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Ambition, Baby: Warum U2 die letzte wichtige Rockband sind

Ist es überhaupt klug, Rockmusik politisch aufzuladen?

Auf „Rejoice“, einem Stück von OCTOBER, singt Bono noch: „I can’t change the world, but I can change the world in me.“ WAR ändert die Perspektive, jetzt geht es eben doch darum, die Welt zu verändern, zu verbessern – und zwar im Auftrag und mit Hilfe der Rockmusik, die für Bono nun kein Mittel zum Eskapismus mehr ist, sondern ein Medium der Verkündigung. Warum aber sollte ausgerechnet der Sänger einer Rockband ein gesellschaftspolitisches Mandat besitzen? Und ist es überhaupt klug, Rockmusik politisch aufzuladen? Schließlich hat der kreative Prozess nichts mit Demokratie zu tun.

Diese Debatte ist interessant, mit Blick auf Bono und U2 wird sie manchmal sehr unfair geführt. Dass dem so ist, daran hat Bono mit seiner politischen Penetranz einen gewissen Anteil. Dennoch, nichts ist einfacher als ein U2-Bashing, über keine andere Band gibt es so viele Witze. Interessant ist dabei, dass die gleichen Stimmen, die Bono zum Schweigen bringen wollen, sich darüber echauffieren, dass eine Künstlerin wie Helene Fischer ihre Position in der deutschen Musikbranche nicht nutzt, um politisch Stellung gegen Rechts zu beziehen. Ja, was denn nun?

Zwischen gespielter Abgeklärtheit und übergroßem Pathos

Joan Baez ist Expertin, wenn es darum geht, die politische Kraft von Songs abzuschätzen. Die US-Sängerin und -Songwriterin ist in den 60er-Jahren an beinahe allen Fronten unterwegs, sie ist gleichzeitig Aktivistin und Folkstar, spielt in Woodstock und arbeitet mit Martin Luther King zusammen. An einem Sommersamstag im Jahr 1985 macht sie, was Millionen andere Menschen an diesem Tag auch machen: Sie schaut fern. Es ist der Tag des „Live Aid“-Events, U2 sind auch dabei, ihr viertes Album THE UNFORGETTABLE FIRE, produziert von Brian Eno und Daniel Lanois, hat sie noch größer werden lassen – und doch sind die Iren für die große Rockwelt eine eher kleine Nummer.

Noch. Denn U2 nutzen ihren Auftritt. Bono trägt eine Art weißes Piratenhemd (die US-Sitcom „Seinfeld“ widmet später diesem lächerlichen Kleidungsstück eine ganze Episode), ist ganz in seinem Element, seine Ansagen pendeln zwischen gespielter Abgeklärtheit und übergroßem Pathos, er ist sich der Wucht seiner Worte und Gesten bewusst, schaut nachdenklich und konzentriert, wie ein Skispringer kurz vor dem Sprung. Die Band webt große Rocksongs in ihre eigenen Tracks ein, „Sympathy For The Devil“, „Ruby Tuesday“, „Walk On The Wild Side“, „Satellite Of Love“.

„Er ruft ins Publikum. Und es ruft zurück.“

Bono ist in diesen wenigen Minuten Zeremonienmeister, vielleicht sogar tatsächlich der Messias. Schnell macht die Geschichte von Kal Khalique die Runde, einem 15 Jahre alten Mädchen, das ganz vorne steht, nicht weil sie U2 so mag, sondern weil sie auf Wham! wartet. Als der Druck der Menschen hinter ihr immer größer wird und das Mädchen Angst bekommt, sieht es die ausgestreckte Hand von Bono, wird mit Hilfe der Security auf die Absperrung in den Bühnengraben gehievt, tanzt ein paar Sekunden engumschlungen mit dem Sänger, verschwindet dann. Für Bono ist das der Moment, in dem er, der Rocksänger, die Barrieren zwischen sich und dem Publikum niederreißt.

Für viele Skeptiker ist es der Augenblick, in dem Bono dem Größenwahn verfällt – zumal die Band nichts anderes machen kann, als die Akkorde des Songs „Bad“ in Dauerschleife zu spielen, bis ihr Sänger seine Aktion beendet hat. Was sagt Joan Baez dazu? Noch am selben Tag notiert sie, wie begeistert sie davon ist, dass es Bono gelingt, dieses riesige Stadion in den Griff zu bekommen: „Er ruft ins Publikum. Und es ruft zurück. Er dirigiert einen Chor – das gesamte Publikum ist dieser Chor. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal etwas Ähnliches gesehen zu haben. Nichts hat mich bei Live Aid so schwer bewegt, wie Zeugin der Magie von U2 gewesen zu sein.“



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