Me’Shell Ndegeocello: Madonnas Tanz-Tier

Sie ist so etwas wie eine moderne Sirene. Mit einnehmender Stimme, sehr erfolgreich um Poesie bemühtem Slow-Rap und unbeschwert fließender Musik baut Me’Shell NdegeOcello eine Falle auf. in die ihre Hörer schnell hineintappen. Die messerscharfen Texte nämlich, mit denen die 24jährige Bassistin, Sängerin und Multi-Instrumentalistin droht, lassen die einlullenden „Ptantatation Lullabies“ (so der Titel ihres Debüts) zu höchst hinterhältigen Schlummerliedern geraten. Unter der Mithilfe solcher Parade-Jazzer wie Joshua Redman (Tenorsaxophon) und Gen Allen (Piano), der Funk-Legende Wah Wah Watson (Gitarre) und Mitgliedern von Gangstarr sowie A Tribe Called Quest schuf die Washingtonerin mit afrikanischer Herkunft eine eigenwillige Mischung aus Funk, Hip Hop, Gogo, R & B und Jazz. So ähnlich könnte Grace Jones klingen, wenn sie 1995 mit fuhrenden Jazz-HipHop-Produzenten ein Funk-Album einspielen würde. Der faszinierende Sound mit deutlichem 70er Jahre-Touch transportiert Texte, die sich manchmal um Zwischenmenschliches drehen, öfters aber um die schwierige Identitätsfindung der Afro-Amerikaner. „Kunst ist doch wohl auch dazu da, um mißinterpretiert zu werden“, sagt die im Gespräch nicht eben sehr kampfeslustig wirkende Me’Shell. „Wenn ich Sätze formuliere wie ,Der Weiße Mann sollte immer mit einem offenen Auge schlafen‘ oder .Meine Schlaflieder sind die Ruhe vor dem Sturm, die Ruhe vor der Revolution farbiger Menschen‘, dann sind das mehr Wunschgedanken denn Aufruf zur Revolution. Ich lebe von der Vorstellung, was passieren würde, wenn schwarze Menschen einmal gemeinsam gegen das Unrecht aufstehen würden. Und wer sich angesprochen fühlt, wer meint, vor solchen Texten Angst haben zu müssen, der hat die Angst auch verdient.“ Keine Angst zeigte Madonna, die Me’Shell als erste Künstlerin für ihr Maverick-Label (vertrieben durch WEA) verpflichtete und damit weitaus mehr musikalisches Feingespür bewies, als man es ihr gemeinhin zutraut.

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