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Twitter-Talk

Twitter-Legende Ilona Hartmann im Interview: „Zeig mir die nächste Katze, die in den Müllereimer fällt“

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Es grusle sie vor dem großen Talent von Ilona Hartmann schreibt Charlotte Roche. Die meisten allerdings liken die Wahl-Berlinerin eher statt sie zu fürchten. Unter dem Namen Stabilo Boss bzw. zirkuspony unterhält sie einen der führenden Accounts im Twitter-Gag-Zirkus. Nun ist ihr Debüt-Roman erschienen. Mit Linus Volkmann sprach sie über Timing, TikTok und Hate im Netz.

Musikexpress: Du hast schon vor @StabiloBoss Aufmerksamkeit erzeugt – mit Namen wie MC Bänderriss, Pamela Schäufele oder Pamela Brühschwein. Ist es nicht Wahnsinn, immer wieder den Alias zu wechseln? Das hat schon Prince und Moneyboy viel gekostet.

Ilona Hartmann: Muss ich zugeben. Branding-technisch ist das einfach bescheuert, was mir aber auch irgendwie egal ist. Wenn ich Bock habe, meinen Namen zu wechseln, dann mache ich das. Niemand kann’s verhindern.

Auch wenn sicher die meisten schon mal über einen Gag von dir gelacht haben dürften, werden viele in dieser viralen Re-Post-Soße dich als Urheberin gar nicht wahrgenommen haben. Es gibt also kein Vorwissen. Dann sag du es uns: Wie ging alles los?

Ich habe schon 2010 bei der erlauchten Twitter-Bubble mitgelesen, aber kam gar nicht auf die Idee, mich selbst einzuschalten. Erst 2012 ging es für mich dann – parallel zum eher faden Herumstudieren – aktiv los und ich habe mit dem Schreiben auf Twitter bis heute nicht mehr aufgehört. Mal mehr mal weniger natürlich, aber spätestens seit ich nach Berlin gezogen bin, ist das ein großer Teil geworden von dem, was ich mache.


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Bei solch präsenten Accounts fragt man sich: Lebt der- oder diejenige in irgendeiner Form davon? Also was machst du abseits von Twitter?

Ich habe gerade mein erstes Buch geschrieben. Und es erscheint dieser Tage. Ansonsten habe ich einige Zeit in einer Werbeagentur gearbeitet und sogar auch mal für den Musikexpress geschrieben.

Wie heißt das Buch?

Land in Sicht“ ich habe es gerade zugeschickt bekommen vom Aufbau Verlag, soll ich es mal zeigen?!

Gern!

Das ist dieser komische Twitter-Ehrgeiz, den man irgendwann entwickelt.

Und apropos Twitter… kannst du uns den Inhalt in 280 Zeichen zusammenfassen?

Eine junge Frau macht sich auf auf einer Flusskreuzfahrtreise auf die Suche nach ihrem Vater und es ist nicht alles fun and games, aber ein bisschen schon. Das sind 155 Zeichen.

Es handelt sich um einen Roman, vornehm. Du wärst doch sicher auch mit einer Tweet-Sammlung durchgekommen.

Ich habe tatsächlich etliche Male gehört: „Oh, Roman, interessant… Aber wann kommt der Sprüchekalender!?“ Also, das hat schon bisschen weh getan. Trotzdem bin ich froh über und stolz auf den Roman, den ich geschrieben habe. Denn die Story ist doch ein wenig größer als das, was man in einem Tweet unterbringen kann. Obwohl… wahrscheinlich hätte ich es auch in einen solchen bringen können. Das ist dieser komische Twitter-Ehrgeiz, den man irgendwann entwickelt.

Verlage sind gerade sehr vorsichtig mit neuen Autor*innen, es wird oft gar nicht mehr zuerst auf den Stoff geguckt, sondern auf die Reichweite, die jemand mitbringt. Würdest du diese Einschätzung teilen?

Es macht heute einen Unterschied, wenn der Verlag sieht, jemand hat es drauf, Reichweite zu generieren – vor zehn Jahren war sowas noch kein Thema, aber das ist mittlerweile einfach ein geldwerter Faktor geworden, der den Ausschlag geben kann. Ich habe mich lange davor gescheut, das zu nutzen, doch irgendwann kam dann der Punkt: Hä? Warum eigentlich nicht? Mir fällt nichts dagegen ein – außer vielleicht so ein gewisser Dünkel, der damit einhergeht.

