Orange Blossom Special: „Euphorie, Baby! Das OBS macht sich sonnig“

Das Festival in Beverungen teilte im März seine Existenz-Sorgen in einem viel diskutierten Instagram-Post mit der Headline „Transparenz, Baby! Das OBS macht sich nackig.“ Die 23. Ausgabe, die Pfingsten mit Acts wie Turbostaat, Marlo Grosshardt, Man / Woman / Chainsaw, Herrenmagzin, Tramhaus, Blush Always, Mel D und Wrest über die Bühne ging, wirkte nun wie ein sonniges „Jetzt erst recht!“. Daniel Koch war für uns vor Ort.

Damit wir nicht mit dem Downer einsteigen und kurz die Stimmung versauen, sei hier mal kurz beschrieben, wie so ein Orange Blossom Special im Idealfall anfängt. Es ist Freitag, kurz vor halb fünf. Im Garten des ehemaligen HQs des Labels Glitterhouse – eine mit Festivalkunst verzierte Gründerzeit-Villa – sammeln sich hunderte Menschen auf dem noch sehr gesund aussehenden Rasen. Passend zum Festivalstart ist der Sommer angekommen. Die Sonne ballert schon ganz gut, aber da man hier 2025 drei Tage im Matsch stand, beschwert sich niemand. Die Hauptbühne beim OBS ist quasi die Terrasse der Villa. Dort werden die letzten Handgriffe am Equipment der Hamburger Dreampop-Indie-Band Willow Parlo um Sängerin Noemi Bunk getätigt. Die Stimmung ist euphorisch. Feierlich. Hier und da schon leicht angetrunken.

„Es müsste immer Musik da sein…“

Dann erklingt ein Sound, der seit Jahren jeden Festivaltag einrahmt: Vor der ersten und nach der letzten Band hört man hier zusammen Worte und Musik aus dem Film „Absolute Giganten“. Das melancholische, minimalistische Instrumental „Reprise“ von der Band Sophia, das auch den Filmsoundtrack prägt, und die Stimme des leider verstorbenen Hauptdarstellers Frank Giering, der diese für viele ikonischen Sätze sagt: „Weißt Du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was Du machst. Und wenn’s so richtig scheiße ist, ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und Du hörst immer nur diesen einen Moment.“

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Ja, klar. Das hat schon auch Pathos, aber wer so ein OBS-Intro oder -Outro auch nur einmal erlebt hat, fühlt es immer wieder – und am ersten Tag gleich doppelt hart. Nach diesem feierlichen Moment begrüßen die Festivalmacher Rembert Stiewe und Reinhard Holstein das Publikum persönlich und moderieren schließlich Willow Parlo an. Auch das ist eher ungewöhnlich für ein Festival, das immerhin ein paar tausend Menschen zusammenbringt: Hier wird noch jeder Act auf der Hauptbühne persönlich angekündigt.

Willow Parlo nutzen die guten Vibes dann sehr einnehmend: Konzentrieren sich vor auf ihre wunderschöne Musik und blicken vor allem bei „Godless“ und bei ihrem tollen Donna-Lewis-Cover „I Love You Always Forever“ in selige Gesichter.

Zeit für den Downer

Ok, jetzt wo alle drin sind und vielleicht sogar die Sonne auf der Haut spüren oder den Donna-Lewis-Song auf Endlosschleife im Ohr haben, kommt der Downer: Auch, wenn der OBS-Start und eigentlich das ganze Wochenende wie ein begehbare Festivalpostkarte wirkten, ändert das nichts an den harten Fakten: Indie-Festivals haben gerade einen schweren Stand. Das konntet ihr auch in unserem Magazin immer mal wieder lesen, zum Beispiel in Linus Volkmanns Kolumne mit dem Titel „Sommer, Sonne, Untergang – rettet die Indie-Festivals!“.

Die Gründe sind vielseitig und bekannt, wurden aber vor einigen Wochen in diesem Post vom OBS sehr konkret vorgerechnet und erläutert.

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So schön das Pfingstwochenende auch war, so perfekt das Wetter, so überraschend und bewegend so mancher Gig, so wholesome die Atmosphäre vor der Bühne und auf dem Campingplatz – so ganz konnte man diese Zahlen und Worte nicht abschütteln. Immer wieder krochen sie einem unangenehm in den Nacken, oft, wenn man einen besonders intensiven Festivalmoment erlebte und sich plötzlich fragte: Was ist, wenn es das in ein paar Jahren nicht mehr gibt?

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Der Balkon neben der Terrasse ist Crew und Artists vorbehalten.

