Charli xcx
WUTHERING HEIGHTS
Atlantic (VÖ: 13.2.)
Charli xcx begibt sich, Hand in Hand mit Cathy und Heathcliff, in ungemütliche Pop-Soundgewitter hinein.
Diejenigen, die sich bereits zum Filmstart von Emerald Fennells „Wuthering Heights“ am 12.2. ins Kino begeben haben, werden es gemerkt haben: Der mit Spannung erwartete „Soundtrack“ zum Streifen der britischen Künstlerin Charli xcx findet hier irgendwie nicht statt. Erst ab Minute 50 nämlich taucht deren Stimme auf. Die Regisseurin hatte sie eigentlich nur um einen Song für den Film gebeten, xcx fühlte sich dann aber nach eigener Angabe so inspiriert, dass sie ein Konzeptalbum „verbunden mit der Welt, die im Film kreiert wird“ aufnahm. So die Erzählung beider.
Fennell, die sich schon in ihrem Film „Saltburn“ um das Thema Vernichtung gekümmert hatte, bespielt hier die Schullektüre fast aller Jugendlichen in Great Britain mit sexuellem Interesse und Fachwissen – was die Autorin des Klassikers, Emily Brontë, selbst nicht getan haben kann, weil sie unbefleckt und ahnungslos an Tuberkolose starb, noch bevor sich bei ihr in dieser Richtung etwas hätte tun können. It was all a fantasy. Die Liebesgeschichte, die sie erzählt, ist ohnehin bloß reines Mittel zum Zweck, denn auch Brontës Themen sind Klasse, Ausgrenzung, Scham und Rache. So schließt sich der Kreis.
Die düsteren Welten der englischen Hochmoore, der Wind, die Kälte, die zugigen Landsitze bilden den idealen Hintergrund für das, was wir „Gothic“ nennen. Dieses Genre, gerne auch in den 80ern musikalisch und modisch aufgegriffen, scheint auf den ersten Blick so gar nicht zur Hyperpop-Queen Charli xcx zu passen, aber sie belehrt uns mit diesem Album eines Besseren. Es ist ganz hervorragend, weil es eine eigenständige Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Liebe, Hass, Schmerz und Todessehnsucht.
Irritation und Dissonanz
Genau wie die ehemalige Kooperationspartnerin von Charli xcx, die leider viel zu früh verstorbene Produzentin SOPHIE, befasst sich xcx auf diesem Album mit Leerstellen. Die einzelnen Tracks haben etwas Skeletthaftes an sich; tragende Säulen sind jeweils flächig und rhythmisch eingesetzte Streichersequenzen, die wie drohende Hügel im Nebel ihre Soundlandschaften dominieren. Der großartige Filmkomponist Gareth Murphy hat diese Arrangements für sie geschaffen. Ganze 16 Cellist:innen, Violinist:innen etc. spielten diese musikalische Basis ein, u. a. übrigens an der Bratsche: Laurie Anderson.
Den fehlenden Beat muss man sich einfach immer selbst dazu denken, und das passiert im Grunde automatisch. Die zwölf Stücke leben davon; man kann sie als Skizzen lesen, muss das aber nicht, denn eigentlich fehlt nichts. Wir haben es hier trotzdem mit Pop zu tun. In „Wall of Sound“ heißt es z. B.: „Love and hatred – I can’t escape it“, was natürlich auch die inhaltliche Essenz eines populären Dance-Tracks sein könnte. Nur dass all das Geklötere, all die Synthesizerspielereien, das Bandhafte hier nicht vorkommen. Alles ist stripped to the bone, wenn man so will.
„Seeing Things“ kommt lustigerweise geradezu taylorswiftig daher, obwohl deren berüchtigte „Bridge“ fehlt, und „Wall of Sound“ wäre ein klassisches Hyperpopstück, hätte xcx nicht alle Hysterie weggelassen. „Always Everywhere“ erzählt von Entgrenzung, indem es mutig Soundblüten aufgehen und sich wieder schließen lässt. Hier nimmt sich nichts zurück. „Funny Mouth“ überrascht mit Gewehrsalven, „Open Up“ bietet flehenden Schmerzensgesang, der an die Grenze des allzu Theatralischen heranreicht, sie aber nicht überschreitet, und „Eyes of the World“, das die tolle Sky Ferreira featured, könnte, wenn konventionell produziert, eine klassische Hymne sein, die von einer Pop-Diva dargeboten wird.
„My Reminder“ wird lustigerweise von einem durchgehenden Bummtschak getragen, was total gut funktioniert: „Lass mal ausprobieren, oh, das ist toll, das lassen wir so.“ Und dann „Dying for You“ …Der einzige wirkliche Durchdreh-Hit auf dem Album. „I’m losing gallons of blood, the rivers turn into red“, wird hier behauptet, und man glaubt es. In „Altars“ wird Aimee Mann widersprochen, wenn gesagt wird: „1 is NOT the loneliest number“. Verweise, Zitate.
Rau und sinnlich
In dem schon vor Wochen vorab veröffentlichten Track „House“ arbeitet Charli xcx mit Velvet Undergrounds John Cale zusammen, der einst sagte: „Musik muss elegant und brutal sein“. Eine nur auf den ersten Blick verwirrende Kombination, denn beide beschwören hier die Kraft der Literatur herauf, verbeißen sich in den Stoff, nur dass sie von unterschiedlichen Startrampen abspringen.
Es ist ein Überwältigungsstück, das mit einem von Cale geschriebenen und selbst gesprochenen Gedicht beginnt, bevor wahre Soundgewitter xcx dabei begleiten, wie sie „I think I’m gonna die in this house“ herausbrüllt. „House“ ist das Kernstück des Albums; es markiert einen neuen Weg, den xcx vermutlich einzuschlagen gedenkt, denn sie wird sich in Zukunft sicher nicht nur mit ihrer Rolle als reine Musikerin zufriedengeben. Diverse bereits angeschobene Projekte lassen darauf schließen.
„Wuthering Heights“ ist während der „Brat-Tour“ 2025 entstanden. Man kann mutmaßen, dass die Sehnsucht nach Salz und Pfeffer im künstlerischen Ausdruck irgendwann an die Tür klopfte, während Nacht für Nacht „sugarcoated“ Hyperpop zum Vortrag gebracht werden musste. Das entlastende, gegensteuernde Moment wird auf diesem Album hör- und sichtbar. Es überrascht in seiner Stringenz und Fremdheit, und wer etwas über Leidenschaft und Selbstaufgabe erfahren will, wird in jedem der zwölf Stücke fündig.
Diese Review erscheint im Musikexpress 04/2025.






