Popkolumne, Folge 81

You better work, bitch! – Paulas Popwoche im Überblick

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Vorletzte Woche gab es mal keine Kolumne von mir. Jetzt ärgert es mich ein bisschen: Erstens, weil ich jetzt die ungeraden Zahlen bei der Popkolumnen-Nummerierung habe und zweitens, weil ich sehr selten Sachen absage. Lieber alles zu spät machen und lieber halbgut, als absagen. Erstmal Ja zu allem und dann heulen, weil alles zu viel ist und schon die Ohren so verdächtig wehtun. Abstiegsangst, „was glaubt sie, wer sie ist?“-Angst, Sanktionsangst. Viele kennen es. In manchen Jobs kann man überhaupt gar nichts absagen, in manchen schon, je nachdem, was auf dem Konto ist. Mein Konto ist mittlerweile okay, also sagte ich eben mal etwas ab und war tatsächlich etwas stolz auf mich. Warum ich das jetzt erzähle und was das mit Pop zu tun hat, jaaa, dazu komme ich ja jetzt!!!

Paulas kleine Buchecke

Anna Mayr und ihr wichtiges Buch:

Dass ein Buch wichtig sei, sagt oder schreibt man oft, aber Holla, die Waldfee, dieses Buch ist es wirklich. Es heißt „Die Elenden“, Untertitel: „Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht“. Dort erklärt Mayr, ausgehend von ihrer eigenen Biographie, wie es ist beziehungsweise sich anfühlen kann, in einer Familie von Arbeitslosen aufzuwachsen, macht dabei aber immer wieder deutlich, dass es nicht um den (ihren) Einzelfall gehen kann, ordnet den Armuts-Voyeurismus unserer Gesellschaft ein, klärt auf über all die Fallstricke im Hartz-IV-System und warum der Kapitalismus die Verelendung großer Gruppen braucht, um zu bestehen und fortzuschreiten. Anna Mayr ist dabei schön schonungslos, auch sich selbst und ihrem Umfeld gegenüber und lässt sich nicht auf Phrasen und Aufstiegsblabla ein. Konnte stark relaten und einiges lernen. Und ich kann ihr stundenlang zuhören, unter anderem im Podcast „Friedemann &“:

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Wenn man genug angefüttert ist, kann man sich das Hörbuch, das ebenfalls schon erschienen ist, anhören oder direkt einfach das gute, wichtige Buch kaufen.

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Ilona Hartmann und der Themenkomplex Väter:

Auch gut relaten konnte ich mit „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann (Linus Volkmann hat sie für den ME interviewt, hier). In ihrem Debütroman beschreibt sie das Suchen und Finden eines Vaters und lässt ihre Protagonistin dabei oft und auf wunderschön beschriebene Weise in Frage stellen, was diese Vaterrolle überhaupt sein soll und ob das gängige Konzept Sinn ergibt. Bei ganz vielen Stellen dachte ich, auch ohne Vater aufgewachsen, „Ja, genau!“, weil mich diese Projektionen zum Thema auch lange beschäftigt haben und ich mir die gleichen Fragen gestellt habe. Braucht man echt einen Vater, wenn man ihn eh kaum bis gar nicht kennt, oder geht es einfach nur darum, dass es gut wäre, wenn man mehrere Ansprech- und Kümmerpersonen hätte, egal welcher Bezeichnung oder welchen Geschlechts? Sowas halt.

Hartmanns Buch hat mir jedenfalls gezeigt, dass ich nicht die einzige bin, die mit der Vorstellung der Vaterrolle fremdelt. Gefremdelt habe ich dafür dann wiederum (ACHTUNG, SPOILER, nicht weiterlesen, falls ihr das Buch noch lesen wollt, was ihr bestimmt wollt!) mit dem sich nach klassischem Happy End anfühlenden Ausgang. Aber das ist keine Kritik am Buch, sondern eben einfach nur eine andere Beantwortung der Vaterfrage, als die die ich gewählt hätte.

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Er ist Linus Giese:

Habe gerade erst damit angefangen, möchte aber jetzt schon eine Empfehlung aussprechen für „Ich bin Linus“ von Linus Giese. Mir ist der Name schon eine Weile durch Twitter bekannt, weil Linus sich dort oft äußert, außerdem hat er den Blog buzzaldrins.de und er schreibt für die „Taz“. Auf ichbinslinus.de schreibt er über seine Transition. Und darum geht es auch in seinem Buch. Darum, Unterzeile, „Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“. Das Buch ist sehr persönlich und beschreibt eine Geschichte, von jemandem, der einfach nur er selbst sein will und sich dafür mit seinem Umfeld, Bürokratie, Ärzt:innen und Politik viel mehr anlegen muss, als die meisten anderen, die einfach nur sie selbst sein wollen.

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Paulas luftige Musikcorner

Deutsche Laichen haben eine neue EP und sie heißt „Team Scheiße“:

Die Deutschen Laichen aus Göttingen (komisch, dachte bis vor kurzem, sie wären aus Leipzig) bringen ein Jahr nach ihrem Debütalbum eine EP raus und zwar genau HEUTE. Der Grund ist, dass sie richtig sauer sind. Sauer, dass in letzter Zeit nur Scheiße passiert, sauer wegen Leuten im eigenen Umfeld, die menschenverachtende Einstellungen reproduzieren, sauer auf den ganzen scheißbeschissenen Status Quo. Die Songs heißen „Deutschland ein Alptraum“, „Resilience“ und „Szeneputzen“ und in allen steckt kompromissloses Losgeschreddere und ich glaube die Gesamtforderung ist, jetzt doch mal bitte aufhören selbstgefällig rumzulabern und wirklich was zu ändern. Die EP gibt es auf bandcamp und die Gewinne fließen in die migrantische Selbstorganisation.

