ESC-Televoting: Warum Deutschland keine Punkte vom Publikum bekommt

Null Punkte für Deutschland – kein Zufall. Politische Solidarität & kulturelle Nähe legen das ESC-Ergebnis oft vor der Show fest.

Deutschland belegt abermals einen der letzten Plätze und erhält null Punkte vom Publikum. Doch woran liegt das – und wer wählt eigentlich wen?

1997 hielt das sogenannte Televoting Einzug beim ESC und ersetzte zunächst die Jury vollständig. Ab 2009 kehrten die Expert:innen zurück – womit das heutige 50/50-Split-System entstand. Die Logik dahinter erinnert an die Schulzeit. Das Juryvoting ist die Klausur – objektiv bewertet, nach Kriterien. Das Zuschauer:innenvoting ist die mündliche Note: Sie beruht mitunter auf Sympathie und Beliebtheit statt auf reiner Leistung. Das nervige Kind, das sich meldet, bevor die Frage überhaupt gestellt ist, sahnt mündlich 12 Punkte ab – ganz ohne zwingend die richtige Antwort zu geben. Und wenn Papa die neue Sporthalle mitfinanziert, rückt man auf jeden Fall in die nächste Klasse auf. Denn die größten Geldgeber sind automatisch im Finale. Deutschland sitzt in dieser Klasse ganz weit hinten links. Unbeliebt – und das scheint teils unabhängig von der Performance zu sein.

Wer wählt wen?

Das Televoting folgt keiner Zufallslogik. Geografische Nähe, kulturelle Verwandtschaft und Diaspora-Gemeinschaften prägen das Abstimmungsverhalten seit Jahrzehnten. Rumänien und Moldau tauschen traditionell hohe Punktzahlen aus, die nordischen Länder halten zusammen, und Griechenland und Zypern vergeben sich gegenseitig zuverlässig die Höchstwertung.

Politische Solidarität spielt ebenfalls eine Rolle: Ukraines Sieg 2022, kurz nach dem russischen Einmarsch, war gefühlt weniger ein musikalisches Urteil als ein gesamteuropäisches Statement. Umso bemerkenswerter ist das Juryvoting Israels – ausgebuht beim ESC und dennoch Zweiter in den Zuschauer:innenvotings. Trotz reformiertem Voting-Limit weiterhin Höchstwertungen aus sechs Ländern.

Was auffällt

Das auffälligste Muster dieses Jahres war Bulgariens seltener Doppelsieg: DARA gewann nicht durch einen einzelnen Votingblock, sondern durch breite Zustimmung aus ganz Europa – sowohl bei Jurys als auch beim Publikum. Das ist strukturell die Ausnahme, nicht die Regel – und macht deutlich, wie sehr die übrigen Ergebnisse von eben jenen Blöcken abhängen.

Denn die Regel sieht so aus: Rumänien holte 232 Televote-Punkte, Moldau immerhin 183 – beide wurden von den Jurys jedoch weitgehend ignoriert. Hinter diesen Zahlen steckt das Diaspora-Voting: Millionen Rumänen und Moldauer leben in Westeuropa und stimmen für die Heimat. Frankreich und Polen funktionieren umgekehrt – Jurylieblinge, vom Publikum kaum beachtet.

Die letzten Verbündeten

Und Deutschland? Nicht nur im Publikumsvoting, sondern auch bei den Jurys schnitt Deutschland schlecht ab. Nur Bulgarien, Belgien, Italien und Portugal ließen ein paar Punkte abtropfen. Die deutsche Jury ihrerseits identifizierte Polen, Italien und Finnland als stärkste Auftritte des Abends.

Für viele überraschend: Israel gewann das deutsche Televoting mit 12 Punkten, gefolgt vom Gesamtsieger Bulgarien und Griechenland.