„The Watcher“ auf Netflix: Was das Ende der Serie bedeutet

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Der hochproduktive Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Ryan Murphy – Macher von so hervorragend gedrehten und erzählten, gleichsam aber maßlos überzogenen Serien wie „American Horror Story“, „Glee“, „Pose“, „The Politician“ und etlichen weiteren – hat sich selbst überholt: Nachdem sein Serienmörder-Thriller „Dahmer“ wochenlang die Streamingcharts auf Netflix anführte, wurde die Serie über den echten Killer Jeffrey Dahmer nun vom Thron gestoßen – von Murphys jüngster Show „The Watcher“. Und die lässt Zuschauer*innen auch nach ihrem Finale keine Ruhe.

Die siebenteilige Miniserie erzählt eine fiktionalisierte Version einer wahren Begebenheit. Im Jahr 2014 kauften Derek und Maria Broaddus ein Haus in Westfield, New Jersey. Nach ihrem Einzug erhielten sie Briefe von einem unbekannten Absender oder einer Absenderin, der oder die sich „The Watcher“ nannte, sie offenbar beobachtete und sie damit subtil bedrohte. Familie Broaddus durch- und überlebte real eine Form von Psychoterror, den wir sonst zum Glück nur aus Horrorfilmen kennen. Und damit eine Steilvorlage für den neben Hochglanzentertainment auf Angst und Gräuel spezialisierten Ryan Murphy, der aus der wahren Begegebenheit einen klassischen Haunted-House-Plot mit „Whodunnit“-Rätsel gedreht hat.

In „The Watcher“ beziehen Nora und Dean Brannock, gespielt von Naomi Watts und Bobby Cannavale, eine Villa am 657 Boulevard. Nachdem sie diverse ohnehin suspekt erscheinenden Nachbar*innen kennenlernten, finden sie einen Brief in ihrem Briefkasten. Es folgen weitere und damit der Anfang vom Ende des ach so perfekten Familienlebens: Die Brannocks fühlen sich beobachtet und bedroht und geraten in einen immer stärkeren Abwärtssog hinein in die Geschichte des Hauses, des Viertels, der Nachbar*innen und in ihr eigenes dunkles Inneres. Sie trauen niemandem mehr, engagieren eine Privatdetektivin, werden selbst, ständig Wein trinkend, zu Schnüffler*innen und arbeiten – Achtung, Spoiler – im Laufe der sieben spannenden Folgen diverse Verdächtige ab, die „The Watcher“ sein könnten. Zum Beispiel der 19-jährige Dakota, der ihnen ihr Alarmsystem installierte. Mo und Mitch von Gegenüber, über die ihnen ein Vorbesitzer des wohl verfluchten Hauses erzählte, sein Kind hätte sie einst bei einem okkulten Babyopferungsritual beobachtet. Der erstaunlich unbeteiligte Polizist. Die Maklerin Karen. Ein Lehrer und Architekturfan, der schon seine Schüler*innen Briefe an Häsuer schreiben ließ. Ein gewisser John Graff, der hier einst seine Familie ermordet haben und seitdem auf der Flucht sein soll. In der vorletzten Folge beichtet die erkrankte Hobbydetektivin Theodora auf dem Sterbebett, sie sei „The Watcher“. Sie habe sich die Graff-Story ausgedacht, sei selbst Vorbesitzerin des Hauses gewesen und habe es verkauft, um für ihre Behandlung zu zahlen. Ihre Tochter widerspricht nach Birchs Tod: Ihre Mutter hätte sich diese Story nur ausgedacht, um bei der Familie Brannock wieder etwas Frieden einkehren zu lassen – der aber ja ohnehin nicht lange gehalten hätte, weil weitere Briefe folgen. Für Zuschauende verfestigt sich nach etlichen eigenen Spekulationen der Eindruck, dass The Watcher ein Zusammenschluss aller Nachbar*innen gegen die neuen Besitzer sein könnte, doch selbst dann führen nicht alle Fäden zusammen. Vielleicht spukt es ja tatsächlich am 657 Boulevard.

Spoiler: Das passiert in der letzten Folge von „The Watcher“

In der letzten Folge von „The Watcher“ erleben wir endgültig, wie tief das Trauma sich in die Familie eingefressen hat und sie eventuell zu Mittäter*innen werden ließ: Nachdem wir zuvor erfahren hatten, dass Dean einen der Briefe selbst schrieb, scheinen die Brannocks den Absprung geschafft zu haben. Sie veräußern ihr Haus, als Käuferin und damit scheinbar eindeutig als „The Watcher“ stellt sich Maklerin Karen heraus, und ziehen nach New York. Karen selbst wird aber schon in der ersten Nacht von Geräuschen, Bedrohungen und einer dunklen Gestalt auf ihrer Treppe heimgesucht, auch ihr Hund wird ermordet. In der finalen Szene von „The Watcher“ sehen wir Dean im Auto. Seine Frau ruft ihn an, fragt, wie das Bewerbungsgespräch für einen neuen Job lief und lobt ihn für all seine Anstrengung und die Therapie, die er mache. Er sagt, er befinde sich auf dem Heimweg, beide beteuern ihre Liebe. Tatsächlich aber parkt Dean vor ihrem ehemaligen Haus am 657 Boulevard, führt Smalltalk mit dem neuen Besitzer, gibt sich als ein John aus der Nachbarschaft aus, antwortet auf dessen Abschiedsfloskel „See you around then?“ ein unheilvolles „Definitely…“ und beobachtet im Rückspiegel, wie Neubesitzer Ben unter der Post im Briefkasten einen bestimmten Umschlag seltsam zu finden scheint. Und nachdem Dean losfuhr, sehen wir Nora, die ihm mit Abstand in ihrem eigenen Auto nachstellt.

„The Watcher“ scheint damit nach vorherigen Generationen auch weitere zu terrorisieren. Bloß: Ob und inwiefern Dean diesen Job nun übernimmt, wer The Watcher damals war und heute ist – diese eine große Frage lässt Ryan Murphy genau so unbeantwortet, wie sie es in der Vorlage ist. Vorm Abspann lesen wir die Einblendung „THE WATCHER CASE REMAINS UNSOLVED“.

Die echte Familie Broadus hat übrigens mitgeteilt, dass sie sich diese Serie nicht anschauen werden. Schon der Trailer sei retraumatisierend für sie gewesen.


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