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Zu Elvis Presleys 80. Geburtstag: So schrieb der ME 1976 über den jungen „King of Rock’n’Roll“

Dieses ist der erste Teil der Elvis „Special Story“, die in vier Folgen des ME erscheint. Der Autor Mike Rodger, bekannt als Disc-Jockey und freier Journalist, wird parallel zu unserer Serie eine 10-teilige Elvis-Story im 2. Programm des NDR-Hörfunks moderieren. Diese Serie wird später auch von anderen deutschen Sendern übernommen.

,There’s no business like show business‘ heißt das geflügelte Wort der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Und wie um diesen Satz zu beweisen, hat das zu einer perfekten Marketing-, Produktions- und Sales-Maschinerie entwickelte Schaugeschäft im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten immer wieder Stars in kürzester Zeit und in immer schnelleren Schüben produziert. Man baut sie auf, gibt ihnen goldene Hits, ausverkaufte Tourneen, Tausende von Fans; verschafft ihnen Ruhm und Glanz, Reichtum und Ansehen, um sie dann oft genug ebenso schnell wieder in der Anonymität verschwinden zu lassen: ausgebrannt, verbraucht und verschlissen!

Ausnahmen von dieser Regel gibt es, ja muß es geben. Denn ,Money talks‘ ist die Orientierungshilfe in der unsentimentalen Glamour-Branche. Wenn das Geld stimmt, stimmt auch die Karriere des Künstlers.

Bei keinem anderen Star des Showbiz war je mehr Geld im Spiel, als bei dem schmächtigen Jüngling, der 1953 als Gospel- und Country-Sänger begann und heute als übergewichtiger, alternder Rock-Star immer noch auf der Bühne steht: Elvis Presley.

,Vier Dinge‘, so schreibt der amerikanische Journalist Jerry Hopkins, hat Amerika der Welt gegeben: Baseball, Micky Mouse, Coca Cola und Elvis Presley.‘

Warum Elvis zum strahlendsten Stern des Showbusiness wurde, weshalb er zum Maßstab aller nach ihm Kommenden avancierte und wie man ihn zum göttlichen Helden und Symbol der Pop-Kultur stilisierte, wird klar werden, wenn man seine Lebensgeschichte kennt.

TUPELO, MISSISSIPPI

Der Nordstaaten-General Sherman kam aus dem U.S.-Bundesstaat Tennessee, wo seine Truppen chaotische Zustände hinterlassen hatten, und marschierte gegen Georgia. Man befand sich mitten im Bürgerkrieg, der wegen der immer größeren politischen, wirtschaftlichen , geographischen und sozialen Gegensätze zwischen den Nord- und den Südstaaten ausgebrochen war.

In der Nähe des kleinen Marktfleckens und Handelszentrums Tupelo im Staate Mississippi traf Shermans Untergebener General Smith mit 14.000 Mann auf den Konföderierten-General Forrest. Dieser wollte mit seinen restlichen 6.000 Soldaten noch die Wende erzwingen. Doch die letzte große Schlacht des Sezessionskrieges dokumentierte noch einmal die Überlegenheit des Nordens: Forrest wurde in zwei Tagen dreimal geschlagen. Tupelo dem Erdboden gleich gemacht.

Nach 1865 wuchs Tupelo nur langsam. Der Wiederaufbau war mühsam, lag die Stadt doch inmitten eines Landwirtschaftsgebietes, das besonders unter dem Krieg hatte leiden müssen. Um 1920 hatte der Ort noch nicht einmal 6.000 Einwohner. Im Süden der Stadt, dort wo all die kleinen, schäbigen Holzhäuser mit ihren zwei oder drei Zimmern, dem Besitzer der Baumwollmühle gehörten, wohnte die ärmste Bevölkerung: Schwarze und Weisse, die auf den Baumwoll- und Getreidefeldern rund um Tupelo arbeiteten.

Den Schwarzen anstrengendste Landarbeit zuzumuten, war bei den weißen Grundbesitzern selbstverständlich. Hatten die Neger doch erst nach dem Sieg der Union über die Südstaaten ihre Freiheit erhalten. Weiße aber, die, aus welchen Gründen auch immer, während der Depression in die niedrigste Gesellschaftsschicht geraten waren, nannte der etablierte und wohlhabende Südstaatler abfällig: poor white trash – der letzte weiße Dreck!

