Kritik

„American Horror Story: 1984” auf Netflix: Großartiges Setting, dröge Handlung

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Die kultige Horror-Anthologie-Serie „American Horror Story“ ist dafür bekannt, mit Tropen des Genres zu spielen und sie durch ästhetische Inszenierung aufzuwerten. In der neunten Staffel nehmen sich Ryan Murphy („Ratched“) und Brad Falchuk („The Politician“) nun einem Jahrzehnt an, das ohne jedes Zutun schon sehr campy ist: Die bunten Achtziger mit ihren Aerobic-Kursen in neonfarbenen Outfits vor Synthesizer-Klängen stehen im Fokus.

Vor eben solcher Kulisse trifft Brooke (Emma Roberts) auf Montana (Billie Lourd), Ray (DeRon Horton), Chet (Gus Kenworthy) und Kursleiter Xavier (Cody Fern). Letzterer soll über den Sommer als Betreuer in einem Ferienlager arbeiten und lädt die Gruppe spontan dazu ein, ihn zu begleiten. Da Serienmörder Richard Ramírez alias „The Nightstalker“ (Zach Villa) sein Unwesen in Los Angeles treibt, ist man froh über die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen.

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Slasher-Klischees mit einem Twist

Schon bevor es richtig losgeht, wird klar, dass die einzelnen Gruppenmitglieder mit typischen Eigenschaften und Funktionen der oftmals überraschend moralisierenden Teenie-Slasher-Filmen ausgestattet sind: Die schüchterne Brooke, für deren Rolle die im AHS-Kosmos bislang ausschließlich als bissige Blondine besetzte Emma Roberts plötzlich brünett wird, ist der Prototyp des „Final Girls“. Der sittsamen, zurückhaltenden – meist sogar jungfräulichen – jungen Frau also, die normalerweise als einzige den Horror überlebt. Ganz ähnlich wie Laurie Strode in „Halloween“.

Mit ihren knappen Outfits, den gebleichten Haaren und dem vielen Make-Up verkörpert Montana das blanke Gegenteil: Als sexuell aufgeladene Frauenfigur ist sie traditionell eine der ersten, die in Gefahr gerät. Auch Billie Lourd wurde für diese Rolle erfrischend anders besetzt. Während sie in den letzten beiden Staffeln „Apocalypse“ und „Cult“ stets als im Kern „guter“ Charakter in Erscheinung trat, darf sie nun endlich als verwegene Antagonistin aufwarten.

Während Chet das archetypische Muskelpaket mimt, scheint Ray die besorgte „gute Seele“ der Gruppe zu sein. Auch die Tatsache, dass er der einzige Schwarze an Bord ist, lässt ihn gemäß dem 80er-Jahre-„Black Dude Dies First“-Horror-Klischee nach ganz oben auf der Todesliste wandern.

Xavier als inoffizieller Anführer ignoriert wiederum, ebenfalls in guter Slasher-Manier, alle Hinweise auf das bevorstehende Übel. Auf der Fahrt zum mysteriösen „Camp Redwood“ hört er während eines Tankstopps seinen Anrufbeantworter ab – doch die darauf befindlichen Drohungen nimmt er genauso wenig ernst wie die verzweifelten Warnungen des Tankwarts.

Aber „American Horror Story“ wäre nicht anhaltend derart erfolgreich, wenn es diese altbekannten Tropen einfach nur reproduzieren würde. Murphy und Falchuk spielen mit ihnen, schlagen ihnen zu gegebener Zeit sozusagen ein Schnippchen. Denn eins wird ebenfalls im Laufe der nächsten Folgen klar: Niemand ist, wer er zu sein scheint.

Serienkiller und Camp-Romantik

Noch am selben Abend, stilecht um das Lagerfeuer versammelt, erfährt die Gruppe von der beunruhigenden Geschichte des Camps: Die als Krankenschwester in Erscheinung tretende Rita (Angelica Ross) erzählt ihnen von den blutigen Taten des Vietnam-Veteranen Benjamin Richters (John Carroll Lynch), der in den Siebzigern unzählige jugendliche Feriengäste brutal erstach. Da er die Ohren seiner Opfer als Trophäe an einem klimpernden Schlüsselbund mit sich führte, wurde er bald nur noch „Mr. Jingles“ genannt. Grund genug, das Gelände schnellstmöglich zu verlassen? Nach Teenie-Slasher-Logik natürlich nicht.