Ein Festival als „Lebenstankstelle?“ Komisches Wort, aber …

Andererseits war hier fast jeder Moment ein sehr konkreter Anlass für soliden Optimismus – was gut zum diesjährigen Motto des Festivals passte: „Lebenstankstelle“. Das auf den ersten Blick etwas sperrige Wort machte in Verbindung mit dem diesjährigen Maskottchen – dem Vampirmädchen Bella – durchaus Sinn. Hier zieht man Kunst, Musik, Inspiration und ein positives Gemeinschaftsgefühl, das den von der allgemeinen Beschissenheit der Dinge ausgesaugten Akku neu auflädt.

Und das funktioniert nicht nur vor der Bühne: Der Campingplatz direkt am Weserufer ist wunderschön, die ganze Stadt Beverungen macht irgendwie mit und heißt einen willkommen und zu einem richtigen OBS-Tag gehört eigentlich auch eine mittägliche Minigolf-Partie, eine Vogelbeobachtungstour oder Stadtführung (die Teil des offiziellen Programm sind) oder ein Sprung ins Freibad Batze, wo man nach dem Sport gern noch auf einen Kaffee oder eine Weinschorle im cuten Imbiss verweilen kann, wo dann mit etwas Glück auch noch der „Walking Act“ des Tages auftritt, der rund um das Festival mehrere kurze Performances spielt. Hier überzeugten am Freitag vor allem die drei Musikerinnen von Animat mit ihre sehnsüchtigen Folk, denen wir hiermit ein paar tausend mehr monatliche Hörer:innen bei Spotify an den Hals wünschen.

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Erfrischung war nötig, bei gut 27 Grad am Nachmittag.

Zwar sah man hier und da, dass noch ein paar hundert mehr Menschen auf das Gelände gepasst hätten, aber wenn alle, die da waren, die Kunde weitertragen und schon jetzt damit anfangen, stehen die Chancen doch gar nicht so schlecht, dass man 2027 vielleicht mal wieder „ausverkauft“ melden kann, wie es in den frühen Jahren so oft der Fall war. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Das Line-up gibt jedenfalls seit jeher für diverse Altersgruppen genügend her: Punk-Instanzen wie Turbostaat, spielen hier ebenso wie charismatische NNDW-Vampire (Nils Keppel), blutjunge Avantgarde-Prog-Noise-Rocker (Grote Geelstart) aus Holland oder herrlich blasphemische benannte, belgische (aber auf Niederländisch singende) Punkerinnen wie Maria Iskariot.

So war der Freitag

In Sachen Line-up hatte dieses Jahr wieder viele Klassiker und Überraschungen parat und wir können hier nur durch einen kleinen Teil reiten, obwohl eigentlich jeder Act einen eigenen Absatz verdient hätte. Trotzdem war es uns beim Text in diesem Jahr ein bisschen wichtiger, diese doch sehr einzigartige Atmosphäre ein bisschen mehr herauszustellen. Trotzdem: Willow Parlo hatten den bereits erwähnten, sehr passenden Einstieg am Freitag. Marlo Grosshardt zeigte noch einmal mit seiner Band, dass er kleine und Bühnen gleichermaßen mit seinem Charisma und seinen Texten füllen kann. Man / Woman / Chainsaw bleiben diese faszinierend musizierende, textende und aussehende, britische Art-Punk-Band, die seit Monaten in Dutzenden „Artist To Watch“-Liste auftaucht und schon auf dem Reeperbahn Festival überzeugte – wo wir übrigens OBS-Booker Rembert im Publikum trafen. Zufall?

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So war der Samstag

Am Samstag waren vor allem Grote Geelstaart die most-talked-about Band. Ihr aggressiver, getriebener, vertrackter, hypnotischer, noisiger Sound schickte das sichtlich begeisterte Publikum danach in Gruppen zum Merchstand. Nils Keppel hatte die Romantik, die Melancholie und ja, auch das Pathos, das gut zum Festival passt – spielte aber natürlich bei falschem Wetter. Das hätte man gerne entweder im zärtlichen Nieselregen oder besser in einer finsteren, aber warmen Sommernacht gesehen. Große Seligkeit und die erneute Erkenntnis, dass sie uns Zeilen und Lieder für die Ewigkeiten geschrieben haben, gab es bei Herrenmagazin, die wohl den eindrucksvollsten Publikumschor des Tages hatten. Der Abschluss des Samstags dann im OBS-Style: Hier bereitet man an einem Abend gerne einer jungen Band die große Bühne. Diesmal waren die ebenfalls aus den Niederlanden stammenden Tramhaus dran, die mit ihrer Energie die Crowd regelrecht anzündeten: Ihr sehr rhythmischer und melodischer Post-Punk wird nicht zuletzt dank Sänger Lukas Jansen zu einem Spektakel, bei dem es sich schwer stillstehen lässt.