DIE FAMILIE

Seit dem Ende der 20er Jahre bewohnte die Familie Presley, ganz im Süden der Stadt, am Rande der Negerviertel, ein kleines Zwei-Zimmer-Haus in der Old Saltillo Road. Der jüngste Sproß der Familie war Vernon. Beruf: Landarbeiter.

Eine Straßenecke weiter, ganz in der Nähe der Kirche der ,First Assembly Of God‘-Gemeinde, in der Berry Street, wohnte Gladys Smith mit ihren Eltern und Geschwistern. Vernon kannte Gladys von klein auf. Sie spielten zusammen, und gingen oft gemeinsam sonntags in die Kirche. Gerade 17 Jahre alt, heiratete Vernon die vier Jahre ältere Gladys.

Während Gladys als Näherin etwas Geld zum Lebensunterhalt hinzuverdient, arbeitet Vermon zusammen mit seinem Vater auf einer Farm knapp außerhalb der Stadt. Die Arbeit beginnt bei Sonnenaufgang und endet erst, wenn die Sonne schon wieder untergeht. Das Land war fruchtbar, Wasser war reichlich vorhanden, das Unkraut schoß nur so aus dem Boden; die Arbeit war hart. Doch nach den letzten Ernten im Herbst konnte man nichts mehr machen, als nach Hause zu gehen und zu hoffen, das das bißchen Geld bis zum nächsten Jahr reichte, wenn man dann wieder einen Job zu finden versuchte.

Gladys arbeitet im Akkord. Von morgens um sechs, fünf bis sechs Tage in der Woche, täglich 12 Stunden. 1934 wird sie schwanger. Vernon, der zu der Zeit als Milchfahrer beschäftigt ist, geht zu seinem Boss Orville S. Bean und bittet um ein kleines Darlehen: er will ein Haus bauen. Er bekommt das Geld. Rechtzeitig können die Presleys in ihr neues Heim einziehen. Es ist ein typisches Südstaaten-Holzhaus mit zwei Zimmern: vorne ein Schlafzimmer mit einem eisernen Bettgestell, daneben eine offene Feuerstelle. Hinten eine Wohnküche mit Ofen, Tisch, Stühlen und einem Schrank. Vor dem Haus steht eine Wasserpumpe.

KINDHEIT UND JUGEND IN TUPELO

Am 8. Januar bringt Gladys in ihrem Zuhause Zwillinge zur Welt: Elvis Aron ist gesund – Jesse Gaion wird tot geboren. Das Baby wird am nächsten Tag auf einer unbekannten Grabstätte auf dem Priceville Friedhof begraben. Elvis ist somit ein Einzelkind und dementsprechend verwöhnt – soweit sich die Presleys dies leisten konnten. Doch gleichzeitig wird Elvis streng und religiös erzogen. Eine Nachbarin berichtet: „Einmal hatte Elvis auf meinem Grundstück eine Coca-Cola-Flasche gefunden und mit nach Hause genommen. Seine Mutter schickte ihn zurück, die Flasche abzugeben und sich zu entschuldigen. Als ich ihm die Flasche schenkte, und er damit zu seiner Mutter ging, sagte diese: ,Gut! Aber Du mußt immer zuerst fragen!“

Elvis berichtet später: „Meine Mutter ließ mich nie aus den Augen!“ Hier wird der Ansatz seiner starken Mutterbindung deutlich. Eine Bindung, die so eng wurde, daß er seiner Mutter, die er geradezu abgöttisch liebte, später nach ihrem Tode in seinem Haus in Memphis ein Museum einrichtet. In ,GraceLand‘ selbst ließ Elvis all die Jahre nach ihrem Tode kaum etwas verändern. Hatte doch sie das Haus damals eingerichtet.