Hast du morgens mit dir selbst ein kleines Briefing, in dem du News-Seiten checkst und schaust, was aktueller Aufhänger für Tweets sein könnte?

Nein, mein Account funktioniert ohne Agenda. Ich bin eine faule Sau, es muss alles nebenbei entstehen können, so dass ich es gar nicht merke. Außerdem, wenn du mal darauf achtest, ich bin nie die erste, die ein Thema aufgreift. Da muss ich es schon mindestens 15 Mal in der Timeline gelesen haben, bis ich checke: „Ah, it’s a thing!“ Vieles lasse ich aber auch an mir vorüberziehen.

Kennst du das: Es fällt einem bei einem großen Thema auf Social Media etwas ein, aber man weiß, dass man eigentlich schon zu spät ist und die Aufmerksamkeitskarawane schon wieder weitergezogen ist…

Klar, entweder streicht man ihn, um nicht als hängengeblieben zu gelten, oder man denkt, der Witz ist so gut, ich muss damit noch raus, auch wenn ich mich schäme fürs Timing. Beide Optionen fühlen sich irgendwie ungeil an.

Am Ende bringt man ihn meistens doch, er funktioniert natürlich nicht – und dann nur noch voller Selbsthass im abgedunkelten Zimmer sitzen.

Also wenn man sich dabei beobachten kann, das ist doch auch schon wieder witzig. Am besten aber ist einfach, man ist schnell.

Dahinter steckt ja die Frage, was machst du, wenn du irgendwann nicht mehr lustig bist?

Auf wie viel Postings kommst du täglich?

Das variiert sehr. Wenn El Hotzo eine zehn ist hinsichtlich Quantität, dann bin ich wohl zwischen drei und fünf. An starken Tagen mal eine sechs oder sieben! Früher war’s definitiv mehr, ich bin da heute nicht mehr so obsessiv.

Und wenn du mal eine gewisse Zeit nichts gepostet hast, weil du einfach keinen guten Einfall hattest, wirst du dann nervös?

Dahinter steckt ja die Frage, was machst du, wenn du irgendwann nicht mehr lustig bist? Aber ich glaube, es ist eher wie mit guter und schlechter Laune – die kommt und die geht. Hat man eine Phase, in der man nicht lustig ist, dann ist das so. Irgendwann rattern aber auch wieder zwölf gute Einfälle in einer Stunde durch – und dann belohnt das System die steigende Aktivität. Sorry, für diese erwachsene beziehungsweise langweilige Antwort, aber ich versuche mich da nicht so vereinnahmen zu lassen und mir gelingt das ganz gut.

Hängt dein Selbstwertgefühl also nicht an Likes?

Ich fürchte, nein, nicht sehr. Natürlich wäre es für mich nicht geil, würde man mir Twitter und Instagram wegnehmen, aber dann könnte ich mich einfach … auf TikTok anmelden! Nee, ich bin da gar nicht so drauf angewiesen. Vielleicht erzähle ich mich hier auch stabiler, als ich bin, allerdings würde ich schon sagen, dass ich eine clevere Psychohygiene betreibe, wenn es um Internetkonsum geht. Dafür mache ich es einfach auch schon zu lange, um noch komplett unreflektiert an der Like-Nadel zu hängen.

Du wirkst in der Tat ganz fröhlich. Ich bin bei Interviews mit Leuten, die mit Comedy zu tun haben, gewohnt, in total leere Augen hinter den Gags zu starren.

Ich habe mal Stand-Up-Comedy geschrieben, das wäre langfristig nicht der Bereich, in dem ich fröhlich bleiben könnte.

Warum nicht?

Ich habe dabei festgestellt, mein Humor ist gar nicht so der Bühnenhumor. Das ist ein sauharter Job. Bei mir geht’s eher darum, genau zu beobachten. Der*die User*in kann bei meinen Sachen eher beiläufig drüberscrollen und dabei lachen oder sich auf humorvolle Weise wiederfinden.

