10 gruselige Songs singender Fußballer (die neue Liste)
Die Winter-Drecks-WM von Katar (2022), die Angriffskrieger-WM unter Putin (2018) – und aktuell verhöhnt Trump nun auch im Sport das Prinzip von regelbasierten Abläufen für alle. We are sowas von doomed. Höchste Zeit für Eskapismus am Ball findet Linus Volkmann in seiner Kolumne.
Selbstanzeige: Ich liebe singende Fußballer. Toni Polster, Jay-Jay Okocha, Gerd Müller, Uli Borowka, Jimmy Hartwig … Wenn die Demokratie wirklich den Bach runtergehen sollte, sehe ich mich einfach kalkweiß mit einem Modem im feuchten Keller hocken und auf YouTube noch den letzten Irrsinn an der Schnittstelle von Größenwahn und fehlendem Gesangstalent schürfen.
Woher diese Begeisterung kommt? Da muss ich mich selbst ein wenig channeln … Ich gerate weit in die Kindheit zurück – und zwar zur Plattensammlung meiner Eltern. In freundlichen Podcasts wie beispielsweise jenem von Jan Müller (Reflektor) sind Musiker:innen zu Besuch und wenn jene ihrer musikalischen Früherfahrung nachsinnen, findet sich oft eine große Identifikation mit den Alben der eigenen Eltern. Dort habe man eine Liebe für die Beatles oder doch eher die Stones entdecken können – und das in einer Zeit, in der man gerade erst mit Messer und Gabel zu essen gelernt hatte. Unter uns, ich rümpfe bei solchen sentimentalen Passagen meist die Nase: Örgs, da ist er ja schon wieder, der dröge penislastige Rockkanon, örgs, die Vorlieben von Zuhause einfach übernehmen … Also mit diesem fremdbestimmten Ballast würde ich nicht so leutselig in einem Podcast auftrumpfen wollen. Aber natürlich geht es mir kaum besser, bin doch auch ich Produkt von Erziehung und Umwelt.
Mein Vorteil allerdings: Meine Eltern haben keine geilen Platten besessen. Ich erinnere mich an Klassik, Milva, Ernst Mosch und die Original Egerländer sowie „Kreuzberger Nächte“ der Gebrüder Plattschuss. Schon als Kleinkind saß ich also underwhelmed und judgy vor dieser Sammlung, gucke pikiert und sabberte unzufrieden. Den Schrott wollte ich später mal sicher nicht erben.
Ein Album war besonders haarsträubend, es hieß „Fußball ist unser Leben“ und trug den Untertitel „Es singt die deutsche Fußballnational-Mannschaft für die WM 1974“. Die Spieler tragen himmelblau entsättigte Trainingsanzüge mit scharfer Bügelfalte – und sehen damit (nach heutigem Fashion-Verständnis) ganz schön hot aus.
Als ich als Kind irgendwann einigermaßen lesen konnte, dachte ich viel über den Song „Komm gib mir deine Hand“ nach. Er enthält folgende Zeile: „Und wenn die anderen zur Arbeit gehen / Sagen wir gut′ Nacht“. Ich verstand nicht: Warum schliefen Fußballer tagsüber? Waren sie auch Untote wie „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg, den ich gerade entdeckt hatte? War sowas möglich? Könnte ich heute in der Zeit zurückreisen, ich würde mein sechsjähriges Alter Ego aufklären: „Du, ich glaube nur der Titelsong dieser Platte erzählt aus der Sicht vom Fußball, die anderen scheinen eine Art Karneval- oder Saufschlager zu sein. Du kannst jetzt wieder in Ruhe Pumuckl hören und in der Nase bohren.“
Doch genau diese Verstörung, das Unberechenbare, gar Irrationale bei der Musik singender Fußballer ist das, was dieses „Genre“ so interessant macht. Als Musikfan, als Pop-Journo geht es sonst immer darum, die besten und tollsten Sachen zu finden im Ozean der Möglichkeiten. Da empfinde ich es als sehr erleichternd, zur Abwechslung auch mal nach dem größtmöglichen Schmutz Ausschau zu halten. Vollkommen fragwürdige Zufallsmusik, die von Amateuren aus undurchsichtigen Gründen gemacht wird und sich befeuert sieht von Zeitgeist, halbirren Managern oder sonstwelchen Kräften. Dementsprechend habe ich über die Dekaden eine stattliche Sammlung solcher Popverbrechen aufgestellt.