Sonntags ging die Familie Presley zur Kirche. Und alle drei sangen, als Elvis etwas älter wurde, nicht nur im Kirchenchor, sondern auch auf kirchlichen Veranstaltungen in und um Tupelo. Obwohl eine weiße und noch dazu sehr konservative Kirchengemeinde, war der Einfluß fröhlicher schwarzer Religiosität zu spüren. Lieder wurden nicht zurückhaltend gemeinsam pastoral zelebriert, sondern im Wechselgesang zwischen Chor, Gemeinde und Pfarrer ausgeführt.

Das war beste Gospel-Tradition. Als man Elvis viele Jahre später einmal fragte, woher er die Idee zu seinen Bewegungen habe, antwortete er: ,Die Sänger im Chor standen zuerst immer ganz ruhig. Doch dann begann der Pfarrer, sich zu bewegen, hämmerte auf das Klavier und ging richtig mit mit der Musik. Ich glaube, damals, als ich merkte, wie die Gemeinde davon angetan war, da habe ich das gelernt.“

Mit fünf Jahren kommt Elvis in die Schule. Er besucht die ,East Tupelo Consolidated School“. Jeden Tag wird er von seiner Mutter hingebracht. Dort, gerade eingeschult, hatte er seinen ersten Auftritt als Sänger. Seine Lehrerin, die gefragt hatte, ob jemand in der Klasse ein Gebet sprechen könne, überraschte er mit dem Song ,Old Shep‘. Die Lehrerin, Frau Grimmes, war so begeistert, daß ihm fast die Tränen kamen. Und der Direktor der Schule, J. D. Coile, brachte die Presleys zur Mississippi-Alabama-Fair, einer jährlich stattfindenden Viehmesse und Kirmes, damit Elvis an einem Gesangswettbewerb teilnehmen konnte. Elvis sang, auf einem Stuhl stehend, um an das Mikrophon ‚ranzureichen, ohne Begleitung ,Old Shep‘. Er bekam den 2. Preis: Fünf Dollar und Freikarten für das Karussell. Elvis, sonst scheu, außerordentlich höflich und zurückhaltend, wurde für einen Augenblick eine Attraktion. Die Nachbarskinder bewunderten ihn.

Doch das Leben ging weiter. Hart wie all die schweren Jahre während der Depression. Vernon nahm jede Arbeit an, die er finden konnte. Seine Familie mußte ernährt werden, da konnte man nicht wählerisch sein.

Statt eines Fahrrades, das mit 55 Dollar viel zu teuer für das Presley‘ sehe Budget ist, bekommt Elvis im Alter von elf Jahren eine Gitarre für 12.95 Dollar. Damit gibt Vernon unbewußt und ungewollt die Richtung an, in die sein Sohn mit immer größeren Schritten zum weltweiten Erfolg eilt. Hier, und nicht erst 1953 im ,Sun‘ Plattenstudio beginnt die musikalische Laufbahn von Elvis Presley.

MUSIKALISCHE EINFLÜSSE

Denn von nun an sitzt Elvis täglich vor dem Radio. Mit der Gitarre in der Hand lauscht er den schwarzen Sendern, von denen es im Süden der Vereinigten Staaten unzählige gibt. Mit Unterstützung und Hilfe seiner Onkel Johnny Smith und Vester Presley lernt Elvis die ersten Griffe, und bald ist er in der Lage, sich zu begleiten, wenn er die Hits der schwarzen Stationen hört. Aber auch die weißen Country & Western-Sender erwecken sein Interesse, schließlich hört sein Vater doch besonders gern die Lieder von Roy Acuff, Ernest Tubb, Jimmy Rodgers und anderen damals populären C & W-Sängern.

Auf der anderen Seite prägen Musiker wie Booker ,Bukka‘ White, Big Bill Broonzy, Muddy Waters, John Lee Hooker, Howlin‘ Wolf (er starb in diesem Jahr, 66-jährig in New York City) oder Otis Spann sein Musikempfinden. Bei den wöchentlichen Gottesdiensten und Chorproben singt Elvis Gospels und Spirituals.

So arm seine Familie und so hart die Lebensbedingen unter denen die Presleys litten, waren, zwei Dinge, so sagt Elvis später, gab es reichlich: Liebe und Musik!