Wie siehst Du die Geschlechterverteilung beim Twitter-Fame, also hinsichtlich derer, die von allen zitiert werden und damit viral eine Marke darstellen. Gibt es da eine Benachteiligung von weiblich gelesenen Accounts?

Faktisch gibt und gab es mehr Männer, die prominente Positionen auf Twitter eingenommen haben. Denn auch hier sind weiße Männer, Überraschung, im Vorteil. Frauen und weiblich gelesene Accounts trifft Hatespeech anders und persönlicher und ich finde es eine faire Entscheidung, sich dem nicht aussetzen zu wollen. Was natürlich nichts daran ändert, dass das strukturelle Problem, das dem zugrunde liegt, beschissen ist und sich daran etwas ändern muss.

Also der Hate gerade gegen Frauen* innerhalb von Social Media beeinflusst konkret dein Handeln im Netz?

Konkret vielleicht nicht immer, aber unterbewusst schwingt das Wissen mit, was passieren kann. Wir haben alle oft genug beobachtet, wie hart es Frauen trifft und diese Erfahrungen muss man mitdenken.

Fair enough. Du machst Gags im Netz und dein Humor agiert nicht konfrontativ. Hast du denn trotzdem manchmal Ärger?

Ja, klar. It happens.

Das Einzige, was an „Oops, die Pannenshow“ nicht gut war, war der Moderator und der wird bei TikTok ja ausgespart.

Anderes Thema, was denkst du eigentlich über TikTok – ist so eine andere Plattform mit anderen Gesetzmäßigkeiten Reiz oder eher Bedrohung?

Ach, ich würde mir schon gern mal drei Monate Zeit nehmen und da richtig durchzusteigen. Allerdings fürchte ich, wenn man da dann drin ist, versackt man total. Für mich jedenfalls sieht der Content dort immer echt zeitaufwendig aus.

Wenn ich von TikTok mal was mitkriege, sind es so lustige Missgeschicke. Mein Eindruck der Plattform: „Oops, die Pannenshow“ für eine neue Generation.

Eigentlich sehr schlüssig, denn das Einzige, was an „Oops, die Pannenshow“ nicht gut war, war der Moderator und der wird bei TikTok ja ausgespart. Der hat zwischen den Videos diese uninteressante Witze gemacht. Früher habe ich dann immer gedacht: „Jetzt geh endlich weg und zeig mir die nächste Katze, die in den Mülleimer fällt!“

„Einfach tierisch“ war meine Lieblingsrubrik in der Sendung.

Oder das mit den Kindern. Bei den Sachen, wo es dann um Autos oder Ähnliches ging, da war es schon schwieriger. Bei mancher „Panne“ blieb so die Ungewissheit, ob da jetzt nicht doch etwas Furchtbares passiert sein könnte, wenn das Auto lustig umfiel und in die Schlucht stürzte.

Da blieb einem schon mal das Lachen im Halse stecken. Aber hey, für Trauer war keine Zeit – weil es so schnell geschnitten war. Man dachte halt „Ach, er hat höchstwahrscheinlich überlebt…“

Sonst hätten die es ja auch nicht gezeigt, das haben wir uns damals immer eingeredet.

Eben! Man würde doch auch kein lustiges Home-Video an einen Sender schicken, wenn Vater sich wirklich beim Fall vom Dach die Hüfte gebrochen hätte. Okay, außer „Oops“ hätten diese Videos bewusst aus Nachlässen aufgekauft… Aber jetzt noch mal zu was anderem, ganz wichtig, habe ich auch El Hotzo gefragt: Wie geht ein guter Gag?

Wenn ich es wusste, hätte ich so viele Follower wie El Hotzo.

Fairerweise muss man sagen, er wusste auch nicht so viel dazu.

Ich würde was Technisches auf den Weg mitgeben: Man braucht ein möglichst spannungsreiches Set-Up und eine überraschende Pointe. Damit kann man nicht so falsch liegen, wobei ich selbst wie gesagt eher nicht so der Typ für die großen Pointen bin. Ich mag viel lieber flachere Verläufe, dafür mit ganz feinen Beobachtungen.

Und ein schlechter?

Ein schlechter Gag ist für mich, wenn dafür nach unten getreten wird. Außerdem mache ich niemals Witze über Opfer. Und bei gewissen Arten von so sehr low key Wortspielen verlasse ich auch den Raum.

 


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