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Ambition, Baby: Warum U2 die letzte wichtige Rockband sind

Dieser Text erschien ursprünglich in der Musikexpress-Ausgabe 06/2020.

Das U2-Dilemma, verkürzt auf zwei Ereignisse in diesem Frühjahr: Am 17. März, St. Patrick’s Day, verbreitet Bono einen fürchterlichen Song namens „Let Your Love Be Known“ übers Netz, für und inspiriert von „den Italienern“, gewidmet aber auch den Iren, die ihren Nationalfeiertag nicht wie gewohnt feiern können. Puh! Zwei Wochen später spendet die Band dem irischen Gesundheitssystem zehn Millionen Euro, damit es sich im Kampf gegen das Corona-Virus rüsten kann. Wobei U2 mit ihrer Spende nicht hausieren gegangen waren, öffentlich wurde die Aktion erst Tage später. Gut!

 „Die können zwar nicht viel, aber sie besitzen etwas, was ihr noch nicht habt: Haltung“

Häufig erinnern U2 im 42. Jahr ihres Bestehens an einen Erdkundelehrer älteren Jahrgangs: Eigentlich ein korrekter, engagierter Kerl, aber manchmal macht er Sachen, da packst du dir nur noch an den Kopf. Das U2-Dilemma begleitet die Band von Beginn an. Es gibt die Erzählung von einem Gig der ambitionierten Iren, Ende der 70er-Jahre in Dublin, noch vor der Veröffentlichung der ersten LP BOY. Bei diesen frühen Konzerten simulieren U2 schon mal, eine große Band zu sein.

Sie treten an diesem Abend zusammen mit den Mekons auf, einer chaotischen Postpunkband aus Nordengland, besetzt mit sozialistischen Dilettanten, die sich ihr Equipment von der Gang Of Four schnorren müssen. Der Erzählung nach spielen U2 also ihre Show, die großen Gesten sind schon vorhanden, vor allem Bono tut so, als singe er für Tausende, der Applaus ist eher mau. Danach entern die Mekons die Bühne und spielen das Publikum mit ihren sozialistischen Rumpelstücken an die Wand. Es soll dann Paul McGuinness gewesen sein, ab 1978 Manager von U2, ein Job, den er loyal bis 2013 ausführt, der seinen Schützlingen sagte: „Die können zwar nicht viel, aber sie besitzen etwas, was ihr noch nicht habt: Haltung.“

Gesten ja, Haltung nein

Gesten ja, Haltung nein: U2 polarisieren von Anfang an. Das Kernproblem ist ihre unverkennbare Ambition. Schon 1980 werden die Iren zum Bestandteil einer damals relevanten Entweder-oder-Frage: Bist du Echo & The Bunnymen oder U2? Klar, auch die Konkurrenz aus Liverpool ist ambitioniert, ihr Chef Ian McCulloch (Spitzname: „Mac the Mouth“) hält sich bis heute für einen der besten Songwriter und Sänger aller Zeiten. Jedoch ist die Musik von Echo & The Bunnymen von Psychedelia infiziert, sie schillert, besitzt Humor, will nicht eins-zu-eins verstanden werden, die erste Platte heißt CROCODILES. U2 hingegen nennen ihr Debütalbum BOY und zeigen auf dem Cover: einen Jungen. Interessant: BOY kommt in den britischen Charts gerade mal auf Platz 52, CROCODILES erreicht Rang 17. Die Frage, wer das Rennen macht, U2 oder die Bunnymen, ist 1980 also noch keine ausgemachte Sache.

Das ändert sich 1983, mit dem dritten U2-Album WAR (OCTOBER, das zweite von 1981, klingt noch wie eine Pflichtübung). Auf dem Cover ein Foto des gleichen Jungen wie bei BOY, das erste Stück auf Seite A heißt „Sunday Bloody Sunday“ – und damit ist bereits alles gesagt. Ist BOY noch ein Album, das die Kritiker sehr mögen, das sich aber nicht sonderlich gut verkauft, dreht sich die Sache mit WAR um 180 Grad: Die Platte verkauft sich sensationell, fegt Michael Jacksons THRILLER vom Nummer-eins-Spot der UK-Charts, dafür meckern jetzt die Kritiker. Im Verriss des „New Musical Express“ fällt die Formulierung „liberal awareness“, die sehr gut auf den Punkt bringt, worauf Bono ab jetzt mit seinen Texten abzielt: Er will ein Bewusstsein herstellen – für die offensichtlichen Probleme auf der Welt.



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