Kolumne

Von Cola bis Mio Mio Mate Banana: Ist Brause Pop?

Jan Müller erklärt, warum Tocotronic keine Brausen-, sondern eine Schorlen-Band sind.

Anruf vom ME-Chef Stephan Rehm Rozanes: „Wie sieht’s aus, was ist das Thema?“ Ich: „Wie, was, wo? Guten Morgen!“ Rehm Rozanes: „Die Kolumne! Montag ist Abgabe! Sagte ich doch.“ Ich: „Ach so, ja, weiß noch nicht.“ Rehm Rozanes: „Wie wäre es mit Protestliedern? Tocotronic ist doch ein einziges Meta-Protestlied und jetzt wo Bruce SpringsteenŒ…“. Ich (unterbrechend): „Ja, ääh, muss ich mir mal überlegen.“

Rehm Rozanes: „Ok, dann was anderes, dir wird schon was einfallen. Aber wo ich dich schon mal an der Strippe habe. Wie steht ihr denn eigentlich bei Tocotronic zu Brausen? Ich bin gerade in Kontakt mit einem führenden KI-Forscher und der vertritt die These, dass Tocotronic eine Brausen-Band sei.“ Ich (überrascht): „Ja, also Cola schonŒ…“. Rehm Rozanes (unterbrechend): „Ja, eben nicht Cola! Brausen!“ Ich (langsam wach werdend): „Also, der hat da schon einen Punkt. Bei den Proben gehe ich in den Pausen immer mit unserem Gitarristen Felix zum Späti und der wies mich auf die ,Mio Mio Mate Banana‘ hin. Ich habe mich total gewundert, dass ich das Zeug nicht kenne. Und auch Arne und Dirk kannten das nicht. Ich dachte zuvor, dass wir eine gute Übersicht über den Markt hätten.“

Rehm Rozanes (plötzlich sehr kurz angebunden): „Ja, super, das ist doch ein Thema, oder? Brausen sind Pop! Also, Montag dann!“ Klick. Ich liege auf dem Sofa und denke nach. Ist Cola eine Brause? Ist Mate Banana eine Brause? Ist Brause Pop? Will Rehm Rozanes mich verarschen? Das sind gar nicht so einfach zu beantwortende Fragen. Cola ist wohl eher ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk, wenn nicht gar ein Arzneimittel. Schließlich war der „Coca Cola“-Erfinder John Pemberton Apotheker. Er experimentierte jahrelang an dem Rezept herum, bis er dann endlich sein „neues Getränk für Intellektuelle“ (Eigenwerbung) auf den Markt brachte. Nicht ohne Grund wurde seine Erfindung oft kopiert. Nicht jede Imitation ist genießbar. Aber „Pepsi“, „Jolt Cola“, „RC-Cola“ („The other Cola from Atlanta“) und „Tropi-Cola“ sollte jeder kultivierte Mensch zumindest einmal im Leben getrunken haben.

Mit Mate schwang stets ein Hauch rückwärtsgewandter Gegenkultur mit

Auch „Mio Mio Mate Banana“ ist nur umgangssprachlich als Brause zu betrachten. Aber auch eine Subsumierung unter die Limonaden wäre falsch. Das Gebräu ist genauso wie Cola ein „koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk“. Ich wundere mich über mich selbst, dass ich mich von Felix anregen ließ, die Bananen-Mate zu probieren. Denn bisher hatte für mich alles mit Mate einen unguten Appeal. Es schwang stets ein Hauch rückwärtsgewandter Gegenkultur mit. Aber ich muss zugeben: Diese Bananen-Mate ist nicht übel. Das Beste daran: Das Zeug schmeckt überhaupt gar nicht nach Banane.

Vermutlich sind all diese Mate-Firmen auch tatsächlich weniger skrupellos als so manche Brausen-Abfüller. Aber noch konsequenter für alle, die den Trink-Kommerz ablehnen, wäre es doch, einfach Wasser zu trinken. Ich freue mich mindestens einmal im Monat, dass ausgerechnet der Anarcho Rio Reiser das Wasser „Staatlich Fachingen“ zu seinem Lieblingsgetränk erkoren hatte. Er kannte sich aus. „Fachingen“ schmeckt super, ist allerdings eher ein Salz als ein Wasser und inspirierte mich mit meiner Gruppe Dirty Dishes zu dem Track „Fachingen, staatlich“.

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Uns war nach mondäner Provokation

Aber zurück zu den Brausen. Immerhin haben wir mit meiner Band Tocotronic im Jahr 1999 in einem Song das Getränk „Sprite“ erwähnt „Doch was diese Grenzen anbelangt / So ist bekannt ja anerkannt / Dass sie meistens fließend sind / Das sagtest Du ein ,Sprite‘ trinkend“. Bezeichnenderweise trägt das Lied den Titel „Die Grenzen des guten Geschmacks 2“. Drei Jahre später wollten wir zunächst auch noch die Brause „Fanta“ in einem Song erwähnen: „Wo wir stehen kann jeder sehen / Das ist allgemein bekannt / Dass wir zwei uns gut verstehen / Wenn wir ’ne ,Fanta‘ trinken gehen“ hieß es ursprünglich in dem Song „Näher zu dir“. Allerdings entschieden wir uns dann schlussendlich für etwas anderes. Die „Fanta“ wurde durch Champagner ersetzt. Uns war nach mondäner Provokation. Und es entsprach auch viel mehr unserem damaligen Lebensstil.

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Bei unserem ersten Konzert im Jahr 1993 im Proberaum servierten wir hingegen den Gästen noch „Super Mario Brause“, „Crystal Pepsi“ und „Uludag“ (letzteres Getränk ist ein Kapitel für sich, wer sich informieren möchte, der höre den Track „1 Berg Money“ von Young Krillin ft. Yung Hurn). Heute sind wir mit Tocotronic so weit, dass wir uns für Alkohol gar nicht mehr, und für Brausen fast nur noch theoretisch interessieren. Wir sind im Schorlen-Stadium angekommen.

Bei Konzerten stürzen wir zwischen Hauptset und Zugabe literweise Apfelschorle hinunter. Noch besser wäre Birnenschorle. Aber die wird uns selten zur Verfügung gestellt. Und am allerbesten wären einige Flaschen „Contratherm-Hitzegetränk“ (60 kJ/100 ml). Diese Spezialität war nur in der DDR erhältlich und auch dort ging sie nicht in den freien Verkauf, sondern wurde ausschließlich direkt in Betrieben an Hitzearbeiter ausgeteilt. Ob das wohl als Brause galt? Ich ruf’ jetzt den Rehm Rozanes an und frage ihn.