ME-Klubtour

Ziemlich gangsta: Wir waren mit Haiyti in Hamburg unterwegs

Haiyti ist eine Frau, aber das ist ihr ziemlich egal. Nur den anderen nicht. Ja, die Außenwelt leckt sich die Finger nach Feminismus-Debatten im deutschen Rap. Sobald eine Frau ins Game einsteigt und ihre Vagina nicht zur Persona non grata degradiert, wird sie in der Regel belächelt – oder zum Female-Rap abgeschoben.

Haiyti passiert beides, ständig. Und noch viel mehr: Für die einen macht sie Hohlbirnen-HipHop wie Moneyboy, schließlich hängt sie mit ihm ab. Für die anderen ist ihre Musik Cloud-Rap-Kunst im Stile Yung Hurns, schließlich studiert sie nebenbei Kunst. Wer genau hinhört, merkt aber, dass Haiyti ziemlich gangsta ist.

Die Hamburgerin rappt von illegalen Machenschaften und Gewalt („Drogendeals und Schlägereien, ich hab vieles schon gesehen, doch wünschen tu ich’s keinem“ – „Haubi“), prolligem Lifestyle und Höhenflügen („Sterne regnen, ich bin Popstar, eine Welt aus Glanz und Glitter, Zähne weiß, Blitzlichtgewitter“ – „American Dream“) – und all das klingt sogar konsequent intrinsisch motiviert.   

Wir treffen Haiyti, die eigentlich Ronja Zschoche heißt, in einem syrischen Restaurant im Hamburger Stadtteil St. Georg. Es gibt Pommes, Petersiliensalat und Fleisch.  

„Ich will euren Extra-Applaus nicht!“

Musikexpress: Viele finden geil, was du machst, weil du eine der wenigen Frauen im Deutschrap bist. Nervt es dich, aufs Frau-Sein reduziert zu werden? 

Haiyti: Das zerstört die Kunst. Ich will ­keinen Erfolg haben, weil ich eine Frau bin, sondern weil meine Musik gut ist. Aber ich hab’ schon gemerkt, dass meine Zuhörer gar nicht die sind, für die ich eigentlich rappe. 

Oft wirst du sogar dem Female-Rap zugeordnet, das ist mir unerklärlich. 

Bedeutet Female-Rap nicht, dass man so was sagt wie: „Look at my bla bla, I’m the bitch in the gang“ und so? Wenn man nämlich gar nicht thematisiert, dass man eine Frau ist, dann trifft dieser Genrebegriff nicht zu. Ich sag’ ja manchmal auch, dass ich eine Frau bin – aber nur, damit es nicht komisch wird. 

Zumal: Wenn ein Typ über seinen Schwanz rappt, unterstellt man ihm ja auch nicht, dass er Male-Rap macht. 

Aber Rap gehört ja eigentlich den Männern. 

„Das sind deren Bitches, deren Autos, das ist deren Benzin, deren Welt.“

Heute doch nicht mehr. 

Eigentlich schon. Für mich ist das auch okay. Rap gehört denen ja nicht ganz, da gibt’s auch Ausnahmen, so wie mich. Aber im Endeffekt haben die sich ja draußen auf der Straße gekloppt und nicht wir. Das ist also schon von denen, so wie Fußball. Ein Männer-Ding, ein Macho-Ding. Das sind deren Bitches, deren Autos, das ist deren Benzin, deren Welt. Und wenn das dann plötzlich eine Frau für sich beansprucht, werden einige Typen sauer. 

Man kann es sich schön einfach machen und behaupten, es wäre nicht authentisch, wenn eine Frau über ­solche Themen rappt. 

Das können auch nur die wenigsten weiblichen Rapper. Aber unter den männlichen gibt es auch welche, die das nicht gut machen. Die werden dafür am Ende aber nicht auseinandergenommen. 

Bei Frauen wird genau hingesehen. 

Eben! Aus diesem Grund hab’ ich mich ­früher auch nie getraut, auf Freestyle-Stages zu gehen. Als Frau kriegst du immer Extra-Applaus, wenn du was machst. Aber ich will euren Extra-Applaus nicht! 

Das verstehe ich. Aber diese besondere Aufmerksamkeit kann auch die Bekanntheit steigern, oder? 

Nee, ich glaube, die gucken alle erst genauer hin, wenn du schon ein gewisses Level erreicht hast – aber das musst du alleine schaffen. Dann erst fragen sich die Leute, warum du so weit gekommen bist. 

Ich merk’ schon, du bist total im Thema. 

Ja, ich hab’ ja auch Hater auf Facebook, deren Lebensaufgabe darin besteht, schlechte Kommentare rauszuhauen. Einer schrieb mal: „Verpiss dich, das ist nicht ­deine Welt.“ Solche Typen können nicht ertragen, dass ich Tracks mit ­Frauenarzt und Haftbefehl und Party mit Luciano mache, dass ich Rap mach’, dass ich Ansehen hab’. Nicht, weil meine Raps gut sind, sondern weil das ein kleines Mädchen macht, und sie selbst das nicht schaffen. 

Präzise Analyse. Du machst den Eindruck, als könntest du damit umgehen. 

Es ist halt so. Als Frau muss man Durchhaltevermögen beweisen. Man muss weitermachen. Aus diesem Grund schaffen es ja nicht viele Frauen, hochzukommen. Und wenn es eine schafft, gehen alle Rampenlichter an.  

