Pulp live in Berlin: Britpop-Ikonen feiern triumphales Comeback im Tempodrom

Draußen Hitz’, drinnen Hits: Jarvis Cocker bringt die Hauptstadt zum Kochen.

Die zeitlichen Dimensionen von Pulp sind unfassbar: 16 Jahre musste ihr Sänger, der geborene Entertainer Jarvis Cocker, ein Nischendasein in der Musikindustrie führen, um 1994 den verdienten Durchbruch zu erleben und zum britischen Nationalheiligtum zu werden. Nur acht Jahre danach legte die Band eine lange, lange, von diversen Live-Reunions unterbrochene, Pause ein, um 24 Jahre nach ihrem sträflich gefloppten Album WE LOVE LIFE mit MORE eine beispiellos beliebte Comeback-Platte zu veröffentlichen. Von so was können die Revival-Könige des Britpop aus dem Vorjahr, Oasis, nur träumen. Noel Gallagher weiß selbst am besten, dass er nie wieder Songs schreiben wird, die sich so tief ins kollektive Bewusstsein eingraben können, wie etwa „Wonderwall“, das aktuell ein bizarres Nachleben als inoffizielle WM-Hymne der britischen Nationalmannschaft feiert – 31 Jahre nach seinem Erscheinen. Und somit zur letzten, dafür ungeheuerlichsten zeitlichen Referenz: Fast genauso lange hat es gedauert, bis Pulp wieder in Berlin spielten. Zuletzt taten sie das im Juni 1996 im Huxley’s, also vor 30 Jahren. Viele der von der Rekordhitze durchgeschwitzten 5.000 Fans im sechs Kilometer davon entfernten Tempodrom dürften die Band also zum ersten Mal live erleben, obwohl man im Geist und im Herzen Jahrzehnte miteinander verbracht hat. Do you remember the first time? Die Newcomer in der Menge werden das fraglos tun. Die „Du verdienst mehr“-Tour könnte nicht treffender betitelt sein.

Neues Material überzeugt neben den Klassikern

Obwohl Standard-Eröffnung der laufenden Konzertreihe wirken die ersten beiden Songs des Abends daher wie ein Angebot zur Wiedergutmachung: „Sorted For E’s & Wizz“ und der Generations-Hit „Disco 2000“ aus dem Meisterwerk DIFFERENT CLASS. Klar, dass es hier niemanden auf den Sitzen in den Rängen hält – bemerkenswerter ist, dass dies auch beim folgenden „Spike Island“, einem neuen Song, so bleibt. Das ist der Unterschied zu den vielen Legacy-Acts unserer Zeit: Man geht (nicht nur) zu Pulp, um zum Lebensgefühl der eigenen Jugend zurückzukehren, man will mit der Band weitergehen, mehr von ihr erfahren – more eben. Doch an diesem Abend geht es ums Hier und Jetzt. Die Greatest Hits von der Außenseiter-Hymne „Mis-Shapes“, quasi dem Theme-Song der Gruppe, über das explosive „F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E.“ zur apokalyptischen Betrachtung der Schattenseiten des Ruhms, „This Is Hardcore“, werden ebenso bejubelt wie das MORE-Material wie das anmutige „Slow Jam“ und der Disco-Banger „You Got To Have Love“. Beachtlich auch die zahlreichen Deep Cuts: „Seconds“ aus der in Deutschland kaum beachteten „The Sisters EP“ von 1994 zum Beispiel, die One-off-Singles „O.U. (Gone, Gone)“ und „Razzmatazz“, sowie „Begging For Change“, Pulps Beitrag zum neuen Charity-Sampler HELP(2).

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Jarvis Cocker als charismatischer Zeremonienmeister

Cocker führt durch die Show wie ein Conferencier, versucht sich immer wieder am Deutschen, veranstaltet einen Mini-Diavortrag über den legendären Club „Limit“ in seiner Heimatstadt Sheffield, verhebt sich dabei genüsslich mit Beatboxing und scheitert ebenso lustvoll am Versuch, eine Weintraube mit dem Mund zu fangen. Während der Songs zeigt der 63-Jährige vollen Körpereinsatz, springt, räkelt sich am Boden, und schafft es irgendwie seine schlaksigen Gliedmaßen trotz aller exaltierter Verrenkungen nicht ineinander zu verknoten. Der Ekstase von „Common People“ folgt als beruhigendes Finale „A Sunset“. Mit dem Rat, man möge aufeinander aufpassen, endet ein Abend wie ein grandioses Theaterstück – bei aller Inszenierung spontan und voller Leben. We love Life. We love Pulp.

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