Und bei jeder neuerlichen WM oder EM tut es mir ein wenig leid, dass ich sie nicht wieder elegant den Lesenden reinflanken kann. Warum nicht? Nun, weil ich das natürlich bereits getan habe. Beispielsweise in dieser Kolumne hier finden sich einige skurrile Ausstellungsstücke … Aber auch in einem Videotagebuch für arte hatte ich da mal etwas zusammenmodelliert:
Wie schade! Ist das geile Thema also schon auserzählt. Bis es mir wieder in die Arme fiel. Und das kam so. Ich war mit der ehrenvollen Aufgabe betrat worden, für die Printausgabe des Musikexpress ein WM-Blind-Date mit einem Künstler anzufertigen. Man spielt also jemand mit Ballsportaffinität ein paar Musikstücke vor, die ebenfalls Fußballbezug besitzen und redet darüber. Ich hatte mir König Boris von ehemals Fettes Brot gewünscht. Schließlich hatte der zuletzt ja eine Liebeserklärung an den FC St. Pauli in Buchform veröffentlicht. Er sagte zu und ich musste mich nur noch fragen, welche Songs ich für diesen Talk nehme. Nach etlichen Stunden im Rabbithole musste feststellen, viele trashige Songs singender Fußballer waren mir tatsächlich bislang verborgen geblieben. Mit ein paar von ihnen konfrontierte ich König Boris, der sie gut zu parieren wusste – aus der halben Stunde Interview wurde eine ganze, doch am Ende blieben noch etliche Schätze nicht ungenutzt …
Was läge da näher, als endlich mal eine ganz neue (S)Hitlist zu meinem Lieblingsthema zu modellieren? Ready or not, ich zieh euch mit rein.
10 Songs von singenden Fußballern – Nachhören auf eigene Gefahr
Jay-Jay Okocha „I I Am Am J J“
Einer der sympathischsten Spieler der Bundesliga und einer der furchtbarsten Songs in dieser Liste. Die Musik des Nigerianers Jay-Jay Okocha durchlebt einen Auffahrunfall mit dem damaligen Zeitgeist. Jener steht im Jahre 1994 im Haus von Eurodance oder auch Eurotrash. Billige Hyperpop-Beats, schematischer Säuselgesang und nach dem zweiten Refrain ein Rap-Part. Das Hitprinzip von Acts wie Snap wird schnell zur Fließband-Blaupause und produziert ein paar Sommer lang neonfarbenen Sprühstuhl. Auch Jay-Jay verewigte sich in diesem fragwürdigen Sound, das Video schaffte es sogar bis auf VIVA.
Sein unterspannter Gesang hätte zu anderen Beats vielleicht sogar funktionieren können. In diesem schrillen Gaga-Soundbett wirkt der Hauptdarsteller allerdings völlig fehl am Platze.
Das tragische Dreieck „Steh auf“
Das magische Dreieck stand in den Neunziger Jahren beim VfB Stuttgart für eine sehr erfolgreiche Ära: Balakov, Bobic, Elber. Weit weniger bekannt, es gab ebenfalls eine „tragische“ Version. Bobic verewigt sich auch in dieser musikalischen Parodie – an der Seite von Marco Haber und Gerhard Poschner. Eine Mischung aus unfreiwillig funny und kompletter Selbstdemontage.
Werner Böhm feat. Klaus Schlappner „Der Schlappi Räp“
In seiner Biographie nennt Ex-Profi Norbert Nachtweih den einstigen Kulttrainer des SV Waldhof Mannheims Klaus Schlappner einen „ganz schlimmen Rassisten“ (jener wies die Vorwürfe zurück), dazu kommt noch dass „Schlappi“ vor seiner Trainerlaufbahn eine kurze Zeit Mitglied der NPD gewesen ist. Auweia! Vielleicht die Strafe dafür: Werner Böhm (a.k.a. Gottlieb Wendehals) sampelte Sätze von Schlappner zu einem Schläppi-Räp.
Stepi und die Strassenjungs „Eintracht“
Noch so ein Kulttrainer, Dragoslav Stepanovic genießt bei Eintracht Frankfurt bis heute großen Respekt. Fußballerisch hatte er den Verein gar nicht mal so weit gebracht, aber seine rustikale, direkte Art traf den Nerv der Fans. Als die Mannschaft erstmalig einen Bundesliga-Abstieg hinnehmen musste, prägte er das Motto „Lebbe geht weider“, das quasi zur hessischen Version von Monty Pythons „Always Look On The Bright Side Of Live“ avancierte. Selbst ein Song mit den leidlich uncoolen Penispunkrock-Lokalmatadoren Strassenjungs schmälert seinen Fame nicht.
