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More than a woman: Aaliyah und ihr Vermächtnis

More than a singer – mehr als ein R’n’B-Postergirl: Nirgendwo zeichnete sich in den 90ern die Popmusik des nahenden Millenniums so deutlich ab wie bei Aaliyah. Mit softer Stimme, futuristischen Beats und mühelosem Swag erfand sie ein neues Popideal, dessen Spuren bis in die Gegenwart führen.

Man möchte wirklich nicht mit dem Tod anfangen. Aber es gibt Karrieren, die man vom Ende her erzählen muss, um sie besser zu verstehen. Die von Aaliyah endet am 25. August 2001. Das neue Jahrtausend ist noch jung, doch das Album, das sie gerade herausgebracht hat, erfüllt schon viele seiner Verheißungen und klingt bereits wie die Zukunft, in der wir heute, so viele Jahre später, noch leben. Nach Dreharbeiten für ein Video ist Aaliyah an diesem Tag auf dem Rückweg von den Bahamas, als die zweimotorige Cessna kurz nach dem Start abstürzt. Später stellt sich heraus, dass nicht nur das Flugzeug sein zugelassenes Gewicht um mehr als 400 Kilogramm überschritt, sondern der Pilot auch Spuren von Kokain und Alkohol im Körper hatte (und zudem keine Berechtigung für den Flugzeugtyp). Aaliyah und acht weitere Personen sterben. Sie ist 22 Jahre alt.

Wegen ihres tragischen, viel zu frühen Todes nannte die US-Zeitung „Washington Post“ sie einmal „HipHop’s Lady Di“. So kitschig das klingt – es stimmt ein bisschen. Wie ihr royales Pendant war auch die „Princess of R’n’B“ gerade dabei, sich jenseits der Männer, die ihre frühe Karriere geprägt hatten, und der Rollen, die für Frauen in ihrem Bereich vorgesehen waren, vollends zu entfalten. Und ob man nun an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht – es gibt wenige Popstars, die man sich so gut im Himmel vorstellen kann wie Aaliyah. Bereits zu Lebzeiten wurde sie von Freund:innen und Kolleg:innen oft als engelsgleich beschrieben. Und das Video zu „Rock The Boat“, der letzten Single, gleicht einer Szenerie wie aus einem karibischen Afterlife: strahlender Sonnenschein, sanft plätscherndes Wasser, alle tragen Weiß. Es wirkt friedlicher, sanfter als in früheren Videoclips.

Vom aufstrebenden Star zur Popikone

Die visionäre Künstlerin mit den weiten Baggy Pants und schwarzen Sonnenbrillen war 2001 gerade erst auf dem Weg vom aufstrebenden Star zur Popikone. Trotzdem ist der Einfluss, den sie auf die Musik und Kultur der letzten 25 Jahre hatte, längst über den kleinen Katalog hinausgewachsen, den sie hinterlassen hat. Nur drei Alben reichten für eine vergleichbare Mythologisierung wie bei Tupac Shakur oder Kurt Cobain. Und das, obwohl zwei der drei Platten wegen rechtlicher Streitigkeiten auf keinen Streaming-Portalen verfügbar waren.

Grund dafür ist vor allem die musikalische Innovation im R’n’B der späten 90er, die sie zusammen mit Timbaland und Missy Elliott durchsetzte. Aaliyah brachte das Genre auf den Weg ins 21. Jahrhundert. Songs wie „More Than A Woman“ und „Are You That Somebody?“ sind erstaunlich gut (oder fast gar nicht) gealtert. Statt von traditionellen Soul-Samples oder 90er-Midtempo werden sie von minimalistischen, futuristischen Beats angetrieben. R’n’B zu progressiven Beats? Was heute so normal klingt, machte in den 90ern wirklich niemand.

