Kolumne

Wir klackern! Raye, Shirin David und die Stärke des Kollektivs

Paula Irmschler über Rayes „Click Clack Symphony“, die Shirin-David-Doku & aktuelle Debatten um Gewalt gegen Frauen.

Nein, nein, nein! Diesmal schreib ich nix über männliche Gewalt in meiner Kolumne!

… würde ich sagen, wenn ich es nicht doch täte. Ach, wäre man nur ein männlicher Autor, für den die Sicherheit von Frauen nur ein Thema von vielen ist, in das er mal hier und da reindippen kann – und beim nächsten Mal schreibt er halt wieder was über Computer oder so (wofür interessieren sich Männer nochmal?), weil er das mit der sexuellen Gewalt so gut von sich abspalten und auf andere Männer auslagern kann und sich von der Justiz einordnen lässt, was er für moralisch richtig hält.

Nicht alleine

Jedenfalls will ich darüber schreiben, dass wir – die wir uns seit einer Woche mal wieder vor allem mit nur einem Thema beschäftigen – das alles nicht alleine machen müssen.

Den konkreten neuen Fall habt ihr mitbekommen, die Recherche dazu las man beim „Spiegel“. Die Debatte handelt von sexueller Gewalt – im Internet und im echten Leben. Die Täter gibt es oft im Nahbereich, manchmal sind es Fremde. Sie sind männlich.

Wie viel ihr über den konkreten Fall wisst, hat natürlich damit zu tun, wie viel Zeit ihr habt, euch damit zu beschäftigen. Am wichtigsten ist vielleicht zunächst, sich diese Reportage anzusehen, durch die Collien Fernandes bereits 2024 geführt hat.

Seit dem Erscheinen des „Spiegel“-Artikels sieht man Menschen noch häufiger allein vor ihrem Handy sitzen: Die einen gucken sich Content an, die anderen machen ihn. Betroffene, wütende, entschlossene, zynische, lakonische, traurige Gesichter mit Statements, Anklagen, Hoffnungen, Einordnungen, Hot Takes und so weiter. Wir kennen das. Es ist die neueste feministische Kampagne nach unzähligen zuvor, die neueste Hoffnung, dass die Männer doch endlich aufhören mögen mit ihrer Scheiße, und die kollektiven Überlegungen, wie es denn endlich dazu kommen könnte. Schon wieder ein prominenter Fall, eine weitere Ungeheuerlichkeit – online, offline – ich muss hier nichts Weiteres aufzählen und nichts wiederholen. Man hört ja davon, war dabei, teilweise unsere Mütter schon und die Großmütter auch.

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Die Shirin-David-Doku und das Versprechen des Hyperindividualismus

Es gab noch ein zweites, viel besprochenes Thema in der deutschsprachigen Popkultur-Besprechungslandschaft: die Shirin-David-Doku auf Netflix. Die meisten Rezensent:innen waren sich einig, dass sie nicht gut ist – die Begründungen: zu unauthentisch, zu inszeniert, sie kommt nicht gut weg, sie kommt zu gut weg, es gibt keine richtige Handlung, die Storyline wurde zu stark aufgeblasen. Shirin David ist offenbar auch kein Fan des Ergebnisses: Weder bewarb sie das Ding, noch gibt es einen richtigen Trailer.

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Ich finde die Doku spannend, weil sie etwas zeigt, worüber wir einander nicht länger anschwindeln können: Es ist nicht gut, allein zu sein. Der herrschende Hyperindividualismus und das Versprechen, dass wir es alle an die Spitze schaffen können, zeigt sich selten so klar wie hier als Sackgasse. Shirin David will sich inszenieren, will ein Superstar sein, wird von sich selbst und anderen als Perfektionistin gelabelt – aber um welche Perfektion es dabei geht, bleibt unausgesprochen. Es geht darum, ein perfektes Produkt zu sein, es geht um das Glücksversprechen hinter Reichtum und Ruhm und darum, wie man es am besten personifiziert. Wer das versucht, hat keine Zeit, keine Freunde, kein wirkliches Glück, sondern muss in diesem Reichtum und Ruhm aufgehen. Es gibt aber nichts daran, was wirklich erfüllend ist. Weil es immer nur alleine geht.

