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50 Elektro-Geheimtipps, Teil 1: 1968 – 1977

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Gelangweilt von den immer gleichen Bestenlisten? Im Oktober-Heft 2010 haben wir die jeweils 50 besten, aber weitgehend unbekannten Alben aus den Genres Indie, Electro, Folk, Hip Hop und Avantgarde zusammenstellt. Das Indie-Genre machte den Anfang. Hier findet Ihr die Texte von Musikexpress-Redakteur Albert Koch zu den ersten zehn der 50 Elektro-Geheimtipps, Deezer-Playlist inklusive. Den vollständigen Artikel können sich Nutzer unseres Archivs natürlich jederzeit ansehen.

 

Silver Apples – Silver Apples (1968)

Der erste Song auf dem ersten Album der Silver Apples war die Visitenkarte des Duos aus New York. „Oscillations“ beginnt mit auf- und abschwellenden elektronischen Sounds aus dem Oszillator. Simeon Coxe und Danny Taylor waren die ersten, die die elektronische Musik in einen Rockkontext setzten. Mit ihren psychedelischen Songs, die teilweise einen starken Hippieeinschlag hatten, waren die Silver Apples auf der Höhe der Zeit, allerdings machte die Elektronik den Unterschied. Feine Störgeräusche, Wimmern aus dem Oszillator, atonale Effekte, Soundcollagen kontrastierten den repetetiven Minimalismus dieser Lieder. Martin L. Gore von Depeche Mode ist Fan der Silver Apples.

Gershon Kingsley – Music To Moog By (1969)

Dem Deutsch-Amerikaner Gershon Kingsley ging es vor allem darum, die Möglichkeiten des damals neuartigen Moog-Synthesizers auch als Substitut für echte Instrumente auszuloten. So entstanden Songsammlungen zwischen Avantgarde und Pop, mit Coverversionen (Beatles, Beethoven, Simon & Garfunkel) und Eigenkompositionen. Eine solche Neuschöpfung – nämlich „Pop Corn“ – wurde durch die Retortenband Hot Butter ein weltweiter Hit.

White Noise – An Electric Storm (1969)

„Das macht Spaß“, sagt irgendwann im Verlauf des Albums eine weibliche Stimme. Es stimmt, es macht Spaß, drei Londoner Nerds aus dem „BBC Radiophonic Workshop“ zuzuhören, wie sie eben mal im Vorbeigehen einen immer noch gültigen Klassiker der elektronischen Musik geschaffen haben. Freaky Psychedelic Music wird mittels Tapemanipulationen und dem frühen britischen Synthesizer EMS VCS3 zu einem minimalistischen Soundvergnügen.

Vangelis – Sex Power (1970)

Bevor Vangelis Papathanassiou zum Synthie-Muzak-Hersteller für den Mainstream und Boxsportauftritte wurde, hatte er ein paar abenteuerliche Alben zwischen Avantgarde und Elektronik aufgenommen. Wie diesen Soundtrack zum Film von Henry Chapier, sein erstes Soloalbum. Zwar hält sich hier der Einsatz der Elektronik in Grenzen, allerdings ist der Geist aus Experimentierfreude und Minimalismus wegweisend für zahlreiche Subgenres, die da noch kommen würden.

Cluster – Cluster II (1972)

Krautrock ohne Kraut und Rock. Das Konzept: endlose Wiederholungen, marginalste Soundverschiebung-en. Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius gelang mit dem zweiten Album als Cluster (mit „C“) ein Stück Musik, das ebenso Proto-Industrial wie Proto-Ambient ist. Frei von Beats wabern tiefschwarze Synthie-Sounds über gefrorenen Klanglandschaften.

Wendy Carlos – Sonic Seasonings (1972)

Ende der Sechziger popularisierte Wendy Carlos den Moog-Synthesizer mit Adaptionen klassischer Musik (SWITCHED-ON BACH). SONIC SEASONINGS ist ihr erstes Album mit Eigenkompositionen. Synthesizer als eigenständige Klangfarbenlieferanten in vier über 20-minütigen Tracks, die als Tongemälde den vier Jahreszeiten gewidmet sind. Dazu field recordings von Windgeräuschen, Vogelzwitschern, Gewitterdonner, Regenplätschern. Ambient, der nicht Teil der Umwelt sein will, sondern sich seine eigene Umwelt schafft.

Herbie Hancock – Sextant (1973)

Auf früheren Alben hatte Jazzpianist Herbie Hancock auch schon Synthesizer benutzt. Bei SEXTANT wurde der elektronische Klangerzeuger zum Hauptinstrument. Freie Improvisation mit Jazz-Funk-Einschlag ist die Pflicht, seltsame Sounds aus dem ARP 2600 und dem Mellotron die Kür. „Rain Dance“ wird von Synthie-Sounds und -Rhythmen dominiert, die als geloopte Samples in jedem frühen Detroit-Techno-Track denkbar wären. Weiter als hier ist Hancock nie mehr gegangen.

Conrad Schnitzler – Blau (1974)

Es ist eine Schande, dass Conrad Schnitzler (geb. 1937 in Düsseldorf), eine der Hauptfiguren der frühen deutschen elektronischen Musik, durch das Wahrnehmungsraster fällt. Wenn es darum geht, Pionierleistungen zu würdigen, werden immer andere genannt: Kraftwerk, Neu!, Tangerine Dream. Schnitzler war (fast) immer dabei, wenn sich Geschichtsträchtiges ereignete. Er gehörte einer frühen Besetzung von Tangerine Dream an, als diese sich mit konventionellen Instrumenten an elektronischen Meditationen versuchten. Er gründete mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius die erste Inkarnation von Kluster (mit „K“) und veröffentlicht seit 1973 eine unüberschaubare Anzahl von Soloalben. BLAU erschien 1974 in einer Auflage von 500 Exemplaren und lieferte mit dezenten Dissonanzen, leicht angeglitchten Sounds, die sich aus der Wiederholung heraus fast unmerklich zu einem Klimax steigerten, die BLAUpause für den experimentellen Minimal-Techno der 90er-Jahre.

Arne Nordheim – Electric (1974)

Wie nah experimentelle U- und E-Musik beieinander liegen können, oder wie sinnlos solche Unterscheidungen überhaupt sind, zeigt das 1974er Werk ELECTRIC des norwegischen Komponisten Arne Nordheim, der im Juni 2010 mit 78 Jahren starb. Es ist eine verstörend abenteuerliche Reise durch den elektroakustischen Klangraum mit Ausflügen in die Musique concrète und Proto-Ambient.

Giorgio Moroder – From Here To Eternity (1977)

Auf dem Backcover ließ der Produzent aus Süd-Tirol vermerken, auf diesem Album seien ausschließlich elektronische Instrumente verwendet worden. Dieser Prototyp von Hi-NRG-Disco erschien gleichzeitig mit dem von Moroder produzierten „I Feel Love“ von Donna Summer, dem ersten Song der Disco-Ära mit ausschließlich elektronischer Begleitmusik. Nicht nur die Musik, sondern auch der durchgängige Mix der Tracks auf Seite eins von FROM HERE TO ETERNITY bedeuteten eine Vorwegnahme von House um Jahre.


Simeon Coxe (Silver Apples) ist tot
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