R’n’B ist damals eher sanft und sexy wie bei Boyz II Men und Usher, oder volltöniges High Drama wie in den Powerballaden von En Vogue oder Alicia Keys. Überhaupt sind Radio und Musikfernsehen um die Jahrtausendwende voll mit Sängerinnen, die eifrig viele Töne in einzelne Songzeilen packen. Aaliyahs Gesang ist viel fließender, cooler und zurückgenommener. Sie scheint durch ihre Songs zu schweben. Alles wirkt mühelos. Ihre Songs packen einen nicht, sie hypnotisieren.

Wenn man heute versucht, sich in diese Zeit zurückzudenken, dann muss AALIYAH, ihr drittes Album, das nur ein paar Wochen vor dem Flugzeugabsturz im Juli 2001 erscheint, wie ein Quantensprung gewirkt haben. Aber noch einmal einen Schritt zurück.

Zwischen Erfolg und Missbrauch

In den fünf Jahren seit ihrem zweiten Album ONE IN A MILLION (1996) hatte sie eine enorme persönliche und künstlerische Entwicklung durchgemacht. Zwischen Studiosessions hatte sie mit der Schauspielerei angefangen, in einigen Filmen mitgewirkt („Romeo Must Die“, „Queen Of The Damned“) und war bereits für ein paar weitere Projekte gecastet („The Matrix Reloaded“, „Charlie’s Angels“). Nebenbei arbeitete sie an vielen Soundtracks (einer der Songs, für den Animationsfilm „Anastasia“, ist sogar für einen Oscar nominiert) und modelte für das damals sehr angesagte Label von Tommy Hilfiger. Der Weg zum Crossover-Superstar schien geebnet.

Das ist die eine Seite. Heute wissen wir, dass es im Licht dieser Erfolge auch viel Dunkles für die junge Frau zu bewältigen gab. 1995 hatte sie eine berufliche und sexuell missbräuchliche Beziehung mit R. Kelly beendet, der ihr Debütalbum produziert hatte.

1979 in New York als Aaliyah Dana Haughton (gesprochen: Ah-lii-jah) geboren und in Detroit aufgewachsen, ist die extrem begabte Aaliyah schon mit zwölf Jahren bei Blackground, dem Label ihres Onkels Barry Hankerson, unter Vertrag. Hankerson war in den 70ern mit Gladys Knight verheiratet gewesen und nutzte seine Connections, um seiner Nichte einen Vertriebsdeal mit Jive Records zu sichern. Bei Jive bringt man sie mit R. Kelly zusammen, der ihr Debütalbum produzieren soll. Sie ist 14, er 26. AGE AIN’T NOTHING BUT A NUMBER verbindet den New-Jack-Swing-Sound dieser Zeit mit Aaliyahs ätherischer Stimme. Das Album ist 1994 mit zwei Top-10-Singles ein großer Erfolg, wird aber noch im gleichen Jahr von einem Skandal überschattet: der heimlichen und rechtswidrigen Hochzeit von Aaliyah. Ihr Alter ist auf der Heiratsurkunde mit 18 angegeben, während sie tatsächlich erst 15 ist. Wie erst viele Jahre später herauskommt, besorgt ihr Kelly falsche Ausweispapiere und fädelt die Hochzeit ein – um sie wegen einer angeblichen Schwangerschaft ruhig zu stellen.

Ihr letztes Album ist die Blaupause für den Pop unseres Jahrhunderts

Es ist kompliziert – sowohl für Fans als auch für Kritiker:innen –, diese frühe Zeit von Aaliyahs Karriere mit dem Rest ihres Werks in Einklang zu bringen. Am liebsten würde man den Namen R. Kelly gar nicht mehr in den Mund nehmen. Schon gar nicht, wenn man über eine so einzigartige Popmusikerin spricht. Weil man nicht will, dass ihr Name für immer mit dem ihres Peinigers in Verbindung gebracht wird. Und vielleicht, weil es besonders schmerzt, das Bild dieser selbstbewussten, coolen jungen Frau mit dem sexuellen Missbrauch und den widerlichen Machtstrukturen der Musikindustrie zusammenzudenken. Trotzdem ist es wichtig, auch diesen Fall im Licht von #MeToo neu zu bewerten und nicht wie Mitte der 90er unter den Teppich zu kehren.

