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50 Indie-Geheimtipps, Teil 4: 1996-2003

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Im Oktober-Heft 2010 haben wir die jeweils 50 besten, aber weitgehend unbekannten Alben aus den Genres Indie, Electro, Folk, Hip Hop und Avantgarde zusammenstellt. Das Indie-Genre macht den Anfang. Hier findet Ihr Teil vier der 50 Geheimtipps – zur Übersicht aller Indie-Geheimtipps geht es hier.

Den vollständigen Artikel können sich Nutzer unseres Archivs natürlich jederzeit ansehen.

Longpigs – The Sun Is Often Out (1996)

Das zu frühe Ende dieser Britpop-Band, deren Debüt im Sommer 1996 neben Oasis, Supergrass und Pulp einfach keine Chance gegeben war, hatte zumindest etwas Gutes: die anschließende Solokarriere ihres Gitarristen Richard Hawley. Außerdem sorgte der geringe Erfolg (Platz 26 in den UK-Charts) dafür, dass es heute in praktisch jedem britischen Second-Hand-Plattenladen zu haben ist. Dennoch wäre die Welt eine bessere, gehörte das straighte „She Said“ heute zum Kanon des Britpop und hätte es die Ballade „On And On“ (war sogar auf dem „Mission:Impossible“-Soundtrack) zu mehr als Achtungserfolg in den USA gebracht.

The Brian Jonestown Massacre – Their Satanic Majesties Second Request (1996)

Ein doppeldeutiger Name – die Neo-Psychedelic-Rock-Band ist sowohl nach dem mysteriös verstorbenen Rolling Stone Brian Jones als auch nach dem Massen(selbst)mord in der Jonestown genannten Siedlung der „Volkstempel“-Sekte in Guyana benannt – kann Fluch und Segen sein. Marilyn Manson geriet so ein Name zum Vorteil, vom BJM haben bis heute nur wenige gehört. Mit diesem Album spielte die Band um ihr einziges konstantes Mitglied Anton Newcombe nicht nur erneut auf die Stones an, sondern tauschte ihren einstigen Shoegaze-Sound für 60s-inspirierten Psychedelic-Rock aus.

Black Box Recorder – England Made Me (1998)

Luke Haines, die nächste. Im Titelsong lässt er seine Ehefrau Sarah Nixey ausführlich schildern, wie sie zunächst eine Spinne, dann einen Fremden tötet – im Traum. „Kidnapping An Heiress“ thematisiert Klassenkampf anhand der Entführung von Patty Hearst und der Massentötungen der Volkstempler in Guyana (äh, siehe oben). ENGLAND MADE ME ist trotz einer harmonischen, fast unschuldig wirkenden Instrumentierung ein Monster von einer Platte.

Royal Trux – Accelerator (1998)

Als 1998 ihre beste Platte erschien, hatten Neil Michael Hagerty und seine Freundin Jennifer Herrema bereits fast alles hinter sich: elf Jahre als Band, offen ausgelebte Heroinsucht und einen Plattenvertrag über eine sagenhafte Million Dollar (es war 1991, the year punk broke und die Majors stürzten sich auf rumpelige Indiebands). Aber, wie gesagt: fast alles. Erfolg hatte das Duo mit seinem Brachialblues (Hagerty spielte anfangs noch bei Jon Spencers Pussy Galore) nie. Zumindest dürfen sie sich als Wegbereiter der White Stripes verstehen.

Sparklehorse – Good Morning Spider (1998)

Auch wenn viele der Songs schon vor Mark Linkous‘ aus einer Drogenüberdosis resultierendem Beinahetod geschrieben worden waren, wirkten sich diese Erfahrung und der folgende Krankenhausaufenthalt eindeutig auf den Aufnahmeprozess von Sparklehorses zweitem Album aus. Ein Werk wie das Aufwachen aus einem Alptraum, unschuldig, verletzlich, kindlich. Ein Bild, das die Akustikgitarrenspuren unterwandernden, verspielten Synths und Loops verstärken. Linkous sollte noch zwölf Jahre zwischen Leben und Tod hin- und hergeschleudert werden bis er 2010 aufgab und sich gegen das Aufwachen entschied.