MEMPHIS, TENNESSEE

1948, Elvis war gerade 13 Jahre alt geworden, packt sein Vater alle Habseligkeiten in den Kofferraum eines alten Plymouth, Baujahr 1939, lädt seine Familie ein, und fährt nach Memphis, Tennessee.

Die Wohnverhältnisse in Tupelo waren schon alles andere als gut, aber immerhin: die Familie hatte ihr eigenes Haus, ein eigenes Reich. Nun in Memphis, sah es schlimm aus. Die Presleys zogen in einen winzig kleinen Raum in einem ehemaligen Einfamilienhaus, aus dem man ein Ein-Zimmer-Apartment-Haus gemacht hatte. Die Presleys hatten keine Küche und das Bad mußte man mit drei anderen Familien teilen. In dem Haus mit 16 Räumen lebten 60 Personen. Man muß sich wundern, daß unter diesen menschenunwürdigen Lebensbedingungen, diesen psychischen Spannungen, das Familiengefüge bei den Presleys intakt blieb. Besonders für Elvis muß es die Hölle gewesen sein: ein Junge vom Lande, zurückhaltend und höflich erzogen in einer neuen, städtischen Umgebung. Im ärmsten und verkommendsten Viertel der Stadt, wo die Grenze zur Asozialität und Kriminalität fließend war.

Elvis kommt in die L.C. Humes High School. Er ist einer von 1600 Schülern; das sind mehr als Tupelo Einwohner hatte. Schon am ersten Schultag ist Elvis eher wieder zu Hause, als sein Vater, der ihn in die Schule gebracht hatte. Elvis hat Angst. Am nächsten Tag bringt ihn seine Mutter in die Klasse. Langsam gewöhnt er sich ein. Inzwischen hat sein Vater einen Job bei einer Werkzeug-Firma gefunden. Gladys arbeitet als Serviererin in einer Cafeteria. 35 Dollar hat die Familie wöchentlich, um zu existieren.

1949 bekommt Vernon einen besseren Job. Er wird Packer bei der United Paint Company. Er verdient 83 Cents pro Stunde, und wenn er pro Woche fünf Überstunden macht, bringt er 38.50 Dollar nach Hause. Fünf Jahr bleibt er in diesem Job.

Nur langsam verbessert sich die Situation für die dreiköpfige Familie. Im Mai 1950 kann sie durch Hilfe des städtischen Wohnungsamtes eine Zwei-Zimmer-Erggeschoss-Wohnung ziehen. Adresse: Tauderdale Courts, 185 Winchester Street. Auch Elvis beginnt nun, neben der Schule zu arbeiten. Als Platzanweiser im ,Loew’s State‘ Kino verdient er 12.75 Dollar pro Woche. Fast das gesamte Geld liefert er bei seiner Mutter ab. Doch obwohl sein Vater von Juni 1951 an* mehr pro Woche erhält, reicht es nicht vorne und nicht hinten. Die Mutter fängt als Putzfrau im St. Joseph Krankenhaus an, Geld hinzu zu verdienen. Im Januar 1953 müssen die Presleys aus ihrer Wohnung ausziehen. Sie bekommen ein Apartment in der Cypress Street No. 398 für eine Monatsmiete von 52 Dollar. Im Juni verläßt Elvis die Schule nach bestandener Abschlußprüfung.

Kurz arbeitet Elvis in einer Werkzeug-Fabrik, dann findet er Arbeit als Fahrer bei der Crown Electric Company, Und er macht sein erstes richtiges Geld: 41.35 Dollar pro Woche. Ein Vermögen. Dafür fährt er für die Elektro-Füma mit einem Ford LKW Waren aus, holt Reparaturstücke ab und liefert Ersatzteile an Kunden.

DER ANFANG

In der Stadt gab es die Firma Memphis Recording Service, eine Dependance der Plattenfirma Sun-Records. Diese Niederlassung preßte Schallplatten für Werbespots, Demo-Zwecke und für alle, die ihre Stimme ‚mal auf einer Scheibe verewigt wissen wollten. Kosten: 4 Dollar. Elvis kannte den Laden, und da er nach wie vor mit seinen wenigen Freunden, aber auch mit seiner Familie, sang und dazu Gitarre spielte, dachte er, seiner Mutter zum baldigen Geburtstag eine Freude zu machen. Er wollte eine Platte aufnehmen; mit zwei ihrer Lieblingslieder. Vier Dollar konnte er sich bei seinem Verdienst als LKW-Fahrer leisten.

