Null Punkte für die Ukraine: ESC-Eklat kostet Moldaus Senderchef das Amt

Moldaus Publikum wählte Rumänien & Ukraine – die Jury ignorierte beide. Der Widerspruch wurde zum Skandal & kostete TRM-Chef Țurcanu seinen Posten.

Manchmal ist der ESC nur ein Songcontest. In Moldau war er das diese Woche eindeutig nicht. Denn dank des ESC kündigte Vlad Țurcanu, Generaldirektor des moldauischen Staatssenders TRM, am 18. Mai auf einer Pressekonferenz seinen Rücktritt an. Der Grund: heftige Kritik an der Jurywertung des Landes beim ESC-Finale in Wien. Das moldauische Publikum vergab beim ESC 2026 zwölf Punkte an Rumänien und zehn an die Ukraine. Die offizielle Jury hingegen entschied sich für Polen (12) und Israel (10). Für Rumänien blieben drei Jurypunkte. Für die Ukraine kein einziger.

Mehr als Musikgeschmack: Geopolitik im Abstimmungsraum

Womit eines klar ist: In Moldau spielen diese Punkte keine kleine Rolle. Mit Rumänien teilt das Land Sprache, Geschichte und eine Grenze. Mit der Ukraine teilt es einen großen Nachbarn – und seit dem 24. Februar 2022 ein konkretes geopolitisches Schicksal. Präsidentin Maia Sandu hat Russlands Angriffskrieg verurteilt und den EU-Beitritt bis 2030 angekündigt. Rumänien und die Ukraine sind in diesem Koordinatensystem keine neutralen Nachbarländer, sondern politische Verbündete. Dass die Jury ausgerechnet beide ignorierte, während das Publikum in dieselbe Richtung schaute wie die Regierung, kippte die Debatte ins Politische. Auf der Pressekonferenz erklärte Țurcanu, die Jury habe „die Empfindlichkeiten nicht berücksichtigt, die zwischen Moldau und unseren beiden Nachbarn bestehen“. Und weiter: „Unsere Haltung gegenüber der Ukraine besteht nicht aus null Punkten, und unsere Gefühle für Rumänien können nur Liebe sein.“ Trotzdem übernehme er die Verantwortung als Senderchef – auch wenn TRM sich öffentlich von der Jury distanziert habe und betont, deren Wertung repräsentiere „nicht die Position des Unternehmens“.

Damit kann sich Deutschland die Frage nach den Zuschauer:innenvoting-Punkten schenken. Denn anscheinend mögen uns unsere Nachbarn einfach nicht genug. Vielleicht ein Anreiz, auf Mallorca den Sangria aus Gläsern statt aus Eimern zu trinken und aufzuhören, Carbonara mit Sahne zu kochen. Was Moldau hiermit jedoch implizit zugibt: Die Qualität des Songs ist teils sekundär, die Nationalität ist entscheidend.

Jury gegen Publikum – eine alte ESC-Frage

Auch mit Blick auf die internationalen Jurywertungen wird deutlich, dass Moldau nicht der einzige Ausreißer war. Rumänien schnitt bei den Jurys deutlich schlechter ab als beim Publikum: insgesamt 64 Jurypunkte gegenüber 232 Televote-Punkten – Platz 13 bei den Expert:innen, Platz 2 beim Publikum. Die moldauische Jury war damit nicht der einzige Sonderling, sondern die schärfste Spitze einer europaweiten Skepsis gegenüber Alexandra Căpitănescus „Choke Me“.

Es bleibt die alte ESC-Frage, die jedes Jahr neu auftaucht und nie beantwortet wird: Wer hat hier eigentlich recht – die sieben Expert:innen oder die Millionen, die abstimmen? In Moldau gab es darauf im Mai 2026 eine Antwort. Nicht inhaltlich. Aber personell.