones ein Klacks. „Es flutschte einfach“, schwärmt Ron. Deshalb möchte man im März — natürlich in den Staaten — auch auf eine gemeinsame Tournee gehen. Bobby: „Wir werden zwei, vielleicht drei Stunden spielen. Zuerst ein paar Songs zusammen, dann Ronnie bis er müde wird, dann ich, bis ich schlapp mache. Und zum Schluß machen wir noch mal zusammen einen drauf!“

Daß es Womack nicht unbedingt an Selbstvertrauen mangelt, ist in der Branche kein Geheimnis. Und so fühlt sich der stolze 42jährige Südstaatler auch richtig wohl in der Haut des Produzenten, der dem alten Stein noch eine Seele einzuhauchen vermag. „Weißt du, grundsätzlich hatte Ronnie das Problem, keine Identität zu besitzen. Er wußte nicht, wer oder was er eigentlich sein wollte. Jetzt, wo er nicht mehr soviel durch die Gegend feiert und sich mehr seiner Familie widmet, kristallisiert sich immer mehr der wahre Wood heraus. Und um diesen Ronnie Wood werden die Rolling Stones noch betteln …“

Die ersten Ergebnisse, die wir zu hören bekommen, bestätigen die Euphorie der Hersteller. „Too Close“, eine lasziv-lüsterne Soul-Ballade, schmiert sich ebenso ölig durch die Lautsprecher wie „So High“, jene Sorte Fliegengewicht-Funk, die nur die besten schwarz/weiß Musiker-Kooperationen so luftig-locker produzieren können. Ein Schnell-Fetzer namens „My Rock Didn’t Roll“ kommt da um eine Gangart ruppiger daher — ganz so, als hätte die Gap Band mit den Rollling Stones gerade einen musikalischen Bastard zusammengevögelt.

Auch textlich schöpft das illustre Team aus dem vollen Leben: „Spent all my money getting drunk with mx buddies, looking back now lstill wondei; how I ever müde it out ulive. Bin von caine and saved me …“

Offensichtlich hat sich Bobby Womack direkt in die Person Ron Woods versetzt, als er diese Zeilen für ihn schrieb. Man könnte sich allerdings fragen, wen Woodie damit eigentlich ansingen soll, wer da „kam und mich rettete“. Die Lösung liegt nah: Herr Womack. Sie sind ein arroganter Hund!