Diese Dollars wurden die beste Investition seines Lebens.

Elvis betrat den Laden, wußte zwar nicht recht, wie er seine Musik kategorisieren sollte, aber er sang einfach drauflos und begleitete sich selbst zur Gitarre. Die A-Seite war das Hit-Stück der Ink Spots im Jahre 1953 ,My Happiness‘. Als B-Seite wählte Elvis den Blues ,That’s When My Heartaches Begin‘.

Sam Phillips, Chef und Inhaber von Sun-Records und dem Memphis Recording Service, war auf einer Plantage seines Vaters, eines Grundbesitzers. Schon als Kind hatte er von den Negern auf der Farm den Blues gehört und gelernt. Was er nun, als Chef eines winzigen Platten-Labels, eines von vielen hunderten, die in den 50er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, suchte, war ein Weißer, der die Stimme, das Feeling und die Seele eines Schwarzen hatte. „Es scheint“, so stellte er damals fest, „die Schwarzen sind noch die einzigen, die Vitalität und Frische in ihrer Musik haben!“ Kein Wunder, war doch die Musik für die weiße Majorität des Landes, der lahme und eintönige Country Sound oder der antiseptische Popgesang einiger faden und farbloser Tingeltangel-Sänger. Konsequent und richtig produzierte Sam Phillips deshalb auch, kaum hatte er sich 1951 in Memphis, einer Metropole der Blues-Musik niedergelassen, Platten mit Bobby Bland, Howlin‘ Wolf, Jackie Brenston und B. B. King. Er verkaufte seine Produktionen an größere Firmen in Chicago und Los Angeles. Dann, 1953 kurz bevor Elvis seine Vier-Dollar-Single aufnahm, gründete Sam sein Sun-Label und veröffentlichte seine ersten beiden Platten in eigener Regie: .Love My Baby‘ mit Little Junior Parker und ,Just Walking In The Rain‘ mit den Prisonaires. Später wurde diese Aufnahme ein Hit für Johnny Ray.

Als Sam Phillips die beiden Bänder von Elvis Presley hörte, wax er beeindruckt. War das die Stimme, nach der er schon so lange gesucht hatte‘.‘ Docli er nahm keinen Kontakt mit Elvis auf. Erst als dieser am 4. Januar 1954 wieder in das Memphis Recording Studio kam, um erneut eine Single für sich selbst aufzunehmen, sagte Sam Phillips zu, Elvis anzurufen. Auf der zweiten Platte singt Elvis ,Casual Love‘ und ,I’ll Never Stand In Your Way‘.

Elvis wartete und hoffte auf einen Anruf. Hatte er doch inzwischen in verschiedenen Gruppen in und um Memphis gesungen und mit dem Gospel-Quartett ,The Blackwood Brothers‘ als Backing auch als Solist seine stimmlichen Qualitäten beweisen können.

Dann endlich kam die lang erwartete Gelegenheit. Sam hatte ein Demo aus Nashville bekommen, das ihm gefiel. Als er trotz langer Telefongespräche mit dem Studio in Nashville nicht den Namen und die Adresse des Sängers ermitteln konnte, entschloß er sich, die Produktion mit einem anderen zu machen. Elvis fiel ihm ein.

Doch als Elvis dann allein und Studio stand und sang, war’s schrecklich. Man probte stundenlang, doch nichts kam dabei heraus. Sam verlor die Geduld, Elvis seine Ruhe. In einer Pause riet Elvis, man solle ihm doch eine Band als Begleitung geben. Vielleicht ginge es dann besser. Also rief Sam Phillips einen Gitarristen namens Scotty Moore an. Dann brach man die Session ab.