„Herr Haas von der ‚Zeit‘, Fatih Akin – alles Fans von mir“

Zum Beispiel in der Wuhlheide. Dort ist Haiyti im vergangenen Sommer als ­Support von Deichkind aufgetreten. Vor 17 000 ­Leuten. Ausverkauft. Ein beschissener Abend. Niemand habe sie gekannt, niemand verstanden, was sie will. „Künstler feiern mich, Produzenten, belesene Leute, Herr Haas von der ‚Zeit‘, Fatih Akin – alles Fans von mir“, sagt sie. Und weiter: „Aber ich weiß nicht, ob das überhaupt ein Vorteil ist.“

Nachdenklich zwickt Ronja ihr Scrunchie. Das samtige Riesenhaargummi ist beinahe so groß wie ihre ganze Hand, einen Pferdeschwanz bindet sie sich damit nicht. „Das hat sich da alles einfach gar nicht gelohnt …“ Wir bestellen einen letzten Chai und schaufeln Zucker in die zarten Gläschen.  

Das Schöne im HipHop ist ja, dass man kein Gangster sein muss, um sich als solcher auszugeben – solange die Performance authentisch wirkt. Gut inszeniert kann Gangsta-Rap realistisch erscheinen, auch wenn sein Macher nur posiert – solange die Posen gut sind. Dabei helfen: ein dicker Bizeps straight outta McFit, Karren und Knarren, Pillen und Prostituierte. Haiyti  bedient sich dieser Standards und geht noch weiter: Sie spielt mit ihren Tracks, ­feuert mal mit quietschigem Pop, mal mit aufdringlichen Techno-Beats. Das ist wild und besonders – würde Hafti aber wahrscheinlich nie passieren.  

„Ich will ja nicht so wie Lena Meyer-Landrut enden“

Haiytis Authentizität entsteht durch ­räudige iPhone-Musikvideos und Insta-Storys, in denen sie Stress mit den Bullen hat. Ob ihre Realness ins Wanken gerät, weil nun ein Majorlabel Gefallen an ihr gefunden hat und Videobudgets wie für die Album-Single „100.000 Fans“ mit Tausenden von Euros ausstaffiert? Plötzlich erstrahlt schließlich alles in perfektem Bling. Haiyti wechselt in weniger als drei Minuten Spielzeit ganze sechs Mal ihr Outfit, turnt durch die bunt bespielte Green Box – sogar Haare und Make-up sind stets Red-Carpet-tauglich. Ready to wear ist hier gar nichts mehr. Und an die Straße erinnert nur ein knuffiger Homevideo-Einspieler von MC Bogy. 

Haiyti: Ich will ja nicht so wie Lena Meyer-Landrut enden, die alles mitgenommen hat, aber nichts kann. 

Musikexpress: Aber die verdient damit richtig Kohle. 

Ja? 

Ja. Sie ist jetzt Influencerin mit Millionen Followern und hat sich eine ehemalige „Germany’s Next Topmodel“-Gewinnerin als Freundin gekrallt.  

Eine Bekannte von mir ist auch gerade unter den Top 20. 

Sehr gut! Wenn sie gewinnt, werdet ihr Instagram-Deutschland regieren. 

Ich hab’ mir übrigens schon mal gedacht, dass ich eigentlich auch Model-Scout werden könnte. Ich sehe Mädchen einfach an, wenn sie modeln und Geld verdienen könnten. Das würde ich auch machen, ­würde ich so aussehen. 

Dabei sieht Haiyti viel spannender aus. Ihre strassbesetzte, babyblaue Cap korrespondiert mit dem ebenso blauen Nike-Swoosh ihrer Trainingshose, der abgesplitterte rote Nagellack widerspricht ihrem Informatik-LK-Rucksack, den sie gerade wieder aufsetzt, weil wir weiterziehen. Ins Fitness­studio. Nicht für den Bizeps, für die Fotos! Auf dem Weg beschreibt sie ihr Schaffen, ohne dass man sie danach fragen muss, als „neue Musik von einem Mädchen mit ungewöhnlicher Stimme, das nicht kompatibel, sondern streitlustig ist“. Streiten kann man mit ihr sicher herrlich. Trotzdem wirkt Ronja wie diejenige Freundin, auf die ­Verlass ist, wenn der Macker nicht spurt. Wenn die Kohle für Tabak nicht reicht oder man einfach mal wieder mit jemandem sein will, der auch gern die „Glamour“ liest. 

Musikexpress: Studierst du überhaupt noch? 

Haiyti: Ich bin noch eingeschrieben, ja. 

Wieso eigentlich Kunst? 

Mir blieb nichts anderes übrig. Ich funktioniere nicht im System. Es gibt ja so ein paar Leute, die nie arbeiten werden. Eine davon war immer ich, aber jetzt bin ich ein Work­aholic. Mein Problem war nie, dass ich mich nicht unterordnen konnte, ­sondern dass ich schon lange wusste, dass ich Künstlerin bin. Und immer wenn ich ge­arbeitet hab’ – in meiner Jugend war ich auch Kellnerin –, hat sich das wie Zeitverlust angefühlt. 

Viele meinen, in deiner Musik einen Einfluss deines Kunststudiums erkannt zu haben. 

Ja, das wünschen die sich! Da muss ich aber ganz klar sagen: Nein. Ich bin zwar Ästhet und mache all meine Videos selber, aber entweder man hat das in sich, oder nicht. Ich komm’ mit Kunststudenten meist nicht klar. Ich hab’ ein paar Freunde an der Uni, aber eingeladen und akzeptiert wurde ich da nie. Die fanden mich immer als Exot geil, aber wirklich reinlassen wollten sie mich nicht. Ein Stipendium gab’s für mich auch nicht, obwohl ich finde, dass ich es verdient hätte. 

Finde ich, ehrlich gesagt, auch. Willst du manchmal weg von hier? 

Natürlich wollte ich früher Hollywood-Star werden – wie jedes Mädchen. Traum geplatzt, jetzt muss ich in Deutschland ­rappen. 

ME-Klubtour 2018 – die weiteren Termine im Überblick:

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