Silver Jews – American Water (1998)

Hat man ja jetzt auch schon mal gehört, den Namen. Doch wo anfangen? Wie einsteigen in das 20 Jahre umfassende Werk einer Band, die in keinem Elektrofachmarkt Deutschlands ein eigenes Fach hat? Mit ihrem dritten Album. Damals gehörte Stephen Malkmus noch zur Besetzung, die außer Sänger David Berman kein weiteres dauerhaftes Mitglied hatte. AMERICAN WATER versprüht vordergründig dieselbe musikalische Unbekümmertheit, man möchte sagen: Gemütlichkeit wie Pavements BRIGHTEN THE CORNERS, doch bei genauerem Hinhören liefert Malkmus hier seine wohl präziseste Gitarrenarbeit ab. Und: Bermans Beobachtungen der prä-millenniaristischen US-Gesellschaft hätten auch in einem Gedichtband erscheinen können.

Make-Up – Save Yourself (1999)

Dass der Ruf von Make-Up, einer der coolsten Bands, die diesen Planeten je betreten hat, kaum Verbreitung gefunden hat, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Wer seine Musik ausschließlich bei Labels wie Dischord, K Records oder Southern veröffentlicht und seine (kommunistische wie selbstkreiert befreiungstheologische) Ideologie Tag und Nacht so eng bei sich trägt wie die Gitarrenplektren in seiner Hemdtasche, weiß genau, was er tut. Liveshows abreißen, von denen die Enkel noch reden werden z.B. Und ein Album wie dieses aufnehmen, das wahrer Soul ist, schmutziger Funk, allerfeinste Garage, echter Sex. The (International) Noise Conspiracy? Elende Kopisten! Schlimmer noch: Konformisten!

Gorky’s Zygotic Mynci – Spanish Dance Troupe (1999)

Vielleicht kam SPANISH DANCE TROUPE einfach zehn Jahre zu früh. Die Einflüsse, die die Walliser hier so gut in den Pop mitnahmen, sind schließlich die, auf die sich heute Bands wie Espers oder Midlake berufen. Vaudeville etwa, oder klassischer Folk im Sinne von Fairport Convention. Dabei lauern in den Texten von Euros Childs Abgründe: In psychotischen Kammerstücken wie „Murder Ballad“ oder „Desolation Blues“ arbeitet sich die Band an allerhand Absonderlichem ab. Einziger Ausreißer: das an die Super Furry Animals erinnernde „Poodle Rockin“.

The Microphones – The Glow, Pt. 2 (2001)

Pitchfork sagt: Das beste Album 2001, das in Nerdkreisen einflussreiche Webzine „Tiny Mix Tapes“ sagt: Die fünftbeste Platte der Nullerjahre. Und was sagt die Welt? Die Welt sagt: Hä?! Wir sagen: Hinter den Microphones steckt Phil Elvrum, ein Analogtüftler aus Olympia/Washington. THE GLOW, PT. 2 ist sein siebtes Studioalbum, voll überragendem, mit Konventionen brechendem Songwriting, mit bei aller Lo-Fi-Haftigkeit hoch emotionalen Stücken, deren Instrumentierung Haken schlägt wie ein Karnickel, und mit einem warmen Sound, als sei die Platte in deinem Bauch eingespielt worden.

Pretty Girls Make Graves – The New Romance (2003)

Sängerin Andrea Zollo schreit sich eins – kann aber auch zärtlich sein. Nathan Thelen und Jason Clark spielen ihre Gitarren dissonant, aber auf einem präzisen Rhythmusbett. Mit einer Verbindung widerborstiger Strukturen der Post-Irgendwas-Schule und verblüffender Eingängigkeit begeisterte die Band aus Seattle 2003 die Musikpresse. Es galt als ausgemacht, dass da noch mehr passieren würde. Dem tollen THE NEW ROMANCE folgte drei Jahre später allerdings das nur noch ordentliche Èlan Vital – und die Auflösung.


Erste Single als Trio: Maxïmo Park veröffentlichen „Child Of The Flatlands“
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