Jimmy Hartwig „Mama Calypso“
Das Englisch mit hessischem Einschlag des ehemaligen HSV-Spielers Jimmy Hartwig wirkt gewöhnungsbedürftig. Nimmt man es aber erstmal so hin, entblättert sich hier ein hartnäckiger Ohrwurm. Das könnte unser „Gimme Hope Joanna“ (Eddy Grant) von dieser Geisterbahnliste werden. Wenn ihr nur wollt! Jimmy kennen die jungen beziehungsweise nicht so vereinsfußballsicheren Leser:innen möglicherweise von der zweiten Staffel Dschungelcamp. Dort ging er immerhin als Vierter raus.
Brings feat. Lukas Podolski „Halleluja“
Eine der größten Hürden, wenn Fußballstars plötzlich im Tonstudio auftauchen, ist, dass sie keine geübte Stimme mitbringen – und es dann oft sehr dünn wird. Die Profis von Brings lösen dieses Dilemma ganz stumpf technisch auf und legen eine Extra-Portion Autotune über die Spur ihres prominenten Gasts.
Paul Gascoigne „Fog On The Tyne“
Football’s coming home und Pop selbst ist doch eh schon made in cool Britannia. Doch dafür muss man singende Fußballer lieben, dass sie selbst diesen Anspruch noch aushöhlen können. Paul „Gazza“ Gascoigne gilt als Schuldiger, dass die englische Nationalmannschaft in den Neunziger Jahren ein Alkoholverbot auf Länderspielreisen erlassen musste. Sein Ausflug zum Mikrofon klingt wie eine Billigmische aus EMFs „Unbelievable“ und East 17 – eingesungen von dem letzten Roadie, der bei der Aufnahmesession am Ende noch wach war. Doch hier sprechsingt Gazza natürlich selbst.
Kevin Keegan „Head Over Heels In Love“
Während Deutsche Spieler der Siebziger, die mit Zweitkarrieren als seltsame Schlagerfiguren flirteten, schon damals trashig anmuteten, hatte der englische Profi Kevin Keegan fast schon etwas Konkurrenzfähiges für die Hitparaden zu bieten. Dafür natürlich Respekt. In der Rückschau wirkt sein affirmativer Schnulzenpop aber auch nicht wirklich faszinierend.
Sepp Maier „Humor ist wenn man trotzdem lacht“
„Der Franzl kam und sagte / Mein Mädchen musst du seh’n / die ist klasse / da wird dir das Hören und Sehen vergehen / Er hatte recht / ich glaube, ich hab ziemlich dumm geschaut / Das Klassemädchen, das war nämlich meine eig’ne Braut“.
Bayern-Torhüter Sepp Maier galt in den Siebzigern abseits des Rasens als Spaßmacher – auf diese Zuschreibung pochte dann auch seine Karriere als Schlager-Gagvogel. Ich musste bei diesem Stück tatsächlich schmunzeln. Please kill me!
Martin Hinteregger „Hinti Army“
Wie Klaus Schlappner sieht sich Martin Hinteregger in den Fan-Song „Hinti Army“ (auf die Melodie von Status Quos „In The Army Now“ ebenfalls nur hineincollagiert. Der hemdsärmelige Österreicher räumte zu seiner besten Zeit hinten im Strafraum von Eintracht Frankfurt rustikal alle ab, die dort mit Ball am Fuß vorstellig wurden. Auch „am Glas“ machte „Hinti“ von sich reden, was ihm mehrfach Ärger mit dem Verein und letztlich noch mehr Support der Anhänger bescherte. Doch die Story blieb ohne Happy End. In seiner Heimat sah sich Hinteregger geschäftlich mit einem FPÖ-Politiker verstrickt. Das kostete ihn dann doch die Sympathien, die ihm zuvor zugeflogen waren.
Fußballer, die singen, sind heute die Ausnahme und das dürfte wohl auch erstmal so bleiben. Wer will allerdings darauf wetten, dass Sportler sich auch in Zukunft noch von Rechtspopulismus distanzieren sollen? Hinteregger kam da vielleicht bloß ein wenig zu früh, so eklig das klingt …
Wenn dann in ein paar Jahren auch im Profifußball die letzte Brandmauer gefallen ist, konzentrieren wir uns eben auf Ping Pong oder Topfschlagen oder was weiß ich.
Die Arschlöcher können einem jedenfalls nicht alles gleichzeitig kaputt machen…