Selbst dann nicht, als die neue Camp-Leiterin Margaret (Leslie Grossman) mitten in die Horrorgeschichte platzt und nicht nur verrät, dass sie damals selbst anwesend war und dem Killer nur knapp entkommen konnte. Sondern auch, dass sie die Wiedereröffnung als nächsten Schritt in ihrem persönlichen Heilungsprozess sieht – und den Ferienlageralltag nach christlich-konservativen Werten organisieren möchte. Die Alarmglocken der Gruppe bleiben aus, und alle bis auf Brooke ruhig.

Aber selbstverständlich bricht „Mr. Jingles“ noch in derselben Nacht aus der Psychiatrie aus und macht sich auf dem Weg zu seiner alten Wirkstätte. Doch nicht nur das: auch besagter Richard Ramírez, der zur gleichen Zeit in Kalifornien tatsächlich 13 Menschen ermordete, findet seinen Weg ins Camp.

Ist alles erzählt, müssen Geister herhalten

So weit, so vielversprechend. Schon nach nur einer Episode hat sich „American Horror Story: 1984“ in Stellung gebracht, um eine aussichtsreiche neunte Staffel voller Querverweise auf Kult-Horrorstreifen wie „Freitag der 13.“ zu werden, die gleichsam das heuchlerische Sittenbild des Genres aufs Korn nimmt. Eine, die die Lust an der Angst vor Serienkillern unter die Lupe nimmt und mit anderen „Modeerscheinungen“ der Achtziger spielt.

All das passiert in der ersten Hälfte der Staffel tatsächlich auf überaus unterhaltsame Weise. Da das Ensemble nach und nach die Masken fallen lässt, tauschen Jagende und Gejagte immer wieder die Rollen. Doch leider ist das Pulver der Geschichte sehr schnell verschossen. Spätestens nach der 5. Folge ist die Verfolgungsjagd auserzählt und was danach kommt, wirkt ärgerlich zusammengewürfelt.

Gerade das Übersinnliche nimmt ab dann immer größeren Raum ein und wirkt im Slasher-Kontext zusehends deplatziert. Geister und Wiederauferstehungen durch Satans Hilfe persönlich wirken wie eine erzählerische Hilfsmaßnahme, um die Handlung auf neun Folgen strecken zu können.

Ästhetisch makellos

Was „1984“ dennoch davor rettet, eine Enttäuschung á la „Freak Show“ (Staffel 4) oder „Hotel“ (Staffel 5) zu werden, ist einerseits der grundsätzlich sehr ambitionierte Ansatz der Staffel und das ästhetisch perfekt abgestimmte Setting andererseits. Von den Schweißbändern bis zum baumelnden Kreuz-Anhänger im Ohr: Der 80er-Jahre-Look wird ebenso mit einem Augenzwinkern zelebriert wie die Musik des Jahrzehnts.

Nicht nur die bestimmenden Größen, wie Black Sabbath, Patti Smith und The Smiths, kommen vor. Sogar One-Hit-Wonder wie Kajagoogoo mit „Too Shy“ werden prominent gefeatured. Eine größere Bühne wird nur Billy Idol gegeben, dem in der Staffel eine ganz eigene (zweifelhafte) Ehre zu Teil wird.

Bleibt zu hoffen, dass die Jubiläumsstaffel wieder an die zuletzt wiedergefundene Stärke von „Apocalypse“ anknüpfen kann. Das Thema der 10. Staffel ist zwar noch nicht bekannt. Fest steht aber bereits, dass diesmal auch wieder die AHS-Urgesteine Evan Peters und Sarah Paulson mit dabei sein werden – und niemand Geringeres als Macaulay „Kevin – Allein zu Haus“ Culkin persönlich. Der stellte bereits Anfang des Jahrtausends in „Party Monster“ unter Beweis, wie gut ihm die Verbindung aus Horror und Camp liegt.

„American Horror Story: 1984“ ist seit 28. November 2020 auf Netflix im Stream verfügbar.

FX Networks
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