„Ich zu sein ist ein Fulltime-Job“ – Die Shirin-David-Doku
Zwischen Arena-Auftritten und Kontrollzwang: Die Netflix-Doku „Barbara – Becoming Shirin David“ zeigt einen Popstar am Limit und den Menschen dahinter.
Am Anfang steht keine Arena, kein roter Teppich, kein Award.
Am Anfang steht eine Schaukel in einem Garten in Kaunas, Litauen. Ein alter Wasserbrunnen. Ein Wohnzimmer, das eher nach slawischem Stereotyp als nach Popstar-Luxus aussieht. Auf dem Sofa sitzt eine Frau im Jogger und sagt: „Mein Name ist Shirin Barbara Davidavicius.“
Hier nennt sie niemand „Superstar“. Ihre Mutter sagt „Babsi“, manchmal „Barborytė“. In Litauen ist sie nicht der Headliner, sondern die Tochter, die Schwester und das Mädchen, das jeden Sommer sechs Wochen in diesem Haus verbracht hat. Dass die Doku genau hier beginnt, ist kein Zufall, sondern Programm: Bevor es um Chartplatzierungen, Bambi-Auftritte oder Arena-Touren geht, erzählt „Barbara – Becoming Shirin David“ (Regie: Michael Schmitt, Netflix, 2026) von dem Menschen hinter der Kunstfigur – und davon, wie schwer es geworden ist, diesen Menschen zu schützen.
Die zentrale Frage bleibt: Was passiert mit jemandem, der eine so kontrollierte Popfigur erschafft – und irgendwann merkt, dass diese Figur größer geworden ist als er selbst? Vier Erkenntnisse aus der Doku:
1. Barbara vs. Shirin: Wenn die Figur die Person verdrängt
Der Start in Kaunas setzt sofort den Ton. Statt heroischem Karriere-Rückblick sehen wir Babsi: die Tochter, die auf dem durchgesessenen Sofa ihrer Mutter schläft. Wenn Shirin über diese Seite spricht, sagt sie: „Mit Shirin verbinde ich diese perfekte – nach außen hin – Person, und Barbara ist irgendwie mein innerstes Ich.“
Die Doku macht daraus kein verstecktes Motiv, sondern ihr Programm. Shirin sagt früh: „Das Thema Barbara vs. Shirin ist, glaube ich, Kern dieser Doku.“ In Deutschland sehen wir Shirin David: eine Marke mit Hochglanz-Ästhetik, „Boss Bitch“-Attitüde und durchinszeniertem Image. In Litauen sehen wir Babsi: jemanden, der sich nie wirklich deutsch, sondern immer litauisch gefühlt hat, jemanden, der sagt, dass er sich in Kaunas „immer wie ich selbst“ fühlt – eben wie Babsi, nicht wie die Rapperin auf dem Plakat.
Die Doku schneidet diese Welten gegeneinander: hektische Proben, Meetings, Promotion-Tage und Bambi-Auftritte in Deutschland stehen entschleunigten Tagen in Kaunas gegenüber, in denen es um Sommerferien, Stromrechnungen und eine alleinerziehende Mutter geht.
Shirins Manager Taban bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, diese Doku wird darum gehen, dass da ein Mensch ist, Barbara, und die hat Shirin David erschaffen – aber eigentlich ist Barbara so verletzlich.“ Je größer die Kunstfigur wird, desto weniger Platz bleibt für diese verletzliche Barbara. Genau diesen Preis fängt die Doku klar ein.
2. Kontrolle, Therapie und die Angst vor dem Loslassen
Wer Shirin David nur aus Videos oder Kampagnen kennt, bekommt in der Doku vor allem eines zu sehen: eine Frau, die alles kontrollieren will – und muss. Bei einer Probe für den Bambi sitzen Shirin und ihre Tänzerinnen über einem Handy und analysieren die Aufnahme Frame für Frame. Sie beschwert sich über Schatten in den Gesichtern, frustriert: „Wir sind drei Stunden nur am Korrigieren, damit es heute noch schlechter ist als gestern? Wow, das ist eine Leistung.“
Details sind für sie keine Spielerei, sondern Überlebensstrategie: „Details sind das, was eine Show ausmacht, jeder Winkel, jeder Licht-Change, ich habe keinen Raum für Fehler.“ Sie sagt, sie sei „obsessiv“ mit ihrer Arbeit und habe „eine ganz klare Vision von mir selber nach außen hin“.