Scotty Moore, ein 21 Jahre alter Country & Western Musiker, verabredete sich mit Elvis. Man übte zusammen in Scottys Wohnung, als Bill Black, ein Bassist und ein Nachbar von Scotty reinschauten. Als Elvis gegangen war, beschlossen die beiden, Sam Phillips anzurufen, um ihn zu informieren. Sie wollten beide mit Elvis in’s Studio kommen, um in einer neuen Session zu versuchen, ‚rauszufinden, was Elvis denn nun singen könne.

Keiner weiß heute mehr, wieviele Monate Elvis, Scotty und Bill täglich, nach ihrer Arbeit,zusammen spielten. Doch dann ging man wieder in Phillips‘ Studio. ,I Love You Because‘ war das erste Stuck, das man aufnahm. Es war o.k. Man machte Pause, trank einige Flaschen Coke und schwatzte. Plötzlich griff Elvis zur Gitarre, fing an ,That’s All Right, Mama‘ zu singen, schlug wie wild in die Saiten und sprang wie ein Irrer durch’s Studio. Scotty und Bill dachten: „Nun flippt er aus!“ Doch aus Spaß begannen sie, Elvis zu begleiten. Durch die offene Studiotür schaute Sam und schrie: ,Was macht ihr denn da?‘ Keiner wußte es. Doch Sam Phillips, der so lange auf den richtigen Mann mit der richtigen Stimme-gewartet hatte, wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Schnell wurde ein neues Band eingelegt, die Maschine lief, und Sam Phillips hatte, wonach er so lange gesucht hatte: den Weißen mit der schwatzen Stimme.

,That’s All Right, Mama‘ war ein alter Arthur Crudup Song, der in den 40er Jahre für ein kleines Label produziert worden war, das seine Platten fast ausschließlich an Schwarze verkaufte. Elvis‘ Cover-Version dieses Blues-Stückes sollte für ihn der Auftakt zu einer Plattenkarriere ohne Beispiel werden. Hat Elvis bis heute doch bald 400 Millionen Singles, EPs und LPs verkauft. Jeder im Studio wußte, dies wird die erste Elvis Presley-Single. Als B-Seite bestimmte man nach dreitägigen weiteren Proben den Bill Monroe-Blue-Grass-Song ,Blue Moon Of Kentucky‘. Mit der ersten Pressung ging Sam Phillips zu dem weißen Disc Jockey Dewey Phillips. Der moderierte eine Sendung namens ,Red Hot And Blue‘ mit zumeist heißen Blues-Scheiben großer schwarzer Sänger (und es gab noch keine weißen Blues-Sänger) über den lokalen Rundfunksender WHBQ von Memphis.

Als Dewey Phillips in seiner Nacht-Show die Platte zum ersten Male vorstellte, hatte Elvis zuhause das Radio auf den Sender eingestellt, damit seine Eltern ihn hören sollten. Er selbst war nervös und aufgeregt ins Kino gegangen. Noch bevor der Film zuende war, hatten ihn seine Eltern wieder nach Hause geholt. Demi kaum hatte Dewey die Platte gespielt, liefen bei der Station die Telefone heiß. Zuhörer wollten ,That’s All Right, Mama‘ und ,Blue Moon Of Kentucky‘ immer wieder hören. Der Dee Jay spielte die Scheibe von neuem. Doch es war nicht genug. Keiner hat in dieser Nacht gezählt, wie oft die erste Elvis Scheibe in dieser Nacht abgefahren wurde. Selbst Dewey Phillips nicht. Er hatte anderes zu tun: Elvis musste sofort in’s Studio kommen! Also ließ er Elvis benachrichtigen, er brauche ihn sofort für ein Interview. Jahre später hat Dewey Phillips dann erzählt, was in dieser Nacht im August 1954 geschah: „Elvis kam außer Atem bei mir an: Setz‘ Dich hin, ich mache ein Interview mit dir.‘ sagte ich, doch Elvis antwortete: ,Mr. Phillips, ich habe noch nie ein Interview gegeben.‘ ,Macht nichts, rede ganz einfach, aber erzähle nichts Zweideutiges.‘ Elvis setzte sich hin, ich spielte meine Platten, und zwischendurch sprachen wir über ihn, die Schule, seine Familie und alles mögliche. Wichtig war, daß die Hörer merkten, Elvis ist ein Weißer. Denn solche Musik hatte man bisher nur von Schwatzen gehört. Zum Schluß sagte ich zu ihm: ,O.K. Elvis. Vielen Dank!‘ ,Wollen Sie mich nicht interviewen?‘ fragte er. ,Das habe ich bereits‘, war meine Antwort. Da stand ihm plötzlich der Schweiß auf der Stirn.!“