Dass es „lonely at the top“ ist, ist keine neue Erkenntnis. Aber wie sehr heutige Superstars und ihre Fans und Beobachter:innen verdrängen, dass das das eigentliche Problem sein könnte, scheint neu – womöglich, weil eh alle vereinzelt sind. Daher geht es vielleicht neuerdings in all diesen Dokus immer um „Mental Health“ als Charaktereigenschaft des jeweiligen Superstars. Er soll von seiner menschlichen Seite gezeigt werden, damit er mehr relatable ist und wir weiterhin glauben können, wir könnten an seiner Stelle sein. Wir müssen es nur versuchen, notfalls mit Hilfe von Therapie. Nicht die Musikindustrie ist das Problem, nicht die Beautystandards, die Hustle-Kultur und die ständige Bewertung durch die Öffentlichkeit – sondern nur, dass man damit nicht gut umgehen kann. So wird es erzählt. Müssen. nach. oben. Und. dann. dort. allein. sein.

Aber es gibt noch etwas anderes als arm allein zu sein oder reich allein zu sein. Wir müssen nicht allein in unseren Wohnungen vor dem Handy hocken. Oder im Backstage. Oder im Pausenraum. Wir können uns alle zusammentun und dafür sorgen, dass wir ALLE kriegen, was wir brauchen. Das machen wir zusammen – dann muss auch niemand perfekt sein und sich ständig optimieren.

Wir wissen Bescheid – und wir müssen nicht warten

Wir müssen dafür auch nicht auf die Mithilfe der Männer warten, die uns ja schon seit Ewigkeiten ziemlich genau erzählen und zeigen, wie sie drauf sind (auf der Straße, am Stammtisch, mittels Pornokategorien, auf Datingapps, durch die Arbeitsverträge, die sie anbieten, und in ihrer Kunst) …

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Ja, wir wissen Bescheid.

Deshalb: LEAVE THIS HOUSE!

Wie Raye sagt. Diese Kolumne ist im Grunde vor allem durch ihren neuen Song inspiriert.

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Rayes „Click Clack Symphony“: Hoffnung als Haltung

„Click Clack Symphony“. Schickt ihn all euren Freundinnen!

„Read the room“ möchte man niemals zu Raye sagen, weil sie bitte weiterhin genau das machen soll, was gerade niemand tut – nämlich in diesem Fall: Hoffnung verbreiten (so wird auch ihr am Freitag erscheinendes Album heißen: „This Music May Contain Hope“).

„She’s empowered by the sound of us marching“, singt sie, und selten war der Begriff „Empowerment“ besser angebracht als bei diesem Song. Bei mir hat sich wirklich ein Fenster geöffnet, das ich einige Monate fest verammelt hatte – aus lauter Verzweiflung. Jetzt will ich raustanzen, mit meinen Freundinnen losmarschieren wie Raye, beziehungsweise gleich wie die damals sogenannten „Fischweiber“ Versailles stürmen oder zumindest die Arbeit niederlegen, streiken, demonstrieren. Hauptsache: uns endlich nehmen, was uns gehört.

Ob die Männer dabei sind, ist mir mittlerweile egal. „Decenter men“, wie viele es gerade fordern – das heißt für mich: Ich will auch nicht mehr wissen, was mit ihnen ist, was sie umtreibt, was sie geil macht und warum sie gewalttätig gegenüber Frauen werden. Und auch ob „die Gesetze“ geändert werden, juckt mich nicht am allerstärksten. Auch wenn ich die Forderungen nach Anerkennung und Konsequenzen verstehe und teile, kann der Ruf nach der Justiz nicht der Hauptfokus sein. Weil wir damit nichts verhindern und oft nur scheinbar Gerechtigkeit herstellen. Und weil die Art, wie Leute bestraft und eingesperrt werden, Teil des patriarchalen Kapitalismus ist. Besser erklärt diesen (juristischen) Fokus des Feminismus, den man im US-amerikanischen „Carceral Feminism“ nennt (geprägt von der Soziologin Elizabeth Bernstein), die Anwältin, Abolitionistin, Autorin und YouTuberin Olayemi „Olay“ Olurin – und sie bezieht sich dabei auch auf einige Fälle um bekannte Persönlichkeiten.

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Besser: Wir verlassen uns aufeinander, wir legen gemeinsam fest, was Gerechtigkeit bedeutet, wir arbeiten an einer Welt, in der Probleme nicht einfach weggesperrt werden, in der die Opfer im Fokus stehen und im besten Fall die meiste Gewalt gar nicht mehr passiert. Und während sie „Selbstjustiz“ rufen, sagen wir: Selbstbestimmung. Oder, um es mit Raye zu sagen: „Who let the girls out? I did, I did, darling“.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.