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Ein weiteres, schönes Highlight des Tages: Die Festivalmacher baten am Nachmittag das Social-Media-Team auf die Bühne, um ihnen ein kleines Geschenk zu bereiten, weil sie in diesem Jahr so viele gute Ideen hätten (wie man ja auch an den Instaposts im Artikel erkennt). Auch das ist etwas, das so ein OBS besonders macht: Der Teamspirit ist, ähnlich wie auch zum Beispiel beim Immergut, so intense, dass man fast das Gefühl hat, alle aus dem Team hätten einen massiven Crush auf das Festival.

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So war der Sonntag

Der Sonntag begann mit einer weiteren Tradition: Seit der 15. Festivalausgabe ist die erste Band des letzten Tages ein Surprise Act. Und hier ist der Name Programm: Rembert Stiewe legt manchmal sogar innerhalb des Teams falsche Fährten, damit man wirklich erst auf der Bühne merkt, wer es denn diesmal ist. Und obwohl dieses Konzept auch seine Makel hat (jedes Jahr traut man dem OBS zu, auch mal Die Ärzte oder Oasis als Secret Act nach Beverungen zu holen), sorgt es doch dafür, dass um 11 Uhr 30 fast alle Besucher:innen vor der Bühne stehen. In diesem Jahr waren es dann Young Rebel Set, die sich Jahre nach dem Tod ihres Sängers im vergangenen Jahr mit einen neuem Sänger wieder zusammenfanden und hier für viele glückliche Gesichter sorgten.

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Auf der Lesebühne konnte man danach staunend beobachten, wie Melanie Gollin und Rosalie Ernst ihren sehr unterhaltsamen und kreativen Newsletter „Zwischen Zwei und Vier“ mit viel Charisma, Spaß und Haltung auf die Bühne bringen. Zeitgleich lieferte der Pop-Punk von Blush Always den perfekten, bittersüßen Sound für eines der ersten sommerlichen Wochenenden, was auch für die Schweizer Songwriterin Mel D gilt, die vorher auf der Hauptbühne spielte.

Den Gewinner-Act des Festivals sah man aber auf der kleinen Nebenbühne. Hier spielte die neue Post-Punk-Band von Produzent und Ex-Wir-Sind-Helden-Member Mark Tavasoll, die er mit dem britischen Sänger Ben Galliers Agassi gründete. Beide Auftritte hatten alles, was man sich als neue Band wünscht: Moshpit, Mitsingen, „Hauptbühne!“-Rufe und am Ende einen fast leergekauften Merchstand, an dem man schon das Debütalbum „Arcade Melodies“ auf Vinyl kaufen konnte, obwohl es erst in gut zwei Wochen erscheint. Smarter Move.

Die bereits erwähnten Maria Iskariot (deren aktuelles Album übrigens bei uns beinahe die absolute Höchstwertung erhalten hätte) hatten nicht nur den Punk-Abriss des Tages, sondern auch die richtigen Worte für die diesjährige Ausgabe. Die Gitarristin, die auch ziemlich gut Deutsch sprach, sagte: „Wo es hier schon um die Lebenstankstelle geht: Lest mehr Literatur und Lyrik, hört mehr Musik, entdeckt mehr Kunst. Wir brauchen das. Das ist es.“

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Blick vom Balkon der Gründerzeitvilla, in dem einst Glitterhouse residierte.

Danach gab es noch bei Gringo Mayer und seiner Kegelband die erste Polonaise des Wochenendes und bei den immer stabilen Turbostaat absolute Euphorie unter den vielen Fans im Publikum. Der Festivalabschluss geriet dann wie immer emotional mit Ansage. Rembert machte schon bei der Anmoderation keinen Hehl daraus, dass er für den Sonntag am Ende immer einen Act bucht, der etwas mehr Melancholie und Grandezza auf die Bühne bringt: Diesmal waren es die schottisches Wrest, die schon vor drei Jahren beim OBS zu Gast waren. Getragener, schwermütiger, melodischer Indie, der allen gefallen dürfte, die auch Platten vo The Twilight Sad oder Frightened Rabbit im Regal stehen haben.

„Euphorie, Baby! Das OBS mach sich sonnig.“

Als man am Montag in den frühen Morgenstunden, schwer bepackt den Weg zum Bahnhof antrat, und an der Weser vorbeilief, während die Morgensonne langsam kräftiger wurde, kroch einem dann ein letztes Mal der alarmierende Instagram-Post ins Bewusstsein. In einer gerechten Welt feiert ein Festival wie das OBS auch noch seinen 50. Geburtstag – deshalb hoffen wir drauf, dass diese Zeilen vielleicht bei der einen oder dem anderen den Impuls wecken, Indie-Festivals wie dieses ab sofort in die fixe Jahresplanung mit aufzunehmen. Die Antwort auf „Transparenz, Baby! Das OBS macht sich nackig“ war in diesem Jahr jedenfalls sehr eindeutig ein optimistisches „Euphorie, Baby! Das OBS mach sich sonnig.“

Dennis Schinner Dennis Schinner
Dennis Schinner Dennis Schinner
Dennis Schinner Dennis Schinner