Innerhalb von wenigen Tagen gingen 5000 Bestellunge bei SunRecords ein. Doch Sam Phillips hatte noch gar keine Platten gepreßt. Es gab nur ein Kopie, die hatte Devvcy für die Sendung bekommen. Sun Records hatte einen neuen Sänger mit einer völlig neuen Musik, nur der Hit war noch nicht lieferbar.

Arn Tage nach der Sendung ging Klvis wieder zur Arbeit, Doch abends trat er nun in Memphis und der näheren Umgebung in Clubs auf. Für wenig Geld: 10 Dollar pro Auftritt als Pausenfüller. Elvis wollte weiter mit Scotty und Bill zusammenarbeiten. Man einigte sich auf 25 Prozent je für Scotty und Bill, 50 Prozent der Gage für Elvis!

Später bekennt Sam Phillips, daß die Resonanz aui die erste rJvis Single bei den Disc Jockeys der R;uiio Stationen miserabel gewesen sei, kaum einer wollte eine Platte taufen lassen, die sieh so ,schwarz‘ anhörte. Trotzdem war der Eltolg groß genug, um Elvis in zwei der wichtigsten Radio-Programme zu bringen: in das .Grand Ole Opry‘-Programm in Nashviltc und das ,Louisiana Hayride‘ Programm in Shreveport. Beides waren Jive‘ Sendungen. Nach dem Opry-Auftritt riet ihm der Manager der Show jedoch, er solle wieder Lastwagen fahren. In der anderen Show kam Elvis besser an. Man gab ihm einen Jahresvertrag.

Bald kam der Schlagzeuger D. J, Fontana zu der Elvis Tmppe. Man spielte immer häufiger bei mittleren und größeren Veranstaltungen, teilweise bei ,live‘ Sendungen verschiedener Rundfunkstationen, teilweise in Konzerten, die meistens an den Wochenenden in Clubs oder Tanzsalen stattfanden. Die Reaktion des Publikums war sehr unterschiedlich. Zumeist jedoch negativ. Waren die Besucher doch jahrelang an Country-Bands gewöhnt, die samstags und sonntags für sie zum Tanze aufspielten. Und nun das. Ein kaum 2Ojähriger Junge in total bun-verrückter Garderobe mit langen Koteletten, der sang wie ein Schwarzer und dabei noch nicht einmal stillstehen konnte; der beim Singen die Mundwinkel verzog, Silben verschluckte und an den unpassendsten Stellen Luft holte.

Trotzdem gab Elvis nun seinen Job als Fahrer auf. Er wollte nur noch singen. Und die Gelegenheit bot sich wieder in Memphis. Nachdem einige Schwierigkeiten überwunden waren, Elvis war noch kein Mitglied der Musiker-Gewerkschaft, und man wollte ihn deshalb nicht singen lassen, konnte er bei einer großen Country-Musikveranstaltung auf die Bühne gehen. Elvis trat in der Nachmittags-Show auf und begann einige C&W-Sohgs vorzutragen. Das Publikum zeigte kaum Reaktion. Elvis ging zum Bühnenrand und fragte Dewey Phillips, den Dee Jay, was er machen solle. Dewey sagte: ,Sing‘ bloß keine Country-Songs mehr, sing ,Good Rockin‘ Tonite!‘ Elvis gab den Einsatz, Scotty, BiD und D. J. hauten rein und Elvis sang. Dabei wackelte er mit den Hüften, nicht von rechts nach links, sondern von hinten nach vorn, stöhnte, wackelte mit den Beinen und griff das Mikrophon, als ob er es verbiegen wolle. Die Leute stutzten, starrten auf die Bühne, hörten den Sound, der da ruberkam und flippten aus. Elvis Presley hatte nicht nur seine Musik, sondern nun auch seinen Stil gefunden.

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