Trotz all dieser Kontrolle bricht Angst durch. Bei der Bambi-Probe hat sie plötzlich Höhenangst, spricht von Knien aus Pudding. Nach den Proben sitzt sie weinend da: „Wie kann es sein, dass ich einen Bambi für Musik bekomme, wenn ich nicht einmal diese Probe perfekt machen kann?“ Taban entgegnet trocken: „So wirst du niemals in deinem Leben glücklich werden.“
Hier öffnet die Doku ein zentrales Thema: Therapie. Shirin sagt: „Ich muss einfach zur Therapie. Ich muss irgendetwas machen.“ Gleichzeitig stemmt sie sich dagegen – aus panischer Angst vor Kontrollverlust. In einer starken Szene drängt Taban sie, die neue Single auf Social Media zu promoten: „Deine Arbeit kommt nicht bei den Leuten an, wenn du sie nicht teilst.“ Ihre Antwort: „Besorg mir erst einen guten Therapieplatz, bevor ich mich wieder einer Öffentlichkeit aussetze, die mich zerstört hat.“ Sie wünscht sich eine weibliche Therapeutin mit Migrationshintergrund, jemanden, der ihre Welt versteht.
Auf dem Sofa neben Schwester Pati wird es greifbar. Pati schwärmt: „130 Euro für 50 Minuten, top“ – Therapie als normaler Selbstschutz. Shirin kontert, sie sei sicher, eine Therapeutin würde abends Freund:innen alles über ihre Ängste und Traumata erzählen. Sie gibt zu: „Therapie brauche ich sehr, sehr dringend“ – doch genau hier setzt ihre Panik ein. Therapie wäre der einzige Raum, in dem sie ihr Bild und das, was daraus gemacht wird, nicht mehr steuern könnte. Das Vertrauen fehlt.
„Barbara – Becoming Shirin David“ zeigt ein Popstar-Paradox: Die Kontrolle, die einen nach oben bringt, macht jede Hilfe verdächtig – weil Hilfe auch Kontrollverlust bedeutet.
3. Internet-Hass: Von der lauten YouTuberin zur kontrollierten Marke
Wenn Shirin über ihre frühen YouTube-Jahre spricht, liegt Wärme in ihrer Stimme. Mit 19 lädt sie ihr erstes Video hoch und gehört zu der Generation, die YouTube in Deutschland groß gemacht hat. Rückblenden zeigen eine andere Shirin: laut, hyperaktiv, ständig lachend. „Das war mit Abstand die schönste Zeit in meinem Leben“, sagt sie. YouTube gab ihr die Chance, zu zeigen, „wie cool ich eigentlich bin“ – Revanche an den Schulmobber:innen.
Die Outcast-Story aus der Schulzeit ist konkret: Eine SchülerVZ-Gruppe hieß „Ich hasse Barbara“. Sie war nie bei den Beliebten. Zu YouTube-Zeiten denkt sie: „Wartet ab. Die, die mich gemobbt haben – euch werd ich es richtig zeigen.“
Immer wieder eingeblendete Hasskommentare stammen aus den letzten Jahren. Sie werden mit Usernamen gezeigt und drehen sich hauptsächlich um ihr Aussehen und ihren Körper; viele beinhalten Gewaltfantasien gegen Shirin. Zwischen den Lebensjahren 24 und 26 war die Auswirkung für sie extrem: „Jeder Dreh war eine Qual, vor die Tür zu gehen war eine Qual.“ – „Bei mir hat der ganze Hass im Internet dazu geführt, dass ich zwei Jahre lang nicht aus dem Haus gegangen bin.“
Mutter Erika brauchte „drei Monate“, um die Kommentare zu verkraften. Taban stellt klar: Fürs Internet ist Shirin „ein Objekt“ – viele vergessen die Barbara dahinter, „die ein Mensch ist“. Der Effekt: Die spontane YouTuberin wird zur kontrollierten Marke. Shirin nennt es „Liebes- und Hasswelle“ seit elf Jahren; Selbstschutz entsteht durch Zurückhaltung, deswegen zeigt sie mittlerweile „nur das fertige, perfekte Produkt“. Der Preis: „Du hast keinen Raum mehr, unperfekt zu sein. Es ist wie ein Minigefängnis.“
In Zeiten, in denen Social Media „Authentizität“ feiert, wirkt das wie eine kalte Dusche. Nahbarkeit wird eingefordert – und für Abweichungen wird sie bestraft. Shirin antwortet mit mehr Kontrolle. Die Doku zeichnet diesen Wandel schmerzhaft nach.
