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Ambition, Baby: Warum U2 die letzte wichtige Rockband sind

Vom offen-naiven Postpunk bis zum Anything-Goes der kunterbunten Postmoderne

Bono singt „The Fly“ und trägt dazu Leder und eine Fliegenbrille, plötzlich können U2 sogar Ironie. Der erste Track „Zoo Sta tion“ wird so produziert, dass Käufer*innen denken sollen, es stecke die falsche LP oder CD in der Hülle. Aus dem Tribut an den Bahnhof Zoo entwickelt sich das Konzept für die „Zoo TV“-Tour, einer Multimedia-Show, die als Satire funktionieren soll. Viele Fans überfordert das, die Band jedoch fühlt sich im postmodernen Deutungshimmel pudelwohl – und legt nach: ZOOROPA transferiert 1993 die „Zoo TV“-Idee aufs Albumformat, bei der Single „Numb“ übernimmt The Edge den Sprechgesang, bei „Lemon“ gibt Bono Prince, bei „The Wanderer“ ist Johnny Cash mit dabei.

Nach einer Live-, einer Remix- und einer Platte mit Soundtracks zu imaginären Filmen unter dem Projektnamen Passengers beenden U2 ihre Innovationsdekade 1997 mit POP: Knietief stecken U2 in den Gaga-90ern, zehn Jahre nach THE JOSHUA TREE ist von den ernsten „Heartland“-Eroberern nichts mehr übrig. Ein ordentlicher Ritt, der genau entlang der Entwicklungslinien der Rock- und Popmusik führt, vom offen-naiven Postpunk über den missionarischen Weltverbesserungseifer rund um Live Aid, den Gigantismus der 80er-Jahre und die politisch-künstlerische Offenheit nach Ende des Kalten Krieges bis zum Anything-Goes der kunterbunten Postmoderne.

Man darf der Band attestieren, dass sie in den ersten 20 Jahren ihrer Geschichte wie ein Seismograph funktioniert, bereit, jede Erschütterung aufzunehmen und für sich zu nutzen. Dass sich U2 seit 2000 in einer musikalischen Komfortzone befinden – das ist mit Blick darauf, was diese Band geleistet hat, total egal.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 06/20.



Willkommen in den Neunzigern: „Never Forget – der 90er-Podcast“ ist da!
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