Blur

Blur 21: The Box

Parlophone/EMI

Die große, die wirklich große Werkschau ­anlässlich des 21. Geburtstags des Debüts der Britpop-Ikonen, Alternative-Rock-Adepten und Krautrock-Enthusiasten.

Verträgt die Musikwelt einen weiteren Koloss namens 21? Vielleicht zunächst die Fakten, um diesen Behemoth von einer Box in den Griff zu bekommen: 21, das Geburtstagsgeschenk zum 21. von Blurs Debütalbum Leisure, umfasst alle sieben Studioalben der Band, die ersten fünf davon in remasterter Form. Erstaunlicherweise gibt 21 trotz aller Opulenz aber nicht das Gesamtwerk der Band wieder. Ein paar B-Seiten fehlen. Das ist zwar überhaupt nicht verständlich und für den Alles-haben-Müsser gewiss ärgerlich, aber eigentlich nicht so schlimm. Denn stets waren es ihre B-Seiten, die Blur davon abgehalten haben, so unfassbar wie die  Beatles zu werden.

Das Gefälle zwischen ihren durchgehend sehr guten Albumsongs (mindestens) ab Modern Life Is Rubbish, ihren meistens sensationellen A-Seiten – regelbestätigende Ausnahme: das krampfige „Song 2“-Plagiat „Crazy Beat“ – zu dem, was da sonst noch die Spielzeit der Singles zu füllen hatte, war fast verlässlich groß. Aktuelles Beispiel: „The Puritan“, hier nicht erhältliche B-Seite von „Under The Westway“: Will zu viel, kann zu wenig. Die A-Seite hingegen: ein Klassiker. Freilich finden sich in dieser Zusammenballung auch B-Seiten, die es verdient gehabt hätten, Albumstücke zu sein, wie „Ultranol“, „Tame“ und „Get Out Of Cities“. Aber häufig versteckten sich hinter den mächtigen Erstplatzierten auf den Tracklists der Singles unausgegorene Songs wie „Ludwig“, oft nur instrumentale Ideen, die wie „French Song“ elend in die Länge gezogen werden. Dieser Umstand verwundert gerade bei den Singles der mittleren 90er nicht: Damals fanden es große Plattenfirmen super, mehrere Versionen einer Single auf den Markt zu bringen, damit der sammelnde Fan mindestens zweimal zugreifen muss. Wie viele Sticker à la „Part 1 of a 2 CD Set“ durfte man damals von Jewel Cases popeln? Blur hatten pro Release also massig B-Seiten zu produzieren, daher auch der große Anteil an Liveversionen in ihrem Œuvre.

Was soll nach dieser Box, die selbst im Bernsteinzimmer ein Hingucker wäre, heuer noch kommen? So viele Momente, die hier Gänsehaut verursachen: Die Tausenden Mädchenstimmen etwa, die die Band zu Beginn des Konzertfilms „Showtime“ kreischend auf die Bühne begleiten und danach das Instrumental „Lot 105“ mitsingen – 1994 war die trennscharfe Abgrenzung von Blur zur Boyband nicht mehr gegeben –, die anarchische Stimmung, die beim Mitschnitt von „Parklife“ von Blurs bis dato größtem Headlinerkonzert, im Juli 1995 im Londoner Mile End Stadium, herrscht, „Beetlebum“ in seiner Demofassung, die tatsächlich noch näher an den Beatles als das Endprodukt ist … Und dann natürlich die Alben selbst. Meilensteine der 90er. Mit schwindelerregender Souveränität tobte sich die Band im Kosmos der Kinks aus, rüttelte am britischen Establishment, wurde so zur „quintessenziellen englischen Band der 90er“, wie Albarn es bereits 1990 prophezeit hatte, stellte aber auch die griffigere Variante Pavements dar. Immer wieder schubste sie die Discokugel an, psychedelisierte hier mit Dada-Texten, rührte da mit entwaffnender Ehrlichkeit zu Tränen, lieferte mit 13 ein Update des „Weißen Albums“ und ließ es letztlich auch mehr krachen als ihre gesamte britische Konkurrenz der Tage: „Advert“, „Bank Holiday“, „Globe Alone“, „B.L.U.R.E.M.I.“ – was für Fetzer!

Blur könnten tatsächlich eine von ganz wenigen Bands sein, die ihre  Reunion künstlerisch vollauf rechtfertigen. Wer fällt einem da schließlich sonst ein: … Portishead, ja, … Aerosmith, ja, wer’s mag, ach, besser wieder an Blur denken.