4. Postfeministischer Popstar: Empowerment im Räderwerk des Kapitalismus
Ihr Verhältnis zum Image ist faszinierend. Shirin spricht offen: Ihre Karriere hängt mit Optik zusammen – und sie profitiert davon. „Ich hab viel Aufmerksamkeit für meine Optik bekommen, ich habe von jeder OP profitiert.“ Zugleich stellt sie fest: „Berichte über mich landen immer beim Aussehen. Das gibt es bei Männern nicht.“
„Ich bin ein Teil des Rades, das man Kapitalismus nennt. Ich verdiene daran Geld, aber ich leide auch darunter.“ Ihre „Musik GmbH“ sei „Plus-Minus-Null“, alles wird reinvestiert, „damit das Rad sich weiterdreht“. Mani-Pedi? Früher war das für sie ein Luxus, heute ist es Arbeit – Teil eines Jobs, in dem der eigene Körper permanent öffentlich verwertbar sein muss.
Die Medienforscherin Rosalind Gill nennt das „postfeministische Sensibilität“: Frauen inszenieren sich als selbstbestimmte, emanzipierte Subjekte – bleiben aber Objekte ständiger Bewertung.
„Becoming Shirin David“ zeigt dieses Paradox sehr deutlich. Empowerment und Objektifizierung existieren nicht getrennt voneinander, sondern parallel. Die Doku versucht dieses Spannungsfeld nicht aufzulösen – und genau das macht sie interessant. Statt einer klaren Antwort bleibt vor allem eine Ambivalenz: Shirin David ist gleichzeitig Produkt dieses Systems und eine seiner erfolgreichsten Architektinnen.
Shirin lebt das: ein hyperfeminines Image als Macht- und Geldquelle – und trotzdem leidend unter den Blicken. Bei Galas fühlt sie sich „wie ein Clown“: „Ja, sie macht Musik, aber lass uns über ihr Aussehen reden.“ Ungeschminkte Paparazzi-Fotos und „zwei Gesichter“-Storys verstärken das Gefühl der Fremdheit.
Ein vorsichtiger Wendepunkt
Am Ende steht kein klassischer Triumph. Die Arena-Tour 2025 findet statt, trotz „sechsmal abgesagter“ Gedanken. Sie steht vor Tausenden und feiert ihre „G-Unit – die Girls und Gays“, die durch sie Kräfte schöpfen. Darin findet sie die erhoffte Bühnenfreude wider: „Superstar-Modus mit Babsi drin.“
Nach einer Show sagt sie: „Ich glaube, das komische Gefühl ist, dass ich stolz auf mich bin.“ Ihre Schwester beobachtet das alles und sagt: „Eine Verschwendung, dieses Leben nur durchzuarbeiten – sie sollte es genießen.“
Die bleibenden Momente sind nicht die des kommerziellen Erfolgs, sondern die des inneren Kampfes: Im Auto mit Mama sagt Shirin, ihr größtes Problem sei die Arbeit, sie wolle „mehr als nur Arbeit“, habe keine Freund:innen, kaum Privatleben. Ihre größte Angst: mit 50 zu merken, zu wenig Zeit mit Liebsten verbracht zu haben.
Die Doku endet mit ihrem Geburtstag, umgeben von Familie und Team. „Babsi Bars“ läuft im Hintergrund, und Shirin zieht ein Résumé: „Wichtig ist, dass Barbara diesmal glücklich ist – und nicht immer nur Shirin. Für Shirin hab ich hart gearbeitet, für Barbara noch nicht so viel.“
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis von „Barbara – Becoming Shirin David“: Der Film erzählt nicht die Story eines problemfreien Aufstiegs und beschäftigt sich ebenso wenig mit den Skandalen um die Figur Shirin David, sondern mit dem Versuch, in einem System aus Kapitalismus, Internet-Hass und Popstar-Perfektion überhaupt noch so etwas wie ein Innenleben zu retten. Ohne Barbara gäbe es keine Shirin – aber je größer Shirin wird, desto dringlicher wird die Frage: Wie viel Platz bleibt für Babsi?