Verliebt in die Band Power Blush: Werden sie die neuen Beatles?

Spätsommeriger kann ein Lied nicht klingen. Die erste Single „Let’s Not Pretend“ der Chemnitzer Band Power Blush ziehe ich mir gerade gern rein, wenn ich mir die erste dünne Jacke überwerfe und noch mal über meine Urlaubsliebe nachdenke. Spaß, ich hatte noch nie eine Urlaubsliebe, aber viele Jacken … Naja. Ich liebe jedenfalls diese melancholische Slackermucke. Wann kommt endlich mehr?

▶ Let’s Not Pretend jetzt hier Spotify hören

Verliebt auch in Samia:

Der Algorithmus hat sie mir gegeben: die tolle Samia aus New York. Bei ihr direkt wieder etwas empfunden, was ich in den vergangenen Jahren zum Beispiel schon bei The Courtneys und Ilgen Nur empfunden habe. Ich will mich auf ein Fahrrad schwingen und die Arme ausbreiten … In Amerika oder so. Vielleicht dabei auch mal einen kiffen! Heute gibt es nur Young-Adult-Klischees, aber so ist das im September. Ihr Album „The Baby“ ist ein schönes Indie-Brett. Sagt man noch Brett? Ich sage es hier nochmal. Unbedingt den Song „Fit N Full“ anhören, bald wird es eure Hymne sein.

Paulas liebe Flimmerkiste

Letztens war ich mal wieder im Kino, aw:

Es war total aufregend, schnell noch die Tickets reservieren, weil man kann nicht spontan. Wir waren zu dritt, der Eingangsbereich war mit Folien abgeklebt, es gab eine Scheibe zum Ticketscannermenschen, dann die Überraschung: Wir waren komplett allein im Saal. Geil, Füße hoch, quatschen, doch nochmal aufs Handy. Der Film hieß „Irresistible“, Regisseur: Jon Stewart. Es ist eine Satire über den amerikanischen Wahlkampf und den politischen und medialen Umgang mit Kleinstädtern. Kann es empfehlen, vor allem weil Chris Cooper so gut den für die Politik instrumentalisierten Veteranen spielt und es am Ende einen schönen Twist bezüglich des zu jungen Love Interests (Mackenzie Davis) des schmierigen Politikberaters Gary Zimmer (Steve Carell) gibt.

Filme, die ich mir zu Hause angesehen habe:

„Frozen“ (beide Teile, toll und bisschen feministisch), „Französisch für Anfänger“ (Deutsche Teeniekomödie wie sie alle sind, 2006, mit diesem Tanzflächenklischee wo zwei Teenies miteinander tanzen und plötzlich wird die Musik langsamer und alles awkward, furchtbar), „24 Wochen“ (Thema Spätabtreibung, richtig gut umgesetzt, tolle Schauspieler:innen, authentisch, wichtig, gut), „Unbreakable Kimmy Schmidt: Kimmy vs. the Reverend“ (interaktiver Netflix-Film, bei dem man mitentscheiden kann, wie die Story verläuft (beziehungsweise glaubt man das), nur für große Liebhaber:innen der sehr guten und lustigen Serie, aber hätte nicht zwingend sein müssen)

Paulas Nazicorner

Wer hat es nicht mitbekommen? Falls es jemanden gibt: Neid! Vergangenes Wochenende waren sie alle in Berlin: Corona-Relativierer/-Skeptiker/-Instrumentalisierer/-Leugner, Esoheinis, Heilpraktikerinnen und normale Faschisten. Hier kann man sie sich noch mal alle in der Spiegel-TV-Doku ansehen:

Kampf um die Straße: Hygienedemo in Berlin (1/2) auf YouTube ansehen

Danach kann man sich noch mal mit den Hintergründen beschäftigen. Die neue Doku „Der Traum vom Umsturz“ beleuchtet die neonazistischen Umtriebe in Ostdeutschland rund um die Zeit der Wende und erklärt ein bisschen, wieso wir heute noch den Salat haben und was sich in den Strukturen geändert hat.

Paulas ulkiges Internetfundstück

Kennt ihr schon den Hot Music Takes Bot auf Twitter? Ich ja! Er ist meistens sehr lustig:

Klickt euch doch mal durch oder regt euch ein bisschen auf.

Songs über Arbeit

Eigentlich wollte ich wegen der Oasis-Folge des „Never Forget“–Podcasts von Soethof & Rehm Rozanes meine liebsten Oasis-Songs präsentieren, aber wen interessiert das? (Ernstgemeinte Frage, wen würde es interessieren? Bitte antworten!) Hier ein paar Songs rund um das Thema Arbeit:

Britney Spears – „Work Bitch“
Rihanna – „Work“
Dolly Parton – „9 to 5“
Donna Summer – „She Works Hard For The Money“
Wiz Khalifa – „Work Hard, Play Hard“
The Bangles – „Manic Monday“
Cher – „Working Girl“
The Beatles – „A Hard Days Night“
The Offspring – „Why Don’t You Get A Job?“
Oasis – „The Importance Of Being Idle“

Ha, wie genial ich sie jetzt doch noch untergebracht habe.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

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