Louis Tomlinson
HOW DID I GET HERE?
BMG (VÖ: 23.1.)
Befreiungsschlag eines Boybandboys: mit Indie-Gitarren und ganz viel Sunshiiiyyyiiine.
Für alle, die sich nicht ganz so gut auskennen, so sieht aktuell das Erbe von One Direction aus: Nach dem Rebellen Zayn Malik, der die britische Boyband verließ, um mit den Welthits „Pillowtalk“ und dem Taylor-Swift-Duett „I Don’t Wanna Live Forever“ einen sagenhaften Senkrechtstart hinzulegen, nur um kurz danach mit dem treffend betitelten Doppelalbum ICARUS FALLS seine Fans zu überfordern und seine Solokarriere an die Wand zu fahren, richteten sich alle Augen und Ohren auf den Ex-Kollegen Harry Styles. Der operiert längst mindestens gleichauf mit seinen Vorgängern im Geist George Michaels und Robbie Williams’.
Im Schatten dieses globalen Phänomens gedeihen Pflänzchen wie das Solowerk eines weiteren ehemaligen One-Direction-Mitglieds, das von Louis Tomlinson. Der 33-Jährige hat durchaus etwas zu sagen – und zwar uns, auch wenn der Titel seines dritten Albums nach Nabelschau klingt. Die Message von HOW DID I GET HERE? ist: Das Glas ist und bleibt halbvoll – das mag banal wirken, aber Noel Gallagher hatte uns auch nie sonderlich mehr mitzuteilen.
Tomlinson hat in nur wenigen Jahren seine Mutter, seine Schwester und mit Liam Payne einen engen Wegbegleiter verloren – und schuf dennoch eine Platte, die sich wie ein Tag im Club Tropicana anfühlt. Das euphorische „Palaces“ hätte sich auch gut in der Indie-Disco der Nullerjahre gemacht, „Jump The Gun“ flirtet mit den Chili Peppers, in „Broken Bones“ darf auch mal ein „Fuck It“ fallen, „Lucid“ geht als Annäherung an ein „Champagne Supernova“ des Teen-Pop durch. Zwar bleibt, obwohl stets auf Hooks abzielend, nicht jeder Song im Gedächtnis. In jedem Fall aber lohnt es sich, diesen Werdegang zu verfolgen. Denn Louis Tomlinson will was. Vor allem er selbst sein. Und das ist nun wirklich keine Selbstverständlichkeit nach Jahren der Kinderarbeit im Scheinwerferlicht der Welt.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