So richtig besorgt scheint damals bei Jive jedenfalls niemand zu sein. Im Gegenteil: Die Diskrepanz zwischen ihrem tatsächlichen und ihrem wahrgenommenen Alter ist von Anfang an Teil des vom Label vermarkteten Images – was „Lolita-Fantasien“ beschwören soll, wie Dream Hampton 1996 angewidert in „Vibe“, dem wichtigsten HipHop-Magazin der Zeit, anmerkt. Die Musikjournalistin ist viele Jahre später eine der Produzentinnen der Doku-Serie „Surviving R. Kelly“, die für ihn der Anfang vom Ende ist: Kelly, dessen gesamte Karriere von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und Kinderpornografie begleitet war, wurde erst 2021 in mehreren Fällen verurteilt und sitzt eine 31-jährige Gefängnisstrafe ab. 1994 kann er die Sache aber noch herunterspielen. Die Ehe wird annulliert. Auch Aaliyah selbst will sich von all dem in erster Linie distanzieren.

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Die Wende mit Timbaland und Missy Elliott

Es gibt in dieser Zeit wohl mehrere Big-Name-Produzenten, die wegen der Sache nicht mit Aaliyah zusammenarbeiten wollten (klassische Täter-Opfer-Umkehr). Auch das Label ist besorgt, ihre Karriere könne ohne Kelly ins Stocken geraten. Tatsächlich stellt sich der Bruch jedoch als großer Glücksfall heraus, der die Sängerin bei der Arbeit am zweiten Album zu einem aufstrebenden Songwriting-Production-Duo führen soll: Missy Elliott und Timbaland haben zwar ein paar erste Erfahrungen (Missy als Songwriterin für R’n’B-Künstler wie Jodeci und Aaron Hall, Timbaland als Produzent von Ginuwines „Pony“), sind aber noch längst nicht als die Creative Force etabliert, als die wir sie heute kennen. Das ändert sich durch die Zusammenarbeit mit Aaliyah. „Tim und ich waren ja noch ganz neu im Business“, erzählte Missy 2001 in einem Interview. „Aber Aaliyah hatte vom ersten Tag an so viel Vertrauen in unsere Musik. Sie hat uns behandelt, als hätten wir schon eine Million Platten verkauft.“

Aaliyah beweist gutes Gespür. Das gemeinsame Album ONE IN A MILLION ist genau das, was das Genre zu dieser Zeit braucht: eine Komplettüberholung. Es ist clever, unterhaltsam, inspiriert von Cyber-Goth und Sci-Fi-Samples – und es klingt nach Zukunft.

So lange schon werden Rap-, R’n’B- und Pop-Produktionen von dichten Drum-Patterns und wabernden Subbässen dominiert, dass man leicht vergessen kann, wie revolutionär Timbalands Stil 1996 war. Was da plötzlich auf MTV und im Radio lief, muss sich wie eine holprige Übertragung aus dem nächsten Millennium angefühlt haben. Jedes Mal, wenn die Hi-Hats im Titelsong nervös flackern, scheint die Zeit zu glitchen, vorwärts zu springen und dann wieder zurück zu flutschen. Der Effekt passt zu den Lyrics: Aaliyah singt davon, sich so sehr in jemanden zu verlieben, dass die Anziehungskraft die Realität verschiebt. Ihre smoothe Stimme ist der perfekte Gegenpart zur hektischen Produktion. Niemand gleitet damals so leicht und cool durch Timbalands Beats wie sie. Und im Video dazu sieht sie mit ihren tiefsitzenden Hosen, bauchfreien Oberteilen und der silbernen Augenklappe aus wie die Femme fatale aus einer urbanen Science-Fiction-Dystopie.

