Spezial-Abo
Highlight: Die 50 besten Punk-Alben aller Zeiten

40 Jahre Punk, Teil 2

Februar 1977: Wie The Damneds Debüt zu einem der drei großen Punkrock-Albumklassiker wurde

Während die Sex Pistols mit brutalem Zynismus die britische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern und The Clash heroisch die Weltrevolution beschwören, hüpfen diese vier Gestalten aus London als schwer erziehbare Teenager durch die Gegend – und drehen allen eine Nase, indem sie im Oktober 1976 die erste Punksingle veröffentlichen. „New Rose“, auf Stiff – Klassiker. Die heute in den erkennungsdienstlichen Handbüchern der Polizei sämtlicher Länder kodifizierte Punkrockuniform gibt es Anfang 1977 noch nicht. Aber selbst im schillernden Durcheinander der Szene, die sich langsam in einem Heer von Mitläufern auflöst, fallen The Damned aus der Reihe: Captain Sensible im Kleidchen, Rat Scabies in banalen Jeans mit namensgebender Hautirritation, Brian James als Stooges-Klon und Dave Vanian als verarmter Vampir – diese Typen sind genau das, was Punk in den Augen der Öffentlichkeit ist: kaputt.

Es begann im Frühjahr 1975 mit der Band London SS, dieser Ursuppe, in der außer den Pistols fast jede frühe Punkband ihre Wurzeln hat. Dann brachte Malcolm McLaren Vanian, Scabies und Sensible mit Chrissie Hynde als Masters Of The Backside zusammen, laut Hynde „ohne mich die musikalisch versierteste Punkband der Stadt“. Und seit April 1976 fabrizieren sie mit James den schnellsten, wüstesten Lärm, den man sich vorstellen kann. Ihr Platz in der Hierarchie ist klar – hier die Beatles des Punk (Pistols) und die Stones (Clash), dort … die Pretty Things, die Brian James sowieso bevorzugt: „Sie waren schmutzig, hatten die längsten Matten und spielten ihren R’n’B so scheiß draufmäßig, wie’s irgendwie ging.“

„The Damned waren fantastisch, und sie waren unverschämt und rotzfrech“

Mit dem Big Biz, das Pistols und Clash von innen zerstören wollen, haben sie auch nichts am Hut: Sie unterschreiben bei dem im Sommer 1976 gegründeten Indie-Label Stiff, das sich auf Pubrock und Freaks wie Nick Lowe, Ian Dury, Motörhead und Elvis Costello spezialisiert. Lowe, den The Damned „Opa“ nennen, weil er schon 27 ist, soll im Januar 1977 auch ihr erstes Albumproduzieren. Schauplatz ist das „Pathway“ im Londoner Norden, ein winziges, unbeheiztes Garagenstudio. Toningenieur Bazza Farmer erinnert sich: „Der Gestank dort warf einen um. Es roch wie ein Herbstwald oder ein altes Klo. Das hattest du zwei Tage später noch in den Klamotten.“ Lowes „Produktionstechnik“ entspricht dem Hinweis auf dem Albumcover: „Not produced by Nick Lowe“. „In zwei Tagen“, sagt Sensible, „war der Quatsch im Kasten. Nick hat überhaupt nichts getan, außer flaschenweise Cider zu bestellen. Aber das war genial: uns zu produzieren, indem er uns nicht produziert!“ Lowe selbst war vom Ergebnis überrascht: „Wir konnten gar nicht fassen, dass wir etwas gemacht hatten, was sich derartig gut anhörte. Das passiert wirklich nicht oft. The Damned waren fantastisch, und sie waren unverschämt und rotzfrech.“



Gabi Delgado und DAF: Ikonen des Techno
Weiterlesen