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Zerschlagene Gitarren: Mumford & Sons verwandeln den Konzertsaal in einen Western-Saloon

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Schon beim Aussteigen aus der S-Bahn wedeln Menschen mit Ticketschildern hektisch vor der Nase herum und fragen flehend nach Karten für das Konzert („Ich geb‘ Dir 200 Euro dafür!“). Die Mumford-&-Sons-Euphorie, die sich auch in jeder Menge gebrochener Chart-Rekorde manifestiert, trägt einen weiter durch das Innenraum-Gedrängel bis vor die Bühne des ausverkauften Velodroms, wo die Folk- und Banjo-Jungs der Stunde an diesem Abend spielen werden.

Bevor es aber so weit ist, geben sich Half Moon Run und die Mystery Jets die Ehre, die als Kanonenfutter dienen. Die Mystery Jets schlagen sich wacker, allerdings hätten sie wohl eher schnellere Hits wie „Young Love“ oder „Half In Love With Elizabeth“ mit ins Programm nehmen sollen um die Menge in Bewegung zu bringen.

Mit „Babel“, dem Titelsong des Grammy-Gewinner-Albums, betreten Marcus Mumford und seine drei Kollegen die Bühne. Schon beim zweiten Stück, die erste Single „I Will Wait“, bringt er die Zuschauer im Innenraum zum Springen. Bei „Little Lion Man“ gibt es in der gesamten Halle kein Halten mehr. Beste Freundinnen liegen sich in den Armen, wildfremde Menschen klatschen sich gegenseitig ab, und alle singen mit.

Spätestens hier ist klar: Mumford & Sons sind eine Stadionband, auch wenn ihr Sound bei den leiseren Akustik-Zugaben „Reminder“ und „Sister“ nach einer Whiskyduft geschwängerten, verrauchten Kneipe mit halbseidenen Gestalten an der Bar verlangt. Hier scheint es dann auch für einen Moment, als würde Marcus Mumford die kleinen Clubs vermissen, denn das Publikum konzentriert sich nicht auf die leisen Songs, in denen doch sehr viel Seele steckt. Zur falschen Zeit mitklatschende, sich unterhaltende Fans sind anscheinend der Preis für das Stadion-Rockband-Leben, an das sich der Sänger offenbar noch nicht ganz gewöhnt hat. Mehrmals warf Mumford böse Blicke auf die Störenfriede.

Mumford & Sons, die mit „Babel“ zu den Superstars des Indiepop aufstiegen, sind zum Glück immer noch dann am besten, wenn sie sich auf ihre brüderliche Rock’n’Roll-Gemeinschaft besinnen. Als solche beherrscht die Band die Noten der Rock’n’Roll-Tonleiter zwar immer noch perfekt: Flirten mit den Mädels in der ersten Reihe, Luftsprünge vom Klavier und eine zerschlagene Gitarren passen zur Attitüde der Engländer. Allerdings wirkt die Inszenierung längst nicht mehr so verspielt wie vor einigen Jahren. 

Das Einzige, was an diesem Abend noch gefehlt hat, waren Sägespäne auf dem Boden und wiehernde Pferde vor dem Berliner Velodrom, um das Saloon-Gefühl, das Mumford & Sons mit ihrer Musik automatisch erzeugen, in die Weite der Berliner Nacht zu tragen.

Hier gibt es noch ein Fan-Video von „Whispers In The Dark“ aus dem Berliner Velodrom:

Mumford & Sons Setlist Velodrom Berlin

  • 01. Babel
  • 02. I Will Wait
  • 03. Whispers In the dark
  • 04. White Blank Page
  • 05. Holland Road
  • 06. Timshel
  • 07. Little Lion Man
  • 08. Lover of the Light
  • 09. Thistle & Weeds
  • 10. For Those Below
  • 11. Awake My Soul
  • 12. Roll Away Your Stone
  • 13. Dust Bowl Dance
  • 14. Reminder (Zugabe)
  • 15. Sister  (Zugabe)
  • 16. The Cave  (Zugabe)

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