Es gibt Leute, die sagen, aus popmusikalischer Perspektive beginne das 21. Jahrhundert schon hier: 1996, mit Aaliyah und Timbalands Hi-Hats. Oder allerspätestens 1998: mit „Are You That Somebody?“ (entstanden für den Soundtrack des Eddie-Murphy-Blockbusters „Dr. Dolittle“).

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Street but sweet: der Durchbruch zur Ikone

Schon früher in ihrer Karriere hatte man Aaliyah das Etikett „street but sweet“ verpasst. Mit der bahnbrechenden Single wurde sie endgültig zu dem Superstar, an den wir uns heute erinnern: smart, tough, geheimnisvoll, cool, geschmeidig. Das liegt vor allem daran, wie sie durch die Beatproduktion navigiert. Denn die ist completely bonkers, wie die Amerikaner:innen sagen: eine wahnwitzige Konstruktion aus irren Drum-Patterns, Beatboxing-Sounds, die wie kaputte Kastagnetten klingen, und dem Sample eines Baby-Gurrens (extrahiert aus einem Prince-Song). Das ist die erste Hälfte der Erklärung, warum der Song bis heute ganz vorne auf vielen 90er-Bestenlisten auftaucht. Die zweite Hälfte ist Aaliyahs fluide Gesangs-Performance, die die Bizarro-Beats zusammenhält. Es ist die Art und Weise, wie sie zwischen sanfter Sehnsucht und komplexen rhythmischen Kontrapunkten hin und her springt. Und dann der Moment im Refrain, wenn sich ihre Stimme endlich ganz mit der wankenden Bassline verschmilzt: „causeIreallyneedsomebody / tellmeyou’rethatsomebody“ (versuchen Sie mal, den Song in einer Karaoke-Bar nachzusingen – es ist unmöglich).

Aaliyah ist das Symbol einer Übergangszeit. Sie ist das Bindeglied zwischen Sound und Ästhetik zweier Zeitalter: der analogen 90er-MTV-Welt und der herannahenden digitalen Ära. Nirgendwo deutet sich die Zukunft der Popmusik in den 2000ern, in der HipHop, Synth-Pop, R’n’B und viele andere Genres zu einem hybriden Sound verschmelzen werden, zum ersten Mal so strahlend hell an wie auf ihrem dritten und letzten Album, das sie in einer Geste von wholesome Empowerment nach sich selbst benennt: AALIYAH.

AALIYAH: ein Meisterwerk der Selbstermächtigung

Es erscheint 2001 kurz vor ihrem Tod und ist ein Meisterwerk. 15 Songs von beeindruckender Bandbreite, alles zusammengehalten von Aaliyahs fantastischer Falsettstimme und mehrstimmigen Harmonien. Jeder einzelne Song ist großartig. Die Singles „We Need A Resolution“, „More Than A Woman“ und „Try Again“ sind experimentell, aber trotzdem catchy. Und auch die Albumtracks glänzen: Da ist der verdichtete Electronic-Rock in „What If“ oder die verregnete Retro-Soul-Ballade „Never No More“ mit emotionalen Lyrics über die Zurückweisung eines missbräuchlichen Partners (es ist schwer, Zeilen wie „I’m tellin’ you never to touch me no more“ nicht als Aufarbeitung der Beziehung zu R. Kelly zu lesen). „U Got Nerve“ und „I Refuse“ basieren auf ähnlichen Themen wie Vertrauensbruch, Manipulation und Selbstbehauptung. Heute würde man sagen: Aaliyah erkennt und benennt hier Red Flags.

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Überhaupt ist die Platte von feministischen Narrativen durchzogen: Vorstellungen von gleichberechtigten Partnerschaften, die Ablehnung von Macho-Verhalten oder – in der finalen Single „Rock The Boat“ – mit butterweicher Falsettstimme vorgetragene, präzise Anleitungen, wie sie befriedigt werden möchte („New position, new position / Now stroke it, baby, stroke it for me“). In vielerlei Hinsicht ist AALIYAH der Sound ihrer Selbstermächtigung als junge Frau – kreativ und inhaltlich.

Aaliyah war mit ihren 22 Jahren noch nicht die Songwriterin, die sie vielleicht noch hätte werden können. Viele der Texte auf AALIYAH stammen vom (ebenfalls viel zu jung verstorbenen) Sänger und Songwriter Static Major. Aber ähnlich wie bei Beyoncé oder Drake war sie eine überaus talentierte Kuratorin. Sie hatte ein außergewöhnliches Gespür dafür, die subtilen Shifts in Kultur und Pop im Blick zu haben, Trends und Sounds vorauszuahnen, die innovativsten Leute ins Studio zu holen und dann die richtigen Songs und Lyrics auszuwählen.

Stil-Ikone mit androgynem Swag

Einflussreich war nicht nur ihre Musik, sondern auch ihr Stil: Baggy Pants mit herausguckenden Calvin Kleins, Sonnenbrillen, lange Ledermäntel (lange vor „The Matrix“), strassbesetzte Bikini-Tops, das seitlich ins Gesicht hängende Haar, der ganze mühelose Swag. Aaliyahs androgyne, tomboyhafte Mode mit futuristischem Glam hatte enormen Einfluss auf die Mode der Nullerjahre. Ihr Stylist erzählt später: „Sie hat nie versucht, den anderen Girls, die sexy sein wollten, nachzueifern. Als ich sie kennenlernte, war sie ein junges Mädchen, und genau das wollte sie auch einfach sein.“ In einer Ära, die noch von der Diva bestimmt war, war Aaliyah ein neuer Typus von Popstar: selbstbewusst, aber low key, unendlich cool und mit einer unaufgeregten Bühnenpräsenz, eher geschmeidig als aufdringlich.

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Spuren bis in die Gegenwart

Vor allem wird Aaliyah mit ihrem letzten Album zur Blaupause für den Pop unseres Jahrhunderts. Sie ist der Grund dafür, warum Pop-Acts wie Justin Timberlake, Britney Spears, Gwen Stefani oder Nelly Furtado sich in den Nullerjahren „urbane“ Produzenten wie Timbaland oder die Neptunes ins Studio holen. Sie ist der Grund für den späteren Alternative-R’n’B-Boom der Zehnerjahre. Ihre Spuren führen bis zu Artists wie Frank Ocean, FKA Twigs, Drake, The Weeknd, Kelela und The Internet – und zur unangestrengten Coolness von Rihanna. Burial sampelt Aaliyah 2007 auf UNTRUE und James Blake „Are You That Somebody?“ auf „CMYK“ (2010), einer seiner frühen Post-Dubstep-Singles. Die vielschichtigen Harmonien und sanften Melodien von Beyoncés „I Miss You“ (mitgeschrieben von Ocean) hätten genauso gut von Aaliyah stammen können wie die Bühnenlooks von Solanges WHEN I GET HOME Tour. Auch SZAs federleichte, seidige Stimme und taktile Gesangsphrasierungen stehen in direkter Tradition zu ihr – genau wie Billie Eilishs leise Dramatik und diese gewisse Art von Understatement.

Aaliyah wäre heute Mitte 40, ähnlich wie Robyn und Beyoncé – beides Künstlerinnen, die auch nach 30 Jahren Karriere die Popkultur auf einzigartige Weise weiter prägen. Die eine ist Kultfigur des modernen Elektropop, die andere eine der wichtigsten Popkünstlerinnen des 21. Jahrhunderts. Was wäre aus Aaliyah geworden?

Was von ihr bleibt, ist dieser Konjunktiv und das überwältigende Gefühl von unausgeschöpftem Potenzial. Und drei Alben voller